DAZ Feuilleton

Geschichte der Strontiumtherapie

"Strontium –  eine neue Therapieoption in Sicht" lautete der Titel einer Veröffentlichung in dieser Zeitschrift (DAZ Nr. 29/ 2004, S. 34), wobei darauf hingewiesen wurde, dass "bereits in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Element in der Osteoporosetherapie eingesetzt" wurde. Die Verwendung dieses Erdalkalimetalls in der Medizin datiert aber mindestens vierzig Jahre früher.

1793 hatte der Berliner Apotheker Martin Heinrich Klaproth das Strontium entdeckt. Therapeutisch wurde es bereits 1913 von Kinderärzten gegen Rachitis erprobt, 1922 als Bromat gegen die sog. "Hunger-Osteoporose" eingesetzt, 1925 gegen Allergien; genaue Untersuchungen wurden vor allem an der Berliner Charité durchgeführt. Über die frühe Verwendung von Strontium als Antiallergikum und zur Osteoporose-Behandlung berichten E. Mercks Jahresberichte (1887–1957), das wichtigste Quellenwerk zur Arzneimittelgeschichte, insbesondere für die Einführung neuer Präparate und die Anwendung von Präparaten bei neuen Indikationen.

Strontium verschwand zunächst wieder aus dem medizinischen Blickfeld, nachdem 1927 mit dem werbewirksam vermarkteten Calcium Sandoz® ein übermächtiger Konkurrent in den Handel gekommen war (vgl. DAZ Nr. 38/2004, S. 81: Geschichte der Calciumtherapie); zudem durften die in Berlin Forschenden als jüdische bzw. "jüdisch belastete" und damit politisch "unerwünschte" Personen ab 1933 ihre Aktivitäten nicht fortsetzen. 2004 führte die französische Firma Servier das Strontium in Form von Strontiumranelat auf europäischer Ebene erneut in die Osteoporosetherapie ein; die Verbindung mit der Ranelinsäure, einer Tetracarbonsäure mit einem zentralen Thiophenring, wurde aus patentrechtlichen Gründen favorisiert.

An der Geschichte der therapeutischen Verwendung des Strontium lässt sich demonstrieren, dass für den medizinischen Einsatz von Arzneistoffen nicht unbedingt höhere Wirksamkeit oder bessere Verträglichkeit entscheidend sind, sondern auch Marketingstrategien und politische Konstellationen.

 

Quelle

"Vom Allergicum zur Osteoporose-Behandlung – die Geschichte der Strontium-Therapie". Vortrag von Apotheker Dr. Ulrich Meyer, Ressortleiter der Fa. Wala Heilmittel in Bad Boll und Lehrbeauftragter für Geschichte der Pharmazie an der Universität Heidelberg, am 1. Februar 2005 in Würzburg auf einer Veranstaltung der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie.

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