Sucht

Ambulante Entwöhnung von Benzodiazepinabhängigen – Intervention von Apot

Benzodiazepine zählen zu den am häufigsten verordneten Arzneimitteln. Zahlreiche Patien–ten nehmen die Präparate seit langer Zeit und haben sich daran gewöhnt. Obwohl die Dauermedikation zahlreiche gesundheitliche Risiken birgt und immense Folgekosten verursacht, finden Benzodiazepinabhängige im Suchthilfesystem wenig Beachtung. Vor diesem Hintergrund wurde ein niedrigschwelliges Angebot zur ambulanten Entwöhnung entwickelt. Die zweijährige Erfahrung mit 35 Patienten zeigt eine hohe Akzeptanz sowohl bei den Patienten als auch bei den beteiligten Hausärzten. Die Methode hat eine Erfolgsquote von über 75 Prozent, ist kostengünstig und gibt den geheilten Patienten ein Stück Lebensqualität zurück.

Die zugrunde liegende Idee 1,2 Millionen benzodiazepinabhängige Patienten sind eine Herausforderung an unser Gesundheitssystem. An psychiatrischen Kliniken kann ihnen mit effizienten Konzepten geholfen werden. Doch drängt sich die Frage auf, ob diese Angebote ausreichen. Welcher Patient, der seine Gewöhnung an Benzodiazepine überhaupt nicht als Problem realisiert und keine Notwendigkeit für eine Änderung seines Verhaltens sieht, begibt sich zur Entwöhnung in eine psychiatrische Einrichtung? Auch eine Suchtambulanz dürfte manche Patienten abschrecken. Und längst nicht jeder Patient hat eine entsprechende Einrichtung in seiner Nähe. Eine ambulante Entwöhnung könnte aber auch in der Apotheke beginnen.

Apotheker erkennen bei der wiederholten Verschreibung die "kritischen" Patienten und können die Initiative zur Entwöhnung ergreifen. Denn auch die Hausärzte sehen die Notwendigkeit einer Entwöhnung oftmals nicht oder erst sehr spät. Wenn der Arzt den Patienten auf die Probleme der Verordnung anspricht, ist die Abhängigkeit oftmals bereits so stark ausgeprägt, dass der Patient ein Absetzen der Medikation nicht akzeptiert. Oft mangelt es dem Arzt schlicht an Zeit, um ein so komplexes, schwieriges Thema wirkungsvoll anzusprechen. Zudem muss er fürchten, den Patien–ten zurückzuweisen und vielleicht sogar zu verlieren [1]. Könnte hier nicht ein patientenorientiertes und zielgerichtetes "Pharmaceutical Care" sowohl den Arzt als auch den Patienten unterstützen? Denn die Beratungspflicht des Apothekers gegen–über Medizinern wie Patienten beschränkt sich nicht auf frei verkäufliche Präparate. Seine Beratung muss er insbesondere bei "kritischen" Verordnungen leisten. Deshalb können Arzt und Patient ihm kaum ein "Einmischen in die Therapie" unterstellen, wenn er eine Dauermedikation bedenklich findet. Auf diesen Überlegungen baut die ambulan–te Entwöhnung benzodiazepinabhängiger Patienten in Zusammenarbeit von Apotheker und Hausarzt auf.

Grundsätzlich ist bei benzodiazepinabhängigen Patienten auf eine mögliche Komorbidität, eine Abhängigkeit von weiteren Stoffen und ein komplexes Krankheitsbild, das ein integratives Behandlungskonzept in einer Fachklinik erforderlich macht, zu achten. Für solche Patienten ist dieses Modell nicht geeignet.

