Arzneimittel und Therapie

Interview: Durchimpfungsrate in Deutschland ist ungenügend!

Epidemieartige Ausbrüche von Masern an Rhein und Ruhr sowie im Großraum Stuttgart geben Anlass zur Sorge. Wir haben Dr. Regina Allwinn, Oberärztin am Institut für Medizinische Virologie in Frankfurt, um eine Bewertung gebeten.

DAZ

Wie sieht die Situation aus? Wer ist betroffen?

Allwinn:

Tatsächlich gab und gibt es in diesem Frühjahr sehr viele Maserninfektionen. Mehrere hundert Fälle sind zwischen Rhein und Ruhr aufgetreten. Die aktuell am meisten betroffene Altersgruppe sind Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren. Man weiß aus epidemiologischen Untersuchungen, dass die Impfakzeptanz mit zunehmendem Alter nachlässt und die zweite empfohlene Impfdosis häufig weggelassen wird. Gefährdet sind aber prinzipiell alle Altersgruppen, die keinen belastbaren Impfschutz aufweisen. Besonders gefährlich kann die Erkrankung bei Säuglingen (fehlender Nestschutz) oder immunsupprimierten Patienten verlaufen.

DAZ

Woher stammen die Viren? Stehen die Masernausbrüche im Großraum Stuttgart in Zusammenhang mit denen in Nordrhein-Westfalen?

Allwinn:

Das Masernvirus (Fam. Paramyxoviridae) ist ausschließlich humanpathogen und wird nur von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektion übertragen. Es existiert ein stabiler Serotyp – deshalb konnte auch ein gut wirksamer Impfstoff hergestellt werden – mit verschiedenen Genotypen. Nach ersten Untersuchungen des Robert Koch-Instituts wird vermutet, dass die Maserninfektionen in Nordrhein-Westfalen im Zusammenhang stehen und derselbe Virustyp seit Anfang des Jahres auch in der Ukraine zu einem Masernausbruch mit mehreren tausend Fällen geführt hat. Eine Verbindung zum Ausbruch im Großraum Stuttgart wird verneint.

DAZ

Welche Maßnahmen werden ergriffen, um die weitere Ausbreitung zu stoppen?

Allwinn:

Das Robert Koch-Institut und die öffentlichen Gesundheitsdienste erfassen die möglichen Infektionsquellen und Infektionswege (eine frische Maserninfektion ist nach dem Infektionsschutzgesetz meldepflichtig) und empfehlen, alle vorhandenen Impflücken zu schließen. Die Bevölkerung ist zu informieren. Während der Inkubationszeit sollten Kontakte insbesondere zu Gemeinschaftseinrichtungen unterbleiben. In der noch aktuellen Verbreitungsphase ist es wichtig alle, nicht immunen Personen zu schützen. Eine aktive Impfung ist möglichst innerhalb der ersten drei Tage nach Exposition durchzuführen (Riegelungsimpfung).

DAZ

Wie zuverlässig schützt die von der STIKO empfohlene zweimalige Impfung gegen MMR im Kindesalter? Sind Auffrischimpfungen notwendig oder empfehlenswert?

Allwinn:

Optimal sind und offiziell von der Ständigen Impfkommission des Robert Koch-Instituts empfohlen werden zwei Impfungen mit einem MMR-Impfstoff. Die erste Impfung sollte ab vollendetem 11. Lebensmonat erfolgen und nach frühestens vier Wochen kann die 2. Dosis (bevorzugtes Impfalter 15 bis 23 Monate) appliziert werden. Die Zweitimpfung ist keine Auffrischimpfung sondern sichert die Impfimmunität. Die Impfempfehlung gilt generell unabhängig vom Lebensalter, nicht-immune Personen sind zu impfen. Für Erwachsene ist eine einmalige Impfung ausreichend. Die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe erzielen in der Regel eine Serokonversion über 90% und zumindest für Masern wird von einer lebenslangen Immunität ausgegangen.

DAZ

Um epidemieartige Masernausbrüche zu vermeiden, ist eine Durchimpfungsrate von 95% erforderlich. Wie hoch ist die Durchimpfungsrate in Deutschland tatsächlich?

Allwinn:

Diese ist bei den Kleinkindern noch gut, fällt aber bei den älteren Kindern und Jugendlichen rapide ab – was die Masernepidemie ja auch erst ermöglicht hat. Deutschland gehört ebenso wie Frankreich und Italien zu den Ländern mit noch ungenügenden Durchimpfungsraten. Während die Durchimpfungsraten im Jahr 2004 bei 93,5% für die erste Impfdosis im Einschulungsjahr lagen, sank die Akzeptanz bei der 2. Impfdosis bereits auf 65%. Meines Erachtens muss viel mehr auf Prävention geachtet werden. Breite Impfkampagnen sind notwendig, um die Bevölkerung von der Notwendigkeit zu überzeugen, sich gegen so gefährliche Infektionskrankheiten wie die Masern impfen zu lassen.

DAZ

Frau Dr. Allwinn, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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