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Steiniger Weg vom Papier- zum eRezept

STUTTGART/MÜNCHEN (ral). Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) erweist sich als sehr viel zäher als angenommen. Das ehrgeizige Ziel, dass die eGK Anfang 2006 flächendeckend "läuft", wurde mittlerweile von der Zeit überholt, und auch an eine Einführung Anfang 2007 ist nicht zu denken.

Realistisch dürfte eine Einführung 2010 sein. Bis dahin gibt es noch eine Menge Arbeit zu leisten, wie auf einem gemeinsam vom Landesapothekerverband Baden-Württemberg und der VSA-Unternehmensgruppe veranstalteten Presseseminar am 23. und 24. März deutlich wurde.

Das Projekt "elektronische Gesundheitskarte" hat mittlerweile schon das Grundschulalter erreicht. Seine ersten Schritte machte es bereits auf dem Infoforum 2000. Erst im Mai 2002 jedoch einigte sich die Spitzenorganisation im Gesundheitswesen darauf, eine elektronische Gesundheitskarte mit einer einheitlichen IT-Architektur zu schaffen und darauf aufbauend verschiedene Telematik-Module einzuführen. Weitere eineinhalb Jahre vergingen, bis mit der Verabschiedung des GKV-Modernisierungsgesetzes (Ende 2003) die gesetzliche Grundlage für die eGK geschaffen wurde und noch einmal gut eineinhalb Jahre (Juni 2005), bis die Organisationsstruktur für die Gesellschaft für Telematik (gematik) und die Finanzierung der Infrastruktur gesetzlich geregelt war. Am 15. Dezember 2005 schließlich trat die eGK in die Phase der Labortests ein. Kurz darauf wurden dann auch die für die Feldversuche zugelassenen acht Testregionen bekannt gegeben (s. Kasten). In ihnen soll die elektronische Gesundheitskarte nun in der Praxis erprobt werden – zuerst über eine Dauer von mindestens drei Monaten mit 10.000 Versicherten, zwischen drei und fünf Apotheken und 15 bis 25 Ärzten (sog. 10.000er Test), in Stufe 2 dann mit 30.000 und in der dritten und letzten Stufe mit 100.000 Patienten.

Verhandlungen gerade erst abgeschlossen

Eigentlich sollten die Feldversuche in Kürze anlaufen – unter anderem auch in der Testregion Heilbronn, für die sich der Landesapothekerverband Baden-Württemberg mit verschiedenen Krankenkassen und einer Reihe weiterer Leistungserbringer zur Arbeitsgemeinschaft elektronische Gesundheitskarte Baden-Württemberg (ARGE eGK BW) zusammengeschlossen hat. Wie LAV-Geschäftsführerin Ina Hofferberth erläuterte, steckte man jedoch bis vor kurzem noch in Verhandlungen fest. Derzeit laufen in den einzelnen Testregionen und den dortigen Arbeitsgemeinschaften die Beschlussverfahren zum am 15. März fertig gestellten Vertrag mit der gematik. "Wir haben uns fest vorgenommen, bis 30. März unsere Entscheidung bekannt zu geben", so Hofferberth (bei Redaktionsschluss lag noch keine Entscheidung vor).

Test in Heilbronn wahrscheinlich erst 2007

Das weitere Prozedere skizzierte die LAV-Geschäftsführerin wie folgt: Zunächst muss das Bundesgesundheitsministerium einen Migrationsplan herausgeben, in dem festgelegt wird, wann in welcher Region mit welchem Test begonnen wird. Auf Basis dieses Plans soll dann die gematik gemeinsam mit den Testregionen ein Gesamtkonzept entwickeln. Parallel dazu muss die gematik einzelne Komponenten testen und diese zertifizieren bzw. ihnen eine Zulassung zum Einsatz im Test erteilen. Dass diese Zertifizierung noch nicht erfolgt ist, war laut Hofferberth ein Grund für die zähen Verhandlungen zwischen Testregionen und gematik: "Es ist schwierig, ein Vertragswerk aufzusetzen, wenn man in den meisten Punkten noch gar nicht weiß, worüber man verhandelt."

Ursprünglich sollte der 10.000er Test in Heilbronn am 1. Juli 2006 starten. Hofferberth geht jedoch davon aus, dass dieser Termin nicht einzuhalten ist. Ihrer Einschätzung nach ist eher ein Start zum 1. Januar 2007 realistisch – entsprechend verschieben sich dann auch die Termine für die 2. und 3. Testphase bzw. für die tatsächliche Einrührung der elektronischen Gesundheitskarte.

eRezept – gar nicht so anders

Auf Warteposten sitzen derzeit auch all jene, die an der technischen Umsetzung der eGK-Module beteiligt sind bzw. den durch sie veränderten Prozess in ihre Arbeitsabläufe einplanen müssen – so z. B. die VSA. Wie Roman Schaal, Leiter des Geschäftsbereichs Abrechnung für Apotheken bei der VSA-Unternehmensgruppe, erläuterte, ist man auf die Implementierung der eGK im Rechenzentrum gut vorbereitet – denn auch das heutige Papierrezept liegt ab einem bestimmten Zeitpunkt der Abrechnung als digitales Dokument vor. Eigentlich stellt das auf der Gesundheitskarte gespeicherte Rezept für das Rechenzentrum nur eine Abkürzung der derzeitigen Arbeitsschritte dar:

  • Nach der Abgabe im Rechenzentrum werden die Rezepte derzeit mithilfe eines Hochleistungsscanners und entsprechender OCR-Software in das System eingelesen und anschließend digital weiterverarbeitet. Dieser Einleseschritt würde durch die eGK wegfallen, ein physischer Transport der Rezepte wäre nicht mehr notwendig und die Datensätzen könnten direkt verarbeitet werden.
  • Ebenfalls erleichtert würde der Arbeitsschritt der Rezeptsortierung. Die Sortierung wäre zwar weiterhin notwendig, um die Rezepte den verschiedenen Krankenkassen zuzuordnen, allerdings würde es sich dabei nicht mehr wie jetzt um einen logistischen Prozess, sondern nur noch um ein Verschieben von Datensätzen handeln.

Das Papierrezept stirbt nicht so schnell aus

Aus Sicht der VSA stellt die Rezeptabrechnung via elektronisches Rezept somit keine große Hürde dar. Wie Schaal betonte, will die Unternehmensgruppe von Anfang an aktiv an der Einführung mitarbeiten. So sei die VSA auch in den Modellregionen vertreten und werde dort die Umsetzung für ihre am Modell beteiligten Apothekenkunden übernehmen. Wie Hofferberth ist allerdings auch Schaal davon überzeugt, dass es trotz der gemeinsamen Bemühungen noch deutlich länger dauern wird, als ursprünglich angenommen, bis das elektronische Rezept das Papierrezept ablöst.

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