Der erste Kontakt mit den Ärzten Bei einer ersten Kontaktaufnahme hat der Apotheker verschiedenen Ärzten und Hausärzten im näheren Umkreis das Modell der Entwöhnung mit pharmazeutischer Unterstützung vorgestellt. Die Idee wurde von ärztlicher Seite größtenteils begrüßt und dankbar aufgenommen. In diesem Gespräch wurde festgelegt, welche Patienten grundsätzlich in Frage kommen und in welcher Form und welchem Ausmaß ein Austausch über den Fortgang der Entwöhnung gewünscht ist. Auch wurde besprochen, ob eine indikationsübergreifende Arzneimittelanamnese erwünscht ist. Patienten, die Medikamente aufgrund eines Krampfpotenzials erhielten, wurden ausgeschlossen.

Das Arzt-Patient-Gespräch Der Arzt wählt nach eigenem Ermessen einen Patienten mit langfristiger Benzodiazepinverordnung für eine Entwöhnung aus und sagt ihm, dass sich der Apotheker demnächst telefonisch bei ihm melden werde, um mit ihm über sein Schlaf- oder Beruhigungsmittel zu sprechen. Der Arzt braucht den Patienten dabei nicht auf kritische Punkte der Medikation hinzuweisen wird, denn auch die Motivation des Patienten zur Entwöhnung ist in diesem Modell überwiegend Aufgabe des Apothekers.

Der erste Kontakt zwischen Apotheker und Patient Nach Mitteilung durch den Arzt nimmt der Apotheker mit dem Patienten Kontakt auf und erklärt dabei mit wenigen Sätzen, worum es bei der Entwöhnung geht. Wichtig beim Erstkontakt ist, den Patienten nicht gleich mit Informationen zu überrumpeln und ihn dadurch in eine Abwehrhaltung zu drängen. Der vorsichtige Einstieg in das komplexe Thema könnte etwa so ablaufen: "Ihr Hausarzt, Herr Dr. ..., hat mich gebeten, Sie anzurufen. Er hat mir berichtet, dass Sie schon längere Zeit... einnehmen. Sie nehmen ein gutes Medikament ein, das aber nach einiger Zeit auch ein paar Probleme machen kann. Gerne erkläre ich Ihnen das etwas genauer. Wenn Sie möchten, machen wir doch einfach einen Termin aus..."

Auf diese Weise angesprochen, werden die Patienten einerseits dafür sensibilisiert, dass ihre Dauertherapie irgendwie problematisch sein könnte, sie bleiben aber zugleich offen, vielleicht sogar neugierig für weitere Gespräche, und der erste, beinahe alles entscheidende Schritt ist getan.

Das erste Gespräch von Apotheker und Patient Das darauf folgende Erstgespräch mit dem Patienten findet meist in seiner häuslichen Umgebung statt. Es soll den Patienten detailliert über die Problematik der Medikation aufklären und ihn vom Nutzen der Entwöhnung überzeugen. Denn ohne Problembewusstsein wird der Patient keinen Behandlungswunsch äußern [13]. Die Mehrzahl der Benzodiazepinabhängigen erkennt die Gefahren der Therapie nicht. Sie schlucken ihre Pillen brav seit Jahrzehnten und "brauchen sie einfach", nach ihren eigenen Worten. Vielleicht haben sie schon mal was von Gewöhnung gehört, meistens jedoch nicht von der Sturzgefahr, der Kumulation, der Tagessedierung und dem Wirkungsverlust. Sie wissen also nicht, dass ihre Gangunsicherheit mit der Medikation zusammenhängt.

Ohne Angst zu erzeugen, aber dennoch klar und deutlich weist der Apotheker auf das Gefahren–potenzial von Benzodiazepinen hin. Ebenso muss er aber auch deren Sinn und Nutzen erklären. Denn schließlich wird das Medikament vom Hausarzt verordnet und hat für den Patienten positive Aspekte. In keiner Weise darf beim Gespräch das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Hausarzt negativ beeinträchtigt werden.

Hat der Patient die Risiken der Dauermedikation verstanden, teilt der Apotheker ihm den genauen Zeitplan der Entwöhnung mit, informiert ihn über die Entzugserscheinungen, die auftreten können, und gibt ihm Tipps für einen gesunden Schlaf. Es ist wichtig, dass der Patient das Gefühl hat, aktiv etwas für seinen Schlaf tun zu können.

