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Lebenserwartung - Werden wir immer noch älter? (Außenansicht)

Bei seinen neuesten Berechnungen geht das Statistische Bundesamt davon aus, dass die Menschen in Deutschland noch später sterben als bisher angenommen. Nach der Prognose des Amts werden 92 Prozent der 2004 geborenen Jungen und 96 Prozent der Mädchen den 65. Geburtstag, und rund 62 Prozent der Männer und 80 Prozent der Frauen sogar das Alter von 85 Jahren erleben.

Die privaten Rentenversicherer rechnen mit einer noch höheren Lebenserwartung, nämlich mit 98,5 Jahren bei den jetzt geborenen Jungen und 102,4 Jahren bei den Mädchen; das liegt natürlich daran, dass die Versicherungsgesellschaf-ten immer von der schlechtesten Situation ausgehen, und die ist für sie ein langes Leben der Versicherten, denn das Erreichen eines immer höheren Lebensalters bedeutet auch eine immer längere Rentenzahlung.

Bei ihren Berechnungen gehen die Statistiker davon aus, dass sich der Rückgang der Sterblichkeit im gleichen Tempo fortsetzt, wie seit 1970. Aber wird er das? In Deutschland betrug die mittlere Lebenserwartung zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwa 45 Jahre. Sie nahm dann rasch weiter zu und lag am Ende des Jahrhunderts für Männer bei etwa 75 und Frauen bei etwa 81 Jahren, ein Zugewinn von rund 33 Jahren.

Tempo verlangsamt sich

Diese Entwicklung war jedoch nicht kontinuierlich. Der wesentliche Anstieg fand vor allem zu Anfang des 20. Jahrhunderts statt, wo es gelang, die Säuglingssterblichkeit drastisch zu senken, die Infektionskrankheiten erfolgreich zu bekämpfen und die Ernährung zu verbessern. Über das ganze Jahrhundert machte die Reduktion der Säuglings- und Kindersterblichkeit zusammen ungefähr die Hälfte der gewonnenen Lebensjahre aus, und etwa 70 Prozent dieser Gewinne wurden vor 1950 realisiert.

In den letzten 25 Jahren des vergangenen Jahrhunderts jedoch betrug die Zunahme der Lebenserwartung nur noch etwa sechs Jahre: Zwischen 1975 und 1985 hat sich die Lebenserwartung um etwa drei Jahre erhöht, von 1985 bis 1999 sind für Frauen noch einmal zwei Jahre und für Männer 3.5 Jahre hinzugekommen.

Diese Zugewinne sind in erster Linie auf den Rückgang der Sterblichkeit bei den älteren Menschen zurückzuführen. So war beispielsweise der Einfluss der reduzierten Sterblichkeit bei den über 55-jährigen Männern vor 1975 vernachlässigbar, hat aber in den folgenden 25 Jahren vier Jahre zur Lebenserwartung beigetragen. Dies ist knapp die Hälfte des gesamten Anstiegs der Lebenserwartung der über 55-Jährigen zwischen 1975 und 2000. Vor allem die reduzierte Sterblichkeit bei kardiovaskulären Krankheiten war es, die zu einer Erhöhung der Lebenserwartung geführt hat. Der Rückgang der Sterblichkeit bei den Herz-Kreislauf-Krankheiten trägt in den 80er Jahren gut ein Drittel, in den 90er Jahren sogar 45 Prozent zu den gewonnenen Lebensjahren bei. Aber wird dieser Trend anhalten?

Negative Entwicklungen stehen Anstieg entgegen

Es gibt relevante negative Entwicklungen in der Bevölkerung wie Übergewichtigkeit und Bewegungsmangel. Immer mehr Menschen sind übergewichtig, vor allem Jugendliche und Kinder. Ihre Ernährung ist mangelhaft, nicht quantitativ, sondern qualitativ. Dann: Immer mehr Frauen und Jugendliche rauchen. Dabei werden Risiken für die Gesundheit in Kauf genommen, deren Folgen später nicht ohne weiteres wieder eliminierbar sind. Und schließlich, was ein nicht zu unterschätzender, aber immer noch völlig vernachlässigter lebensverkürzender Faktor ist: Immer mehr Menschen sind oder werden arbeitslos und haben keinerlei Perspektiven für die Zukunft.

Zu den wichtigsten Faktoren, die unsere heutige hohe Lebenserwartung ermöglicht haben, zählen neben den verbesserten Hygiene- und Ernährungsmaßnahmen sowie den Fortschritten im Gesundheitswesen, vor allem die Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse im einzelnen wie im ganzen, sowie ein gestiegener Bildungsstand und damit ein verbessertes Gesundheitsbewusstsein. Insgesamt betrachtet kann man sagen, dass günstige materielle Lebensbedingungen die Voraussetzung für gute Gesundheit und damit für ein langes Leben sind.

Verhaltensänderung notwendig

Wenn es uns also nicht gelingt, den negativen Entwicklungen durch ein verändertes Gesundheitsverhalten entgegen zu wirken, dann wird unsere Lebenserwartung sicher nicht nur nicht zunehmen, sondern vermutlich auch wieder abnehmen. Von diesen Verhaltensänderungen der Bevölkerung werden wahrscheinlich wichtigere Impulse für die Gesundheit ausgehen, als von der Medizin selbst, und es kann durch diese mehr Geld im Gesundheitsbereich eingespart werden, als durch staatliche Reformen.

Ganz sicher aber ist, dass die immer wieder geäußerte Vision, die Menschen könnten schon in naher Zukunft 120 oder 160 Jahre alt werden, noch lange nicht Wirklichkeit wird. Die Zukunft kommt in Raten, und das ist das Erträgliche an ihr.

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