Fortbildung

Thüringen, ein historisches Zentrum innovativer Pharmazie

Die pharmaziehistorische Biennale vom 28. April bis 1. Mai 2006 fand in einem Zentrum des geistes- und naturwissenschaftlichen Denkens statt: in der Klassikerstadt Weimar.

Die Vorträge beschäftigten sich mit der Zeit vom 18. bis zum 20. Jahrhundert, doch steckt die Erforschung der Geschichte der DDR-Pharmazie noch in ihren Anfängen. Die von Dr. Antje Mannetstätter hervorragend organisierte Biennale zog über 130 Personen an, von denen viele auch an der Nachkongressfahrt nach Rudolstadt und Großkochberg teilnahmen.

Der Präsident der DGGP, Prof. Dr. Christoph Friedrich, eröff–nete die Veranstaltung mit dem Hinweis auf die überregionale historische Bedeutung Weimars. Künstler, Schriftsteller und Musiker wie Johann Sebastian Bach, Wieland, Herder, Goethe und Schiller, Liszt und Nietzsche lebten zeitweise dort. 1919 tagte die Nationalversammlung des Deutschen Reichs in Weimar (daher Weimarer Republik). Im nahe gelegenen Konzentrationslager Buchenwald kamen während des Dritten Reichs mindestens 56.000 Menschen ums Leben.

Aus der südlichen Umgebung Weimars stammten die im 18. Jahrhundert besonders aktiven Buckelapotheker und Olitätenhändler, die Volksarzneimittel weiträumig vertrieben. In Weimar wurde 1897 der Thüringische Apothekerverein und 1926 die Thüringische Apothekerkammer gegründet.

Innovative Wissenschaft in Thüringen

In einem weiten Bogen skizzierte Prof. Dr. Olaf Breidbach, Jena, Thüringen als ein "Laboratorium der Modernen" und verwies besonders auf das Innova–tionspotenzial durch den frühen Protestantismus. Um 1800 war Weimar ein Zentrum neuer Wissenskonzepte und Denkstrukturen. Goethe, der sich u.a. als Botaniker betätigte, kombinierte naturwissenschaftliche Beobachtung mit ästhetischer Darbietung. Die umfassende Natursicht jener Zeit wurde im 19. Jahrhundert durch differenzierte Beobachtungsmethoden abgelöst.

In Gotha wirkten der Astronom v. Zach (1754 – 1832) und der Verleger Perthes, der in der Kartografie führend war. Schleiden, der Begründer der Zelllehre und einer der ersten Darwin-Rezipienten, wirkte ebenso in Jena wie Lorenz Oken oder Ernst Haeckel. Dessen Evolutionsbiologie bereitete allerdings der NS-Rassenlehre den Weg, die im Dritten Reich auch an der Universität Jena gelehrt wurde.

Pharmazeutische Ausbildung von früher

Dass in Thüringen schon frühzeitig eine wissenschaftliche Ausbildung von Apothekern begann, zeigte Prof. Dr. Christoph Friedrich. Vor der Etablie–rung des Pharmaziestudiums an den Universitäten entstanden pharma–zeutische Privatinstitute, gegründet 1779 in Bad Langensalza durch Johann Christian Wiegleb (1732 – 1800) und 1795 in Erfurt durch Johann Bartholomäus Trommsdorff (1770 – 1837).

Goethe förderte als Minister die Entwicklung von Chemie und Pharmazie. 1809 wollte er Trommsdorff nach Jena berufen, doch da der Großherzog eine schnelle Besetzung wünschte, wurde 1810 Johann Wolfgang Döbereiner (1780 – 1849) berufen. Außer ihm wirkten die Pharmazeuten Johann Friedrich Göttling (1753 – 1837), Carl Christoph Traugott Friedemann Goebel (1794 – 1851), Heinrich Wilhelm Ferdinand Wackenroder (1798 – 1854), Hermann Ludwig (1819 – 1873), Eduard Reichardt (1827 – 1891) sowie Hermann Matthes (1869 – 1931) und Oscar Keller (1877 – 1959) in Jena.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das Pharmazeutische und lebensmittelchemische Institut unter Walter Poethke (1900 –1990), der 1952 nach Jena berufen wurde, eine neue Blüte. Danach wurde das Institut geschlossen, 1992 aber wieder eröffnet, worum sich besonders Gerhard Reuter und Herbert Oelschläger verdient gemacht haben.