Bei einer lang andauernden Einnahme eines Benzodiazepins kommt es zu einer Abnahme der anxiolytischen und hypnotischen Wirkung [14], sodass viele Patienten trotz langjährigem Schlafmittelkonsum schlecht schlafen. Dies relativiert die Ein- und Durchschlafprobleme während des Entzugs.

Während oder nach dem Gespräch erstellt der Apotheker in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt einen individuellen Therapieplan und erklärt ihn dem Patienten, wobei er durch offenes Nachfragen prüft, ob die Botschaft angekommen ist. Es kann sinnvoll sein, pflegende Angehörige mit in das Gespräch einzubeziehen. Nach meiner Erfahrung mit 35 Patienten dauert das Erstgespräch 20 bis 60 Minuten.

Unterstützung durch ein Baldrianpräparat Unterstützt wird die Entwöhnung durch ein Baldrianpräparat, das beruhigend wirkt, aber kein Abhängigkeitspotenzial und keine Nebenwirkungen aufweist [4, 15, 16]. Der Patient beginnt bereits ein bis zwei Wochen vor der Benzodiazepinreduktion, das neue Präparat regelmäßig einzunehmen. Im Rahmen der Entwöhnung wurde den Patienten das Baldrian-Hopfen-Kombinationspräparat Alluna Nacht empfohlen, dessen Wirksamkeit und Verträglichkeit in zahlreichen Studien belegt wurde [6, 7, 8]. Je nach Schweregrad der Abhängigkeit betrug die Dosis ein oder zwei Dragees eine halbe Stunde vor dem Zubettgehen.

Schonende Dosisreduktion Ambulante Entwöhnungen sind grundsätzlich sehr schonend durchzuführen. Die Patienten sollen ihr Medikament, das sie seit Jahren, bisweilen seit Jahrzehnten einnehmen, nicht abrupt absetzen. Der vereinbarte Zeitplan richtet sich neben pharmakologischen Gesichtspunkten (Dosis und Kinetik der verabreichten Präparate) vor allem nach der persön–lichen Lebenssituation des Betroffenen und möglichen Stresssituationen. Ungünstig wäre es für viele Betroffenen beispielsweise, eine Entwöhnung kurz vor Weihnachten zu beginnen. Weitere aktuelle, manchmal unverständliche, aber für den Patienten subjektiv empfundene Hindernisse und Belastungen sind zu erfragen.

Weitere Gesprächsinhalte Beim Gespräch mit alten Menschen, die unter Schlafstörungen leiden, stößt man immer wieder auf ganz banale Gründe für ihre Insomnie oder Pseudoinsomnie: Viele Menschen gehen schon um acht Uhr abends zu Bett und erwarten dennoch, dass sie bis sieben Uhr morgens durchschlafen. Ihnen ist leicht verständlich zu machen, dass sie bereits um drei Uhr morgens ausgeruht sind. Sie begreifen auch, dass es wenig Sinn macht, die Schlafdauer über das natürliche Maß hinaus mit einer "chemischen Keule" künstlich zu verlängern. Denn ein erzwungenes Zuviel an Schlaf bringt weder Leistungssteigerung noch Schutz vor Krankheiten.

Ein weiteres Ammenmärchen, mit dem man in einem Patientengespräch aufräumen kann, ist die verbreitete Annahme, dass Anstrengung vor dem Zubettgehen müde und schlafbereit macht. Das Gegenteil ist der Fall. Sowohl körperliche als auch geistige Aktivitäten – dazu zählt auch der aufregen–de Krimi – lassen den Organismus eher "überdrehen" und verzögern dadurch die Einschlafneigung. Deshalb sollten vor dem Zubettgehen ein paar Stunden entspannende Zwischenzeit eingeschaltet werden.

Tipps für eine erfolgreiche Entwöhnung Weitere Tipps für Patienten mit Ein- und Durchschlafstörungen [5, 9, 10]:

  • Regelmäßige Zeiten für das Zubettgehen und das morgendliche Aufstehen einhalten, auch am Wochenende und im Urlaub (kein sonntägliches Ausschlafen).
  • Tagesnickerchen vermeiden.
  • Nicht länger als notwendig im Bett bleiben, nicht wach im Bett herumliegen.
  • Die Abend- und Nachtstunden so entspannend wie möglich gestalten (nicht arbeiten, besser Spazieren gehen).
  • Regelmäßige körperliche Betätigung am Nachmittag erleichtert das Einschlafen.
  • Eine angenehme und Schlaf fördernde Gestaltung des Schlafzimmers, kein Lärm, Raum–temperatur zwischen 16 und 18 Grad, gute Matratze.
  • Nur ein leicht verdauliches Abendessen zu sich nehmen.
  • Abendliche Alkohol- und Coffeinkarenz einhalten, den abendlichen Zigarettenkonsum minimieren.
  • Nachts nicht auf die Uhr sehen.

Ein besonders wichtiger Ansatzpunkt: Viele alte Menschen mit Benzodiazepinkonsum haben schon nächtliche Stürze hinter sich und sind sehr zugäng–lich, wenn man sie über das Risiko von Frakturen aufklärt. Gern sind sie bereit, über eine Entwöhnung selbst dazu beizutragen, einen Knochenbruch zu vermeiden. Die Kunst der Gesprächsführung besteht darin, mit verständlichen Worten Zusammenhänge klar zu machen und die Eigenverantwortung des Patienten zu stärken.

Einige Fälle aus dem Entwöhnungsprojekt Exemplarisch werden im Folgenden acht Fälle des Projekts kurz geschildert:

(1) Herr R. K ist ein 78-jähriger, multimorbider marcumarisierter Patient mit Morbus Parkinson, Herzrhythmusstörungen, Spannungskopfschmer–zen, einer leichten Depression, Blasenfunktionsstörung, beginnender Demenz und zwei Stürzen in jüngster Vergangenheit. Er nahm seit über zehn Jahren täglich Bezodiazepine ein, zuletzt eine Tablette Remestan 20 (Temazepam) zur Nacht. An den Grund der ursprünglichen Verordnung kann er sich nicht mehr erinnern. Er konnte mit Hinweis auf die Sturzgefahr relativ rasch von der Notwendigkeit einer Entwöhnung überzeugt werden. Das Reduktionsschema wurde sehr schonend über 32 Wochen durchgeführt. Trotz kleinerer Rückfälle erreicht der Patient die Karenz (jetzt: über ein Jahr lang).

(2) Frau D. P., 83 Jahre alt, leidet unter Hyper–tonie, Osteoporose, Refluxösophagitis und Struma nodosa. Seit über 30 Jahren (!) nahm sie regelmäßig eine Tablette Normoc (Bromazepam) zur Nacht; seitdem ihr Arzt auf sie einwirkte, nahm sie nur noch eine halbe Tablette. Die Dosis wurde auf 1/4 Tablette reduziert, dann erfolgte die Umstellung auf eine halbe Tablette Bromazanil 3 (wegen geringerer Wirkstoffmenge), später 1/4 und 1/8 Tablette, dann Karenz.

(3) Frau M. M., 62 Jahre alt, leidet unter gelegentlichen Panikattacken und leichten depressiven Störungen, weswegen sie bereits in einer psychiatrischen Landesklinik war. Außerdem hat sie Diabetes mellitus, Bluthochdruck, Erschöpfungszustände und Spannungskopfschmerzen. Seit zehn Jahre nahm sie Benzodiazepine, zuletzt morgens und abends je eine halbe Tablette Alprazolam 0,5 und bei Bedarf zur Nacht eine halbe Tablette Bromazep 6. Mit ihr wurde ein striktes Reduktionsschema über 24 Wochen bis zur Karenz vereinbart, das bei drei weiteren Besuchen und acht Telefonaten relativ engmaschig überprüft wurde. Zu Beginn schien die Patientin schwer zu führen, war dann aber gut zu motivieren und hat den völligen Entzug trotz kleiner Rückfälle erreicht (jetzt: ein Jahr lang). Sie ist sehr dankbar und beschreibt ein völlig neues, positives Lebensgefühl. Sie nimmt regelmäßig das Baldrian-Hopfen-Präparat ein, das ihr nach eigenen Worten bei der Entwöhnung sehr geholfen hat.

(4) Herr H. K. ist ein 76-jähriger, sehr dominanter Patient mit Bluthochdruck, der seit drei Jahren eine Tablette Diazepam 10 zur Nacht einnimmt. Er lehnte bereits nach wenigen Tagen das vereinbarte vorsichtige Reduktionsschema ab und setzte das Diazepam abrupt vollständig ab. Diese Karenz hielt er nur wenige Tage aus und begann dann erneut mit der Einnahme. Er konnte erneut zur langsamen (!) Reduktion motiviert werden, setzte das Präparat jedoch wiederum abrupt ab, was er nur kurze Zeit durchhielt. Vermutlich verärgert über sein eigenes Scheitern, lehnte er weitere Kontakte erbost und endgültig ab.

(5) Frau M. K., 83 Jahre alt, ist eine sehr zurückhaltende, sympathische Patientin mit ausgeprägter, schmerzhafter Restless-legs-Symptomatik und einer nicht endgültig abgeklärten Depression. Sie nahm seit acht Jahren eine Tablette Remestan 20 (Temazepam) zur Nacht. Die schmerzhaften nächtlichen Beinbewegungen erschweren ihr die Entwöhnung. Dennoch führt sie die Reduktion bis zur Karenz durch. Nach 26 Wochen, vier Treffen und sechs Telefonaten ist die Entwöhnung erfolgreich abgeschlossen.

(6) Frau C. U., 84 Jahre alt, leidet an Schwindel, Gangunsicherheit sowie Bluthochdruck. Seit vielen Jahren nimmt sie regelmäßig eine halbe Tablette Adumbran 10 (Oxazepam) zur Nacht. Diese nicht besonders hohe Dosis konnte nach Absprache halbiert werden. Über vier Monaten wurde vergeblich versucht, die Karenz zu erreichen. Danach wird der Patientin die Viertel-Tablette dauerhaft gelassen.

(7) Herr G. C. ist ein 43-jähriger Patient, der seit einem schmerzhaften Bandscheibenvorfall vor drei Jahren regelmäßig eine Tablette Zopiclon 7,5 zur Nacht nimmt. An Wochenenden hat er diese Dosis noch gesteigert. Er hat bereits mehrere Auslassversuche hinter sich, die aufgrund von Entzugssympto–men gescheitert sind. Der Patient war bereits beim Erstgespräch vom Sinn einer Entwöhnung überzeugt. Die Therapie bestand aus einem relativ raschen Ausschleichen; die geringe Restdosis von 1,85 mg Zopiclon wurde auf Patientenwunsch über sieben Wochen beibehalten, dann erst war dauerhafte Karenz möglich.

(8) Frau H. T., 73 Jahre alt, ist eine aktive, willensstarke Person, die im Alltag sehr gefordert ist. Sie ist Mutter eines durch Epilepsie schwerst–behin–derten Sohnes, macht sich um ihn große Sorgen und begann vor über zwanzig Jahren, Diazepam einzunehmen. Beim ersten Zusammentreffen nahm sie eine Tablette Diazepam 10 zur Nacht. Unter gleichzeitiger Behandlung mit dem Baldrian-Präparat gelang Frau T. die Reduktion bis zur Karenz. Sie kann trotz gelegentlicher Durchschlafprobleme diesen Zustand langfristig halten.

Ergebnisse und Auswertung Insgesamt wurden in dieses Modell 35 Patienten aufgenommen, darunter 20 Frauen und 15 Männer. Das Durchschnittsalter lag bei 72,6 Jahren. Der jüngste Patient war 29 Jahre alt, die älteste Patientin 92 Jahre alt. Zwei Drittel der Patienten waren über 70 Jahre alt.

Die Patienten fühlten sich geehrt, dass ein Apotheker ihnen so viel Aufmerksamkeit widmet und sich Zeit für sie nimmt. Mit einer Ausnahme waren alle angesprochenen Patienten bereit, eine Entwöhnung zu "wagen". Die Dauer der Gespräche und die Anzahl der persönlichen Kontakte waren sehr unterschiedlich. Im Mittel dauerte das Erstgespräch etwa 45 Minuten. Meist wurden weitere persönliche Gespräche und Telefonate geführt.

  • 20 der 35 Patienten erreichten die Karenz,
  • sieben Patienten senkten die Benzodiazepindosis,
  • bei acht Patienten waren die Bemühungen nicht erfolgreich.

Bei 16 der erfolgreich oder teilerfolgreich behandelten Patienten konnte mehrere Monate nach Abschluss der Entwöhnung (meist nach sechs bis zehn Monaten) eine Befragung durchgeführt werden, ob sie ihren Status halten konnten. Alle befragten Patienten hatten ihre Karenz bzw. ihre reduzierte Dosis gehalten.

Persönliche Erfahrungen Beschäftigt man sich mit dem Themenkomplex Sucht und Psychopharmakagebrauch, begegnet man vielen alten Menschen, denn 80 Prozent der Langzeitverordnungen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln gehen an Patienten über 55 Jahre [12]. Wichtig beim Umgang mit benzodiazepin–abhängigen alten Menschen ist vor allem, sie richtig anzusprechen. Damit ist nicht nur die Wortwahl gemeint, sondern auch ein empathisches Zuwenden. Soziologen und Psychologen sprechen von "motivationaler Gesprächsführung". Sie zielt darauf ab, die Eigenverantwortung und Eigenmotivation des Patienten herauszuarbeiten [11].

Der alte Mensch mit häufig erschütternden, teilweise lebenslang unverarbeiteten Erlebnissen, Verlusten und Entbehrungen verdient persönlich unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und Achtung. Durch aufmerksames Zuhören – das schließt ein interessiertes Nachfragen ein – wächst ein Stück Nähe und Vertrauen und eine Atmosphäre, in der sich der Patient geborgen fühlt [3]. So lässt sich auch über kritische Punkte wertschätzend miteinander kommunizieren [17]. Auch eine problematische Medikation lässt sich offen ansprechen, was eine Voraussetzung für die Entwöhnung ist.

Mit den beteiligten Ärzten entwickelte sich eine beidseitig höchst zufrieden stellende und angenehme Zusammenarbeit. Man arbeitet am gleichen Ziel und stellt dabei viele verbindende Aspekte fest.

Wenn man sich in Ruhe auf die Patienten einlässt, kommen nach meiner Erfahrung im Verlauf der Gespräche nicht selten noch andere medizinisch-pharmazeutische Fragen, beispielsweise zur Schmerz- oder Blutdruckmedikation, auf den Tisch. Deshalb sollte der Apotheker mit den Ärzten bereits zuvor klar absprechen, ob ein über die Entwöhnung hinausgehendes "Einmischen" in die Therapie erwünscht ist. Generell muss der Apotheker es vermeiden, sich auf rein ärztliches Terrain zu begeben. Er kann aber seine Beobachtungen an den behandelnden Hausarzt weitergeben und gegebenenfalls Vorschläge zur Änderung der Medikation machen. Denn die Beratung bei der Therapie gehört zu den pharmazeutischen Aufgaben. Nicht selten haben mir Patienten gesagt, dass sie die Benzodiazepine gegen ihre chronischen Schmerzen nehmen, was dem verordnenden Arzt oft nicht bewusst war.

Patienten mit einer Hochdosisabhängigkeit sollten nicht ambulant, sondern in stationären psychiatrischen Einrichtungen entwöhnt werden. Dies zeigen die Erfahrungen mit einem 29-jährigen Patienten (mindestens drei Tabletten Zopiclon jeden Abend) und einer 44-jährigen Patientin (jede Nacht drei Tabletten Zolpidem). Beiden Patienten konnte ambulant nach ersten, kurzfristigen Teilerfolgen nicht nachhaltig geholfen werden.

Die Patientengespräche empfinde ich fast ausnahmslos als sehr angenehm. Der Erfolg, die Gewissheit, sehr vielen Patienten nachhaltig geholfen zu haben, und die tiefe Dankbarkeit zahlreicher Patienten geben mir eine hohe fachliche und menschliche Zufriedenheit und den Ansporn, weiteren Betroffenen zu helfen.

Sucht im Alter – lohnt sich eine Intervention? Der medizinischen Betreuung von alten Menschen wird nach aktuellen demographischen Daten schon in naher Zukunft eine größere Bedeutung zukommen: Während zurzeit der Anteil der über 60-jährigen Bundesbürger bei etwa 22 Prozent liegt, ist in den nächsten fünfzig Jahren mit einer Verdoppelung zu rechen. Dies erfordert ein gesamtgesellschaftliches Umdenken, ein umfangreiches Wissen und kompetente Antworten auf zahlreiche gesundheitsbezogene Fragen. Positiv formuliert eröffnet es aber auch neue Aufgabenfelder für verschiedene Berufsgruppen im sozialen und im medizinischen Bereich [2].

Derzeit herrscht immer noch die Meinung vor, Suchthilfe im Alter lohne sich nicht. Auch von manchen Hausärzten hört man auf gezielte Nachfrage gelegentlich Sätze wie: "Lassen Sie ihr doch einfach ihre Schlaftabletten. Sie ist schon so alt und nimmt sie doch schon seit zwanzig Jahren."

Hat eine 80-jährige Rentnerin denn kein Recht darauf, ihren Lebensabend frei und nicht "zugedröhnt" zu verbringen? Ist das Alter ein Grund, sie permanent ruhig zu stellen und ihr den Alltag zu erschweren? Vielleicht könnte sie sich noch selbst versorgen. Warum soll man sie in die soziale Vereinsamung drängen? Oder ungewollt das Risiko für einen Sturz und Knochenbruch steigern?

Ausblick Ohne Etablierung neuer Suchthilfeeinrichtungen könnte durch die Zusammenarbeit von – entsprechend geschulten – Apothekern und Hausärzten mit relativ geringem Zeitaufwand vielen benzo–diazepinabhängigen Patienten die Entwöhnung ermöglicht werden. Neben einem Gewinn an Lebensqualität der Patienten könnte ein beachtliches gesundheitsökonomisches Einsparpotenzial erreicht werden. Diese Methodik soll keine Konkurrenz für die hochqualifizierten Entwöhnungsangebote in Fachkliniken darstellen, sondern eine Ergänzung oder vielleicht sogar eine Bereicherung des Spektrums an Hilfsangeboten, gerade für ländliche Regionen, die auf keine Suchtambulanz einer Universitätsklinik zurückgreifen können. Denn Chancen kann man nie genug haben...

Literaturtipp

Verdammt und zugedröhnt?

Allzu oft wird der Drogensüchtige ins gesellschaftliche Abseits gestellt. Doch kann es nicht jeden treffen? Direkt oder indirekt? Dieses Buch vermittelt ein umfassendes Verständnis zur Drogen- und Suchtproblematik und beleuchtet auch psychologische, soziale und individuelle Gesichtspunkte: Welche Drogen werden verwendet und wie wirken sie? Wie entsteht Sucht und woran erkennt man die Drogenabhängigkeit? Wie sieht frauenspezifisches Suchtverhalten aus? Welche Therapien gibt es und wie wirksam sind diese? Wie kann Drogensucht verhindert werden?

Die Autoren geben Auskunft und informieren kompetent. Wissen ist Macht, und eine starke Waffe im Kampf gegen Drogen und Sucht. Für alle, die bereit sind zum Kämpfen!

Pallenbach, Ernst Ditzel, Peter Drogen und Sucht Suchtstoffe - Arzneimittel - Abhängigkeit - Therapie Wissenschaftliche Verlags–gesellschaft, Stuttgart 2003. 312 S., 33 s/w Abb., 3 Tab. Kartoniert 39,00 Euro ISBN 3-8047-1951-1

Hohe Erfolgsquote Mit der beschriebenen Methode wurden 57 Prozent der Patienten bis zur Benzodiazepinkarenz entwöhnt. 20 Prozent der Patienten reduzierten die Benzodiaz–epindosis. Addiert man Erfolg und Teilerfolg, so liegt die Erfolgsquote bei 77 Prozent. Dies zeigt, dass es eine kostengünstige Methode gibt, benzodiazepin–abhängigen Menschen zu helfen. Möglicherweise kann damit nach entsprechender Schulung von Apothekern sehr viel mehr Patienten geholfen werden.

Zitate "In der hausärztlichen Praxis begegnen mir häufig Patienten mit langfristiger Benzodiazepinverordnung. Sie können sich oft nicht vorstellen, ohne ihr Benzodiazepin auszukommen. Es ist schwierig, ihnen ein Problembewusstsein dafür zu vermitteln oder sie von einer Dauereinnahme abzuhalten. Die Entwöhnung von Patienten mit langem Benzodiazepinkonsum durch den Apotheker ist eine große, zusätzliche Chance für meine Patienten und Bereicherung für mein Therapieangebot. Die Zusammenarbeit ist sehr angenehm und für mich nur mit geringem Aufwand verbunden. Viele Patienten können erfolgreich bis zur Karenz entzogen werden. Das Vertrauensverhältnis zwischen meinen Patienten und mir wurde –dabei in keiner Weise belastet, im Gegenteil – es wurde gestärkt. Ich würde mir wünschen, wenn mit dieser Methode vielen weiteren Menschen –geholfen werden könnte." Dr. J. Meyen, Hausärztlicher Internist, Villingen-Schwenningen

"Es gilt dem Leben nicht nur Jahre zu geben, sondern den Jahren Leben zu geben. Langlebigkeit verpflichtet uns aber auch zu einem gesunden Alter. Es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern wie man alt wird." Prof. Dr. Klaus Wanke

Danksagung

Ich danke den beteiligten Ärzten in Villingen-Schwenningen ganz herzlich für ihr Interesse, die Unterstützung dieser Arbeit und die angenehme, konstruktive und offene Zusammenarbeit: Dr. Jan Meyen, Dr. Manfred Benzing, Dr. Eckehard Britsch, Dr. Sonja Kloess-Kolepke, Dr. Berthold Graf, Dr. Haydar Özcan.

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2 Kommentare

Lorszepan

von Ulrike am 03.12.2019 um 13:50 Uhr

mir wurde nach erfolgreicher krebs op 2009 lorazepam 0,5 zum schlafen verordnet. Der krebs ist besiegt, dafür habe ich ein anderes problem. Lorazepam nehme ich immer noch . Ich erhalte es problemlos verordnet. Gern möchte ich davon endlich loskommen . Ich las hier , dass das möglich ist. Wer schickt mir einen plan ? Mit pflanzlichen mitteln. Sonst hab ich keine hilfe dazu. Danke . Mit freundlichen Grüßen

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Lorszepan

von Ulrike am 03.12.2019 um 13:50 Uhr

mir wurde nach erfolgreicher krebs op 2009 lorazepam 0,5 zum schlafen verordnet. Der krebs ist besiegt, dafür habe ich ein anderes problem. Lorazepam nehme ich immer noch . Ich erhalte es problemlos verordnet. Gern möchte ich davon endlich loskommen . Ich las hier , dass das möglich ist. Wer schickt mir einen plan ? Mit pflanzlichen mitteln. Sonst hab ich keine hilfe dazu. Danke . Mit freundlichen Grüßen

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