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Masern: Kinder impfen oder sich anstecken lassen?

Seit Anfang dieses Jahres häufen sich Meldungen zu Masernfällen. In Nordrhein-Westfalen waren beispielsweise mehrere hundert Menschen erkrankt. Ist die Ausbreitung auch auf eine Impfmüdigkeit zurückzuführen? Die DAZ sprach zu diesem Thema mit Professor Burghard Stück, ehemaliger Chefarzt der Kinderklinik im Rudolf-Virchow-Klinikum Berlin und langjähriger Präsident des Deutschen Grünen Kreuzes e. V. (DGK). Er ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats "Infektionskrankheiten und Impfschutz".

d:

Masernepidemie in Nord–rhein-Westfalen. Viele glaubten schon, die Masern und andere Infektionskrankheiten seien besiegt. Wieso kommt es eigentlich immer wieder zu Ausbrüchen?

Stück:

Das liegt in erster Linie daran, dass die Impfraten immer noch zu niedrig sind. Und das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für einige europäische Länder. So ist z. B. auch der Masernausbruch im Großraum Neapel zu erklären, der 2002 zu 15.000 Erkrankungen und drei Todesfällen führte.

d:

 Die Masern sind also noch nicht völlig eliminiert?

Stück:

Keineswegs. Um dieses Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem sich auch die Bundesregierung angeschlossen hat, zu erreichen, müssen mindestens 95 Prozent der Kinder die von der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) empfohlenen zwei Impfdosen mit Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff erhalten. Zurzeit sind wir davon aber noch weit entfernt. Die erste Impfung erhalten ca. 90 Prozent der Kinder, bei der 2. Impfung kommen wir aber nur auf etwa 50 Prozent. Auch werden die Impfungen nicht flächendeckend durchgeführt. Außerdem werden unsere Kinder zu spät geimpft. So entstehen immer größere Impflücken, das Masern–virus kann wieder zirkulieren und es kommt zu Ausbrüchen oder sogar zu Epidemien.

d:

 Ist das der Grund, warum gerade so viele Jugendliche betroffen sind?

Stück:

Auch. Früher war die zweite Impfung aus praktischen Gründen zu einem späteren Zeitpunkt (im Einschulungsalter) empfohlen. Das hat sich jedoch nicht bewährt, denn die zweite Impfung wurde dann noch häufiger vergessen. So kommt es, dass viele Jugendliche nur eine, oft genug aber gar keine Impfung erhalten haben. Bei dem aktuellen Ausbruch in NRW waren weit über 90 Prozent der Erkrankten nicht ausreichend geimpft.

d:

 Wann also ist der optimale Impfzeitpunkt?

Stück:

Idealerweise erhalten bereits Säuglinge bzw. Kleinkinder die beiden Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR). Die erste Dosis wird so früh wie möglich gegeben, nämlich wenn die Kinder elf Monate alt sind. Impft man früher, besteht die Gefahr, dass die Impfung aufgrund noch vorhandener mütterlicher Abwehrstoffe (Antikörper) nicht ausreichend wirkt. Die zweite MMR-Impfung wird im zweiten Lebensjahr verabreicht, sie kann bereits vier Wochen nach der ersten (aber wegen der Interferonausschüttung nicht früher!) injiziert werden. Treten Masern gehäuft auf, ist es aber möglich, Säuglinge auch schon zu Beginn des zweiten Lebenshalbjahres zu impfen, um sie so vor der schlimmsten Folge einer Masern–erkrankung zu bewahren, der Gehirnentzündung SSPE (sub–akute sklerosierende Panenzephalitis). Diese verläuft nach anfangs unscheinbarem Verlauf mehrere Jahre später ausnahmslos tödlich.

d:

Herr Professor Stück, was halten Sie von Masernpartys? Ist was dran an dem Wunsch mancher Eltern, ihr Kind die Masern durchmachen zu lassen, damit das Immunsystem und auch die psychische Entwicklung gestärkt wird?

Stück:

Kinder vorsätzlich mit Masernkranken zusammenzubringen, damit sie ebenfalls erkranken, finde ich unverantwortlich. Als Kinderarzt habe ich oft genug die Folgen einer solchen Handlungsweise erlebt, denn Masern sind eben nicht harmlos, sondern können schwerste Folgen nach sich ziehen: Erkranken ältere Kinder und Jugendliche, ist das Risiko einer Hirnentzündung (Enzephalitis) besonders hoch: Einer von 250 Erkrankten in dieser Altersgruppe macht eine solche Komplikation durch. Knapp ein Drittel stirbt und knapp ein Drittel trägt Dauerschäden davon. Betrachtet man die Zahlen aus der Epidemie in Italien vor einigen Jahren oder jetzt in Nordrhein-Westfalen, so bestätigt sich diese Zahl leider immer wieder. Macht ein Kind im ersten Lebensjahr die Masern durch, weil in seiner Umgebung der Impfschutz ungenügend war (die Impfung führt erst mit elf Monaten zu einem sicheren Schutz) und es daher angesteckt wurde, so ist die Gefahr der Masern-Spätfolge SSPE deutlich erhöht.

d:

 Es gibt also gute Gründe, sein Kind nicht zu Masernpartys zu schicken.

Stück:

Viele. Das Immunsystem wird durch die Impfung ebenso gut trainiert. Auch glaube ich, dass vielen Eltern gar nicht bewusst ist, dass es gegen Masern keine kausale antivirale Therapie gibt.

d:

 Ihre Kollegen teilen weitgehend Ihre Einstellung. Einige gehen sogar noch weiter und fordern die Einführung einer Impfpflicht.

Stück:

Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass die wirklichen Impfgegner auch einen Weg finden, die Impfpflicht zu umgehen. Nein, ich glaube nicht, dass man hier mit Zwang weiterkommt, sondern setze zusammen mit dem Deutschen Grünen Kreuz e. V. schon viele Jahre auf Aufklärung und ausführliche Information.

d:

 Kann es nicht auch sein, dass viele Eltern, deren Kinder nicht ausreichend geimpft sind, die Impfungen schlicht vergessen haben?

Stück:

Völlig richtig. Oder sie glauben, Impfungen seien ab einem bestimmten Lebensalter nicht mehr notwendig. Diese Menschen zu erreichen und richtig zu informieren, ist nun nicht nur Sache der Kinderärzte, sondern auch anderer Ärzte. Und auch der Apotheker kann hier wertvolle Aufklärungsarbeit leisten. d: Herr Professor Stück, wir danken für dieses Gespräch.

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