Arzneimittel und Therapie

Lues venerea: Azithromycin versus Penicillin bei Syphilis

Mittel der Wahl zur Behandlung der Syphilis ist seit etwa 60 Jahren hoch dosiertes Penicillin. In einer randomisierten Studie wurde geprüft, ob das Makrolid-Antibiotikum Azithromycin eine Alternative zu Penicillin darstellen könnte, da es in Pilotstudien ähnlich wirksam war und darüber hinaus oral verabreicht werden kann.

Die Möglichkeit der oralen Gabe ist vor allem für Entwicklungsländer interessant, weil dort wegen des Mangels an ausreichend qualifiziertem Personal und ungünstigen hygienischen Bedingungen die intramuskuläre Gabe von Penicillin problematischer ist.

Patienten aus Tansania

An der randomisierten kontrollierten Studie nahmen 328 Patienten aus Tansania (Durchschnittsalter 27 Jahre) mit primärer bzw. latenter Syphilis teil. 163 Patienten erhielten eine Einzeldosis Azithromycin (2 g oral), 165 Studienteilnehmern wurden einmalig 2,4 Millionen Einheiten Benzathin-Penicillin G intramuskulär verabreicht. Der Behandlungserfolg war definiert als die Abnahme des Titers eines standardisierten serologischen Antikörper-Tests (Rapid-Plasma-Reagin-Test, RPR) um mindestens zwei Verdünnungen innerhalb von neun Monaten nach der Behandlung bzw. - bei einer Erkrankung im Primärstadium - als Epithelisierung der Syphilis-bedingten Ulcerationen innerhalb von ein bis zwei Wochen.

Hohe Heilungsrate

Bei der Nachuntersuchung neun Monate nach der Antibiotika-Gabe lag die Heilungsrate in der Azithromycin-Gruppe bei 97,7%, in der Penicillin-Gruppe betrug sie 95,0%. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Auch nach drei bzw. sechs Monaten waren die Heilungsraten in beiden Gruppen sowie in allen Untergruppen annähernd gleich. Nach drei Monaten betrug die Heilungsrate 59,4% in der Azithromycin-Gruppe und 59,5% in der Penicillin-Gruppe, nach sechs Monaten lag sie bei 85,5% (Azithromycin) und 81,5% (Penicillin). Etwa 11% der mit Azithromycin behandelten Patienten berichteten über leichte bis moderate Nebenwirkungen unter der Therapie, vor allem im Gastrointestinaltrakt.

In Industrieländern hohe Resistenzrate

Damit hat die Studie gezeigt, dass die Syphilis durch eine orale Einzeldosis Azithromycin genauso erfolgreich wie mit Benzathin-Penicillin G behandelt werden kann. Experten warnen jedoch davor, die Therapie aufgrund der positiven Ergebnisse auf Industrieländer zu übertragen. Denn dort ist der Anteil Azithromycin-resistenter Erreger in den letzten Jahren rasant angestiegen, sodass in vielen Fällen ein Therapieversagen zu befürchten wäre. Eine Untersuchung in San Francisco hatte beispielsweise ergeben, dass bei homosexuellen Männern die Prävalenz einer Resistenz-verursachenden Mutation bei Treponema pallidum von 0% im Jahre 2000 auf 56% im Jahre 2004 angestiegen war, in Irland wurde sogar eine Prävalenz von 88% festgestellt. Gegen Benzathin-Penicillin G ist der Syphilis-Erreger jedoch nach wie vor - seit 60 Jahren - empfindlich.

Syphilis (Lues)

Der Erreger, die Spirochäte Treponema pallidum, kann durch Schleimhautkontakt beim Geschlechtsverkehr oder von der Mutter auf den Fötus (konnatale Syphilis) übertragen werden.

Die Erkrankung verläuft in drei Stadien:

Primärstadium (nach drei bis fünf Wochen Inkubationszeit): Auftreten eines Ulcus durum an der Eintrittsstelle der Erreger, Anschwellen der regionären Lymphknoten

Sekundärstadium (Beginn ca. zwei bis drei Monate nach Infektion): Aussaat der Erreger über den Blutweg, Generalisation; Auftreten verschiedener Hauterscheinungen, z. B. rötelnähnlicher Ausschlag, knötchenförmige Läsionen an Fußsohlen und Handtellern, Zungenulzera, Warzen im Genitalbereich, Haarausfall, Schluckbeschwerden

Tertiärstadium: gummiartige Knoten an Haut, Schleimhaut und inneren Organen, Befall von Gehirn und Rückenmark (Lues cerebrospinalis)

Gefahr ist nicht gebannt

Nicht nur bei HIV ist in Deutschland derzeit ein Anstieg der Neuinfektionen zu verzeichnen (2002: 1735 Erstdiagnosen, 2004: 1928), sondern auch bei anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen. So ist die Zahl der Syphilis-Erkrankungen im Jahre 2004 um 14% angestiegen.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt, Meldung vom 13. Juli 2005.

Syphilis in Deutschland

Die Syphilis ist weltweit verbreitet, nach Angaben der WHO kommt es derzeit jährlich zu ca. zwölf Millionen Neuerkrankungen, vorwiegend in Südostasien und Afrika. In Deutschland wurden dem Robert Koch-Institut bis März 2005 für das Jahr 2004 insgesamt 3345 neu diagnostizierte Syphilisfälle gemeldet. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der gemeldeten Fälle um mehr als 400 (14%). Bundesweit wurde im Jahr 2004 eine Inzidenzrate der Syphilis von 4,1 Erkrankungsfällen pro 100.000 Einwohner erreicht. Die seit Inkrafttreten des Infektionsschutzgesetzes Anfang 2001 zu beobachtende kontinuierliche Zunahme der Zahl der Meldungen in jedem Diagnosehalbjahr hat sich damit auch 2004 weiter fortgesetzt. Mit Ausnahme der nördlichen Bundesländer Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein wurden aus allen übrigen Bundesländern 2004 mehr Fälle als 2003 gemeldet. Allerdings wurde im 2. Halbjahr 2004 die geringste beobachtete Steigerungsrate gegenüber dem Vorhalbjahr seit 2001 registriert.

Quelle: Epidemiologisches Bulletin des Robert Koch-Instituts Nr. 26 vom 1. Juli 2005.

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