Trommsdorffs Journal der Pharmacie

Wolfgang Götz, der sich seit Jahrzehnten mit J. B. Trommsdorff beschäftigt, konzentrierte seine Ausführungen auf dessen "Journal der Pharmacie" (erschien 1793  bis 1834) und seine Auswirkung auf die sich entwickelnde Fachpresse. In Trommsdorffs Briefwechsel, der größtenteils ediert wurde, nimmt das "Journal" viel Raum ein; von den etwa 380 Briefpartnern seien hier vier herausgegriffen: F. W. Sertürner, dessen Entdeckung des Morphins im "Journal" publiziert wurde, J. Liebig, der Trommsdorffs intellektuelles Netzwerk für seine Zwecke nutzte, Rudolph Brandes und J. A. Buchner.

Das "Journal" war ein europaweit beachtetes Diskussionsforum für Chemie und Pharmazie und steht in seiner Bedeutung gleich–wertig neben der 1795 von Trommsdorff in Erfurt gegründeten Chemisch-physikalischen und pharmazeutischen Pensionsanstalt für Jünglinge.

Akademie als wissenschaftliches Netzwerk

Als ein Zentrum für transdisziplinären Wissenschaftsaustausch stellte Jürgen Kiefer, Jena, die 1754 gegründete Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt vor. Die wichtigsten Gelehrten, darunter auch solche, die nicht der Universität angehörten, wurden in die Akademie aufgenommen. Sie hatte einen Sprach- und Ländergrenzen überschreitenden Wirkungskreis, sodass sich ein Wissenstransfer ungeahnten Ausmaßes entfalten konnte. Neben Periodika ("Erfurter gelehrte Zeitung") stand vor allem die Vortragskunst im Mittelpunkt.

Der Staat unterstütze die Akademie finanziell, um daraus seinen Nutzen zu ziehen: So experimentierte man beispielsweise mit dem Anbau von Waid als Ersatz für den importierten Indigo, man erforschte Alternativen für die gesundheitsschädlichen Bleiglasuren von Keramiken, und man analysierte (potenzielle) Heilquellen.

Weniger bekannte Thüringer Apotheker

Antje Mannetstätter stellte eine Reihe thüringischer Apotheker vor, die bisher weithin unbekannt geblieben sind, so Heinrich Gottlieb Thrän (1788 –1827) und Christian Theodor Lappe (1802 – 1888), die zu den ersten Herstellern homöopathischer Präparate nach den Anwei–sungen von Samuel Hahnemann gehörten. Als Botaniker und spe–ziell als Erforscher der Moose wurde der Geisaer Apotheker Adalbert Geheeb (1842 –1909) in Erinnerung gerufen.

Theodor Bernhard Georg Friedrich Varnhagen (1790 – 1846) entwickelte neben seiner Löwen-Apotheke in Schmalkalden besondere Aktivitäten: Er gründete eine Buchhandlung, eine Drucke–rei und ein "Pharmazeutisches Commissionsbüro". Ab 1820 gab er die "Pharmazeutischen Monatsblätter" heraus, Vorläufer des ältesten pharmazeutischen Vereinsorgans, des "Archivs des Apotheker-Vereins im nördlichen Teutschland".

Hermann Trommsdorff (1811 –1884), Sohn des Johann Bartholomäus, gründete 1836 eine chemische Fabrik in Erfurt, in deren Geschichte Irene Lauterbach ein–führte. Die Firma konzen–trierte sich auf Alkaloide und andere therapeutisch verwendete Reinstoffe, stellte sie günstig her und belieferte die Apotheken damit. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte sich allerdings heraus, dass die Lage der Produktionsstätte mitten in Erfurt ungünstig war: Die Anwohner klagten über Abgase und ungereinigte Abwässer. Nach dem Tod des Inhabers wurde die Fabrik aufgelöst und die Produk–tion in die Firma E. Merck, Darmstadt, verlagert.

Pharmazie in der DDR

Das pharmazeutische Unternehmen Jenapharm blickt 2006 auf 55 Jahre einer wechselvollen –Geschichte zurück, die Herbert Hoffmann anschaulich vorstellte. Entstanden war das Unternehmen aus dem Entwicklungslaborato–rium bei Schott & Genossen in Jena, aufgebaut von dem Mikrobiologen Hans Knöll (1913––1978). Schon im Zweiten Weltkrieg produzierte das "Schott-Zeiss-Institut für Mikrobiologie" Penicillin. 1945 sollte das Institut nach dem Einmarsch der Amerikaner in deren Besatzungszone verlagert werden, doch es blieb in Jena und damit in der sowjetischen Besatzungszone; nur die Spitzenwissenschaftler wanderten in den Westen ab. 1951 wurde das Institut unter der Leitung von Hans Knöll in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt.

