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Radon: Das Krebsrisiko im Keller

Strahlung ist überall. Gegen die natürliche Hintergrundstrahlung aus dem Kosmos gibt es keinen Schutz. Ebenso wenig kann die terrestrische Strahlung aus dem Boden und aus den Gesteinen abgeschirmt werden. Anders verhält es sich mit dem radioaktiven Edelgas Radon, das aus der Erde in die Häuser eindringt und etwa 2000 Todesfälle jährlich verursacht (Tab. 1). Es ist ein prinzipiell lösbares Problem, das allerdings erst Mitte der 1980er-Jahre erkannt worden ist.

Mit einem Masseanteil von 6,2 x 10–16 Prozent ist Radon nach Polonium das zweitseltenste Element der Erdkruste. Es entsteht in den Zerfallsreihen von Uran, Thorium und Uran-Actinium. Uran zerfällt über Radium-226 zu Radon-222 (Halbwertszeit: 91 h), das für die Strahlenbelastung relevante Radon-Isotop. Wegen der relativen Häufigkeit von Uran ist Radon trotz seiner kurzen Halbwertszeit dauerhaft in der Umwelt existent.

Erhebliche Strahlenbelastung

Die durch Radon verursachte Strahlenbelastung in Wohnungen beträgt durchschnittlich etwa 50 Becquerel (Bq) pro m³ Luft, woraus sich eine jährliche Strahlendosis von 0,8 Millisievert (mSv) errechnet; aus der mittleren Radonkonzentration im Freien kommt eine Jahresdosis von 0,1 mSv hinzu. Das entspricht zusammen etwa 40 Prozent der gesamten natürlichen Strahlenbelastung. Auf uranhaltigem Granitgestein, z. B. im Südschwarzwald, im Thüringer Wald oder im Erzgebirge, kann in Innenräumen eine Radon-Strahlenbelastung von 10.000 Bq/m³ auftreten.

Wo Pechblende abgebaut wurde, sind kurzfristig 100.000 Bq/m3 und im Jahresmittel 15.000 Bq/m³ gemessen worden, ebenso auf ehemaligen Haldenflächen. Größere Mengen Radon sind in solchen Gebieten auch im Quellwasser gelöst.

Das geruch- und geschmacklose Gas, das etwa siebenmal so schwer wie Luft ist, dringt aus dem Untergrund an die Oberfläche, bevorzugt durch Spalten, Klüfte und Stollen des Bergbaus, aber auch durch lockere, poröse Böden. In von unten schlecht isolierten und nicht regelmäßig gelüfteten Kellern sammelt es sich an und kann von dort in die Wohnräume aufsteigen, insbesondere wenn die Wände gut isoliert sind. Andererseits hemmt eine dicht schließende Tür zwischen Wohnung und Kellertreppe das Eindringen von Radon in die Wohnung erheblich.

Toxikologie

Radon selbst belastet den Menschen kaum, wohl aber seine radioaktiven Zerfallsprodukte, insbesondere Polonium. Sie lagern sich an Aerosole und Staubteilchen an, dringen in den Atemtrakt ein und zerfallen dort unter Aussendung energiereicher Alpha-Strahlung, die die empfindliche Basalzellschicht des Bronchialepithels schädigt. Der kleine Teil des eingeatmeten Radons, der ins Blut und damit in andere Organe gelangt, verursacht anscheinend keine Schäden; er wird bei einer Eliminationshalbwertszeit von 20 Minuten überwiegend über die Lunge ausgeschieden. Das einzige bisher nachgewiesene Gesundheitsrisiko durch Radon ist das Bronchialkarzinom.

Die Bergarbeiter waren die ersten

Nachdem mehrere Studien über Bergarbeiter mit Bronchialkarzinom gezeigt hatten, dass Radon die wesentliche Krebsursache ist, stufte das internationale Krebsforschungszentrum der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Lyon 1980 das Gas als karzinogen für den Menschen ein. Es stellte sich in der Folge die Frage, ob es auch in geringeren Konzentrationen, als sie üblicherweise unter Tage vorliegen, gesundheitsschädlich ist. Seitdem sind weltweit von Nordamerika bis China 20 große epidemiologische Studien zum Thema Radon in Wohnungen durchgeführt worden. Sie zeigen alle ein durch Radon erhöhtes Lungenkrebsrisiko.

