Schwerpunkt Reisemedizin

Reisekrankheit – wenn die Fahrt zum Übel wird

"Wenn ich die Fahrt nur schon hinter mir hätte", denkt sich so mancher vor Reiseantritt. Immerhin leiden Millionen Deutsche bei Auto-, Bus-, Schiffs- oder Flugreisen an Reiseübelkeit. Da die wirksamen Medikamente dagegen vorwiegend aus dem OTC-Segment stammen, ist dieses Thema ein klassisches Betätigungsfeld im HV. Ein kompetentes Beratungsgespräch dazu lässt sich durch nützliche Verhaltenstipps gekonnt abrunden.

Ob als Kinetose, Nausea, motion sickness, Bewegungsschwindel oder Reisekrankheit bezeichnet – man versteht darunter stets Reaktionen des Organismus auf ungewohnte Bewegungs- oder Beschleunigungsreize. Wer bereits unliebsame Erfahrung mit Reiseübelkeit gemacht hat, weiß die typischen Frühsymptome zu deuten: Müdigkeit, zwanghaftes Gähnen, leichte Kopfschmerzen und Schwindelgefühl kündigen die Reiseübelkeit an. Kinder werden oft auffallend ruhig, teilnahmslos und blass. Spätestens ein kalter Schweißausbruch, vermehrte Speichelsekretion und ein flaues Gefühl im Magen sind Signale zum Handeln, um das eigentliche Erbrechen noch zu verhindern.

Wen es am häufigsten erwischt

Prinzipiell kann jeder Mensch reisekrank werden. Doch die individuelle Anfälligkeit differiert stark: Schätzungsweise 5 bis 10% der Menschen reagieren sehr empfindlich, während ebenso viele praktisch resistent gegen Kinetosen sind. Personen mit Neigung zu Schwindelgefühlen sowie Migränepatienten sind erfahrungsgemäß besonders anfällig. Frauen sind statistisch häufiger betroffen als Männer, Asiaten häufiger als Europäer. Die größte Patientengruppe stellen Kinder dar. Das Prävalenzmaximum liegt zwischen dem zweiten und zwölften Lebensjahr. Säuglinge sind weitgehend davor gefeit, da ihr Gleichgewichtsorgan noch nicht vollständig ausgebildet ist.

Nach dem 50. Lebensjahr kommt Reiseübelkeit nur noch selten vor. Vermutlich, weil die dafür verantwortlichen Sinnesorgane mit zunehmendem Alter unempfindlicher werden.

Datenkonflikte in der Schaltzentrale

Kinetosen liegt letztlich ein Konflikt zwischen verschiedenen Sinneseindrücken zugrunde. Auf kurvenreichen Autofahrten, bei Turbulenzen im Flugzeug oder bei starkem Seegang ist der Körper intensiven, unnatürlichen Beschleunigungen und raschen Gleichgewichtsveränderungen ausgesetzt. Diese Reize werden vom Vestibularapparat im Innenohr aufgenommen und verarbeitet. Sie decken sich dann jedoch nicht mit der optischen Sinneswahrnehmung, da während der Fahrt rasch vorüberziehende Gegenstände visuell nur ungenügend fixiert werden können. Im Gleichgewichtszentrum des Gehirns gehen also unterschiedliche, scheinbar widersprüchliche Signale ein. Diese werden vom Gehirn als Gefahrensituation interpretiert. Die Folge sind vegetative Reaktionen sowie eine Aktivierung des Brechzentrums in der Medulla oblongata. Kinetosen stellen somit weniger eine Krankheit dar als vielmehr eine physiologische Reaktion auf ungewohnte Reize, an die der betroffene Organismus nicht angepasst ist. Aber auch psychische Einflüsse, eine negative Erwartungshaltung ("mir wird gleich schlecht") sowie organoleptische Sinneseindrücke (Fäkaliengeruch, Anblick von Erbrochenem etc.) spielen dabei eine Rolle.

"Ich brauche etwas gegen Reiseübelkeit"

Aufgrund ihrer antiemetischen Wirkkomponente haben sich H1-Antihistaminika in der Selbstmedikation von Reiseübelkeit seit Jahren etabliert. Die Wirkstoffe greifen in der Area postrema am Boden des 4. Hirnventrikels an und unterdrücken dort den Brechreiz. Neben Diphenhydramin (z. B. Emesan®) spielt in der Praxis Dimenhydrinat, das 8-Chlortheophyllin-Salz des Diphenhydramins (z. B. Reisegold®tabs, Reisetabletten-ratiopharm®, Vomacur®, Vomex®), die wichtigste Rolle. Letzteres soll durch seinen zentral anregenden Effekt die sedierende Nebenwirkung, welche diese H1-Antihistaminika mit sich bringen, etwas kompensieren.

