DAZ Feuilleton

Ausstellung: Gartenzwerge – belächelt und geliebt

Gartenzier oder Kitsch? Um diese Frage geht es in einer Sonderausstellung im sächsischen Oschatz, die bis zum 27. August zu sehen ist. Gezeigt werden über 150 Gartenfiguren Thüringer Provenienz Ų darunter sowohl historische Gartenzwerge als auch jüngere Kreationen, die den Gartenlieblingen zu einem Comeback und mehr Respekt verhalfen.

Rote Zipfelmütze, weißes Haar und wallender Bart, Pausbacken und ein verschmitztes Lächeln: So kennen und lieben wir die Gartenzwerge. Mit sich selbst und der Welt zufrieden sitzen sie angelnd am Teich, schieben eine mit Blumen bepflanzte Karre vor sich her, halten einen Spaten in der Hand oder schmökern in einem Buch.

Harte Arbeit untertage Das alles sind Freizeitbeschäftigungen, denn von Beruf sind die freundlichen Gesellen Bergleute – wie schon bei Schneewittchen. Bis in das 19. Jahrhundert hinein waren es vornehmlich kleinwüchsige Menschen gewesen, die in den niedrigen Stollen des Thüringer Walds Schiefer und Braunstein abbauten. Die Überlieferung will wissen, dass sie leuchtendrote gepolsterte Zipfelmützen trugen.

Der Kunsthandwerker Philipp Griebel, der 1874 im thüringischen Gräfenroda eine Manufaktur für Terrakottawaren gegründet hatte, gilt als Erfinder des Gartenzwergs. Griebel fertigte anfangs naturgetreue Abbilder von kleinen Tieren oder von Tierköpfen, die präparierten Jagdtrophäen ähnelten und als Wandschmuck dienten. Um 1880 kamen in seinem Betrieb die ersten Gartenzwerge zur Welt. Anfangs gingen sie allerdings noch der harten Arbeit untertage nach, hielten Spitzhacken und Laternen in ihren Händen. Bald darauf gab Griebel ihnen zum Lohn dafür einen Platz an der Sonne, nämlich im Garten.

Des Deutschen liebster Gartengenosse August Heissner, der etwa zur gleichen Zeit wie Griebel eine Manufaktur für Terrakottawaren in Gräfenroda eröffnet hatte, spezialisierte sich ebenfalls auf Gartenzwerge. Auch eine Firma bei Frankfurt/Oder und mindestens zwei Keramikwerkstätten in Böhmen kreierten und fertigten zeitweise Gartenzwerge. Nachdem die Gnömchen – so die Bezeichnung um die Jahrhundertwende – auf der Leipziger Messe 1898 erstmals einem größeren Publikum präsentiert worden waren, eroberten sie rasch die Herzen vieler Freizeitgärtner und breiteten sich in Vorgärten, Schrebergärten und Laubenkolonien aus. Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis 1945 wurde es still um die lustigen Gesellen. Erst mit dem Wirtschaftswunder erlebten sie – insbesondere in Westdeutsch–land – ein Comeback. Die Firma Heissner hatte ihren Sitz nach Hessen verlegt und avancierte nun zum größten Gartenzwerghersteller Deutschlands.

Bis Mitte der 60er-Jahre wurden allein in der Bundesrepublik über zwanzig Millionen Gartenzwerge produziert. Ein japanischer Produzent hatte vergeblich versucht, mit Gartenzwergen "nach Heissners Art" in diesem Markt Fuß zu fassen. Des Deutschen liebster Gartengenosse musste eben authentisch und somit "made in Germany" sein.

Weil Gartenzwerge in der Regel langlebige Geschöpfe sind, ließ die Kauflust allmählich nach. Deshalb entwickelte die Firma Heissner innovative Typen, die sich vom klassischen Zwerg erheblich unterscheiden: 1963 zogen John F. Kennedy, Nikita Chruschtschow, Konrad Adenauer, Willy Brandt und andere Politiker mit roter Zipfelmütze in die Vorgärten der Häuslebauer ein. In Südafrika blieben indessen Wichtel mit schwarzem Teint Ladenhüter. Sie wurden zurückgeordert und umbemalt. 1965 stellte Heissner erstmals Gartenzwerge aus PVC her.

Inbegriff des Spießertums Doch allmählich machten sich die lustigen Gesellen wieder rar. Der Grund: Wer sich offen zu seinen Gartenzwergen bekannte, wurde als Spießer verschrien. Erst durch einen schlagzeilenträchtigen Rechtsstreit Ende der 80er-Jahre gewannen die wehrlosen Gnome die Sympathie vieler Menschen zurück. Eine Klägerin hatte sich durch zwei Gartenzwerge in einer Hamburger Wohnanlage visuell belästigt gefühlt und bekam in der dritten Instanz Recht. Als daraufhin die armen Wichtel in die Verbannung geschickt werden sollten, hagelte es Protestbriefe aus aller Welt, und in der Hansestadt kam es zu Massen–demonstrationen.

Auch Günter Griebel – mittlerweile in dritter Generation Inhaber der traditionsreichen Gräfenrodaer Manufaktur – entrüstete sich über die Willkür und kreierte "Nachbars Opfer", einen Zwerg mit Messer im Rücken. Überhaupt entstand Anfang der 90er-Jahre eine ganz neue Generation von Gartenzwergen, die Personen des öffentlichen Lebens oder menschliches Verhalten oder ganze Berufsgruppen karikierten, so zum Beispiel Helmut Kohl als Einheitskanzler, das Schwulenpärchen Detlef und Martin, die "scharfe Susi", der "Jungfernschreck", ein Zwerg als Metzger und auch ein Wichtel im Apothekerkittel. Sie alle haben mit dem Stammvater des Gartenzwergs nur noch die rote Zipfelmütze gemein.

Zwergenwürde unantastbar Vor vier Jahren nahmen etwa 300 Mitglieder der 1980 gegründeten "Internationalen Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge" am Ersten Deutschen Kongress der Gartenzwerge in Chemnitz teil. Anliegen der von dem Basler Wirtschaftsjournalisten und Nanologen Fritz Friedmann geleiteten IVZSG ist es, die Wichtel – jedoch nur die aus Terrakotta hergestellten – vor übler Nachrede und kriminellen Übergriffen zu schützen. Sie hat einen Codex Nanonicus verabschiedet, in dem eine Anmerkung den Straftatbestand der üblen Nachrede so kommentiert: "Hier denken wir zum Beispiel an die Behauptung, dieser oder jener Politiker sei ein Gartenzwerg. Dies ist aber keine Beleidigung für den Politiker, sondern für den Gartenzwerg."

Fazit: Die Würde des Gartenzwergs ist und bleibt unantastbar.

Museen, Infos, Buch

  • Sonderausstellung im Stadt- und Waagenmuseum Oschatz, Frongasse 1, 04758 Oschatz, Tel. (03435) 920285, Fax 987611 www.oschatz-erleben.de Geöffnet: dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr
  • Museum über die Geschichte der Gräfenrodaer Gartenzwerge Ohrdrufer Str. 1, 99330 Gräfenroda, Tel. (036205) 76470 www.zwergen-griebel.de
  • Weitere Infos:

  • Buch: Friedmann, Fritz: Zipfel auf – Alles über Gartenzwerge. Meier Buchverlag, Schaffhausen 1994, 100 Seiten, 26,45 • ISBN 3-85801-136-3

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