Eindeutig bewiesen war damit noch nichts, da die Daten verschiedener statistischer Erhebungen in der Regel nicht vergleichbar sind. Die Europäische Kommission förderte deshalb die Europäische Studie zu Lungenkrebs und Radon in Wohnungen, eine vor 15 Jahren begonnene europaweite multizentrische Studie (13 Einzelstudien in neun Ländern) unter der Leitung von Sarah Darby, Universität Oxford. Von deutscher Seite waren das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und die Tierärztliche Hochschule Hannover beteiligt.

In die Studie gingen 7148 Lungenkrebspatienten und 14.208 Kontrollpersonen ein. Alle Teilnehmer wurden nach einem standardisierten Erhebungsverfahren detailliert zu ihrem lebenslangen Rauchverhalten und anderen Risikofaktoren für Lungenkrebs befragt, und in ihren Wohnungen wurden die Radonkonzentrationen mindestens ein halbes Jahr lang kontinuierlich gemessen.

Ein Meilenstein der Strahlenforschung

Die 2004 veröffentlichten Ergebnisse sind eindeutig und laut Michaela Kreuzer vom BfS in Neuherberg, die maßgeblich an der Auswertung beteiligt war, ein Meilenstein der Strahlenforschung:

  • Radon verursacht Lungenkrebs.
  • Der Expositions-Wirkungs-Zusammenhang ist linear ohne einen Schwellenwertknick. Damit ist zum ersten Mal überhaupt nachgewiesen worden, dass es bei einer Strahlenwirkung keinen Schwellenwert gibt. Die Erhöhung der Radon-Strahlenbelastung um 100 Bq/m³ erhöht das Lungenkrebsrisiko um 8,4%, bei Berücksichtigung von Messfehlern und anderen Unsicherheiten sogar um 16%, sodass es sich bei 700 Bq/m³ etwa verdoppelt.
  • Das relative Lungenkrebsrisiko durch Radon ist für lebenslange Nichtraucher, ehemalige Raucher und Raucher gleich hoch. Das absolute Risiko ist bei Rauchern entsprechend höher (Tab. 2).

Laut Studie liegt die mittlere Strahlenbelastung durch Radon in Wohnungen der Europäischen Union bei 59 Bq/m³ Nimmt man einen linearen Risikoanstieg von 16% je 100 Bq/m³ an, verursacht Radon 9% aller Lungenkrebstodesfälle der EU oder 20.000 Lungenkrebstote jährlich. 90% dieser Lungenkrebsfälle werden durch eine Radon-Strahlenbelastung unterhalb von 200 Bq/m³ verursacht.

Zielwert ist problematisch

Das Bundesumweltministerium entwarf auf Basis eines BfS-Konzeptes ein Radonschutzgesetz, das für Wohnungen mit einer Radon-Strahlenbelastung ab 100 Bq/m³ Luft eine zeitlich gestaffelte Sanierung der Häuser vorsah. Häuser ab einer mittleren Strahlenbelastung von 1000 Bq/m³ sollten innerhalb von drei Jahren saniert werden.

Der Bundesrat hat diesem Gesetz allerdings nicht zugestimmt. Das Problem liegt wohl bei dem Zielwert von 100 Bq/m³, der in einigen Regionen Deutschlands durch bauliche Maßnahmen kaum zu erreichen ist, während hier das regelmäßige Lüften der Keller auch schon recht effektiv ist. Ob mit oder ohne Gesetz: Die Sanierung stark radonbelasteter Häuser ist sinnvoll und dürfte eine Mammutaufgabe der Zukunft sein.

Das radioaktive Edelgas Radon, das aus der Tiefe zuerst in den Keller und dann in die Wohnung eindringt, verursacht jährlich etwa 2000 Todesfälle durch Lungenkrebs. Das Problem wurde erst vor 20 Jahren erkannt. Tipps für gefährdete Wohnungen: Keller gut