Wird in der Apotheke ein Mittel gegen Reiseübelkeit verlangt, gilt es – neben dem Alter des Reisenden – zunächst Folgendes abzuklären: "Möchten Sie das Mittel nur für den Fall eines Falles mit auf die Reise nehmen oder wird es Ihnen regelmäßig auf der Fahrt übel?" Je nach dem empfehlen sich unterschiedliche Darreichungsformen: Wird nur ein "Stand-by-Medikament" benötigt, sind schnell wirksame Reisekaugummis das Mittel der Wahl. Wer dagegen regelmäßig von Reise–übelkeit geplagt wird, sollte schon prophylaktisch ein Anti–emetikum einnehmen. Ein wichtiger Abgabehinweis ist daher: "Diese Tabletten sollten Sie eine halbe bis eine Stunde vor Reiseantritt mit etwas Flüssigkeit schlucken, damit sich die Übelkeit erst gar nicht aufbaut. Nach drei bis vier Stunden kann die Einnahme wiederholt werden." Zäpfchen sind nicht nur für Kleinkinder, sondern auch dann eine geeignete Behandlungsoption, wenn der Brechreiz bereits so stark ist, dass man mit Tabletten nichts mehr ausrichten kann.

Kein Patentrezept für alle

Obwohl Antihistaminika im Handverkauf die meistverkauften Präparate gegen Reiseübelkeit sind, dürfen sie keinesfalls standardmäßig jedem verpasst werden. Nicht zuletzt wegen ihrer anticholinergen Nebeneffekte sind diese Wirkstoffe zum Beispiel ungeeignet bei akuten Asthmabeschwerden, Engwinkelglaukom, Prostatahyperplasie, Epilepsie, Arrhythmien sowie bei schweren Leberfunktionsstörungen. Wegen potenzieller Wechselwirkungen gilt es abzuchecken, ob der Patient weitere zentral dämpfende Medikamente, Anticholinergika, trizyklische Antidepressiva oder MAO-Hemmer einnimmt. Auch unter einer Antihypertonika-Therapie ist Vorsicht geboten, um eine verstärkte Blutdrucksenkung zu vermeiden.

Ganz wichtig: Sowohl Diphenhydramin als auch Dimenhydrinat können so stark sedierend wirken, dass sich die aktive Teilnahme am Straßenverkehr verbietet. Die Kombination mit Alkohol ist ohnehin Tabu! Kinder entwickeln auf Antihistaminika gelegentlich paradoxe Reaktionen mit übermäßiger Unruhe, Erregung und Schlaflosigkeit.

Kaugummikauen will erklärt sein

Erläutern Sie Ihrem Kunden bei der Abgabe von Reisekaugummis die Vorteile dieser Darreichungsform: "Dieses Medikament muss nicht prophylaktisch eingenommen werden, es ist auch noch bei den ersten Anzeichen von Übelkeit wirksam". Das enthaltene Dimenhydrinat wird beim Kauen innerhalb von etwa Minuten über die Mundschleimhaut resorbiert. Etwa fünfminütiges Kauen reicht in der Regel aus, um den enthaltenen Wirkstoff freizusetzen. Weiterer Vorteil: Die Wirkung wird vom leichten antiemetischen Effekt des Kauvorgangs an sich noch unterstützt.

Längst nicht jeder Kunde weiß, dass man die drageeförmigen Kaugummis (z. B. Superpep®–Reise-Kaugummi-Dragees forte) nicht hinunterschluckt – auch nicht nach dem Kauen – sondern ausspucken sollte. Zwar ist versehentliches Verschlucken unbedenklich. Das Präparat ist dann jedoch wirkungslos. Das Kauen kann zwischendurch auch ausgesetzt und das Kaugummi in der Wangentasche "geparkt" werden. Wie normale Kaugummis sind auch Reisekaugummis für manche Zahnprothesenträger sowie für kleine Kinder, die noch nicht mit Kaugummis vertraut sind, ungeeignet.

Alternativen für die Beratung

Eine phytotherapeutische Alternative gegen Reiseübelkeit stellt der Ingwer (Zingiberis off.) dar. Seine antiemetische Wirkung ist sowohl aus klinischen Untersuchungen als auch aus der Erfahrungsmedizin bekannt. Verschiedene placebokontrollierte Doppelblindstudien mit über 600 Patienten haben seine Wirksamkeit gegen Übelkeit und Erbrechen auch bei Kinetosen gezeigt. Diese Wirkung wird in erster Linie den enthaltenen Gingerolen und Shogaolen zugeschrieben. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht bekannt. Diskutiert wird ein Serotonin-Antagonismus. Ingwer steht auch in Kapselform (z. B. Zintona®) zur Verfügung. Das Präparat sollte eine halbe Stunde vor Reisebeginn und dann bei Bedarf alle vier Stunden eingenommen werden. Großer Vorteil des Ingwers: Die Reaktionsfähigkeit bleibt unbeeinträchtigt.

Vitamin-B6-Präparate sollen in hohen Dosen zwar schon manchem Kinetosen-Geplagten geholfen haben. Dennoch erscheint ihr Nutzen bei Reisekrankheit eher fraglich.