Zwar konnten in der DDR die Penicillinproduktion gesteigert und das Angebot um Medikamente gegen Tuberkulose, Vitamine und Lokalanästhetika für Zahnärzte erweitert werden, doch war eine moderne Ausstattung nur schwer zu beschaffen, sodass improvisiert werden musste. Mit der Herstellung von Kontrazeptiva konnte Jenapharm zur führenden Forschung aufschließen, jedoch stellte sich nach der Wende ein großer Nachholbedarf in der Produktions–technik heraus. 1991 übernahm die Gehe AG in Stuttgart die Jenapharm; es folgte eine stabile Entwicklung zu einem innovativen, mit Hochtechnologie ausgestatteten Unternehmen. 1996 wurde Jenapharm von der Schering AG übernommen, die ihrerseits im Frühjahr 2006 von der Bayer AG übernommen wurde.

In das Apothekenwesen der ehemaligen DDR führte Albrecht Eichhorn ein. Dabei skizzierte er das Thüringische Arzneimittel-Untersuchungsamt (ThAUA), das staatliche Institut für Apothekenwesen der DDR (IfAp), das Zentralinstitut für Apothekenwesen und Medizintechnik (ZIAT) und das IfAp Service-Institut für Ärzte und Apotheker. Bis 1965 leitete Apotheker Waldemar Pape (1903 – 1977) das 1949 gegründete IfAp; er engagierte sich vor allem bei der Organisation der Arzneimittelverteilung. Unter seinem Nachfolger Hans Buthut (1919 – 1989) wurde das Apothekenwesen der DDR fachlich und ideologisch ausgerichtet; die Aus- und Weiterbildung aller im Apothekenwesen tätiĘgen Berufsgruppen wurde vom IfAp überwacht und das Apothekenwesen nach planwirtschaftlichen Grundsätzen umstrukturiert. Nach wichtigen innovativen Konferenzen 1960 in Weimar und 1973 in Erfurt wurden Standardmethoden in der Labordiagnostik eingeführt. So konn–ten die Diagnosezeiten verkürzt und Doppeldiagnosen vermieden werden. Diese Kosten sparende Lösung wurde leider 1990 nicht übernommen.

Nach der Wende entstand das private IfAp Service-Institut, das Software für Ärzte und Apotheker erstellt und seinen Sitz in Martins–ried bei München, also außerhalb Thüringens, hat. Eine Monographie über die Geschichte des IfAp soll in absehbarer Zeit erscheinen, doch darüber hinaus liegen noch viele Dokumente und Materialien vor, die noch nicht gesichtet und ausgewertet sind.

Die nächste Biennale der DGGP findet vom 25. bis 27. April 2008 in Husum statt.

Angela Reinthal, Heidelberg

Vor 200 Jahren war Thüringen führend in der pharmazeutischen Ausbildung. Schon bevor das Pharmaziestudium in Jena etabliert wurde, bildeten die Apotheker Wiegleb und Trommsdorff in ihren Privatinstituten den beruflichen Nachwuchs aus. Auch in der industriellen Arzneimittelproduktion hat Thüringen Akzente gesetzt; so war die 1951 gegründete Firma Jenapharm ein bedeutender Antibiotikahersteller. Diese und andere Themen kamen auf der Pharmaziehistorischen Bienale in Weimar zur Sprache.

Ehrungen

Die Hermann-Schelenz-Plakette wurde an den italienischen Pharmaziehistoriker Prof. Dr. Antonio Corvi für sein Lebenswerk ver–liehen.

Die Johannes-Valentin-Medaille in Silber erhielt der Aschaffenbur–ger Apotheker Dr. Clemens Stoll.

Johannes-Valentin-Medaillen in Bronze erhielten Dr. Albert Borchardt, beratender Apotheker des Deutschen Apotheken-–Museums in Heidelberg, sowie Dr. Elisabeth und Dr. Oswald Peer, die Initiatoren des Pharmaziemuseums Brixen in Südtirol.

Dr. Klaus Meyer, Münster, wurde zum Ehrenpräsident der DGGP ernannt.

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