Kunden, die für nicht-medikamentöse Alternativen offen sind, interessieren sich vielleicht für Akupressur-Armbändchen gegen Reiseübelkeit (z. B. Sea-Band®). Diese werden vor Reiseantritt am Handgelenk angebracht und üben einen gezielten Druck auf einen bestimmten Akupressurpunkt der Unterarminnenseite aus. Damit sollen Energieströme im Körper be–einflusst, der Magen-Darm-Trakt beruhigt bzw. der Reiseübelkeit entgegengewirkt werden. Bisher durchgeführte Untersuchungen berichten von positiven Effekten.

Geeignete Vermeidungsstrategien

Wer seinem Kunden noch etwas mehr bieten möchte, sollte ein paar nützliche Verhaltenstipps gegen Reiseübelkeit auf Lager haben. Denn erfahrungsgemäß verhalten sich viele Kinetosen-Geplagte vor und auch während der Reise oft kontraproduktiv. Außerdem kann man mit nicht-medikamentösen Tipps oftmals den Erfolg der empfohlenen Präparate optimieren. Reisende sollten z. B. beachten:

  • einen festen Punkt am Horizont fixieren und nicht die Landschaft aus dem Seitenfenster an sich "vorbeifliegen" lassen
  • im Auto und Bus möglichst ganz vorne sitzen, auf dem Schiff im mittleren Bereich an Deck aufhalten, im Flugzeug einen Gangplatz auf Höhe der Tragflächen wählen
  • möglichst mit den Fahrtbewegungen mitgehen und sich nicht dagegen stemmen
  • auf Lesen, Handarbeiten, anstrengende Spiele etc. während der Fahrt verzichten
  • ein leerer Magen schützt keinesfalls vor Übelkeit, sondern ist genauso ungünstig wie ein überfüllter
  • vor und während der Reise fettarme, leicht verdauliche Speisen bevorzugen
  • auf Kaffee, Nicotin und Alkohol vor und während der Reise verzichten
  • die Übelkeit nicht unnötig thematisieren, manchem wird schon beim Reden darüber übel
  • regelmäßige Pausen einlegen und dabei Frischluft schnappen
  • oftmals hilft Augenschließen, denn im Schlaf ruht auch das Gleichgewichtsorgan (daher ist es günstig, mit Kindern nachts zu reisen)
  • bei den ersten Symptomen die Reise unterbrechen, tief durchatmen, den Kopf möglichst ruhig halten
  • bei Übelkeit flach hinlegen, Beine hoch lagern und die Augen schließen
  • Vielen hilft übrigens auch Musikhören über Kopfhörer!

Apothekerin Christiane Weber

Pseudokinetose

Unter einer Pseudokinetose versteht man Symptome, die einer Kinetose ähneln, jedoch ausschließlich durch visuelle Reize ausgelöst werden, z. B. in Erlebniskinos, Flugsimulatoren oder bei optisch entsprechend animierten Computerspielen.

Jetzt geht’s erst richtig los

Jedes Verkaufsgespräch über Reisetabletten bietet einen prima Ansatzpunkt für eine weitergehende Beratung. Schließlich haben Sie einen Kunden vor sich, der sich auf eine Reise vorbereiten möchte. Somit lässt sich elegant auf das Thema Reiseapotheke überleiten, z. B. mit der Frage nach Sonnenschutzprodukten, Wundversorgung, Schmerzmitteln, Impfberatung, Stützstrümpfen usw., usw.

Wenn alles nichts hilft ...

Wer trotz aller vorbeugenden Maßnahmen immer wieder unter schwerer Reisekrankheit leidet und mit den Möglichkeiten der Selbstmedikation keine Erfolge erzielt hat, der sollte sich die verschreibungspflichtigen Wirkstoffe Scopolamin oder Meclozin vom Arzt verordnen lassen. Möchte man während der Reise aufmerksam bleiben, so eignet sich Scopolamin (Scopoderm TTS®), da es nicht müde macht. Das Belladonnaalkaloid wird als transdermales Pflaster angeboten, das am Abend vor der Abreise, spätestens aber fünf Stunden vor Reiseantritt hinter das Ohr geklebt wird und den Wirkstoff über 72 Stunden freigibt. Gilt es eine Reise einfach nur zu überstehen – vielleicht schlafend –, ist der Histaminantagonist Meclozin (Postafen®, Postadoxin® N) die bessere Wahl, da er müde macht.

Klassiker aus der homöopathischen Ecke

Als Alternative, aber auch als Zusatzempfehlung zu allopathischen Anti–emetika bei Reisekrankheit, hat sich ein homöopathisches Einzelmittel besonders bewährt: Cocculus D4/6. Die erste Einnahme sollte einige Stunden vor Reiseantritt oder noch besser am Vorabend erfolgen. Auf der Fahrt kann die Einnahme in kurzen Abständen mehrmals wiederholt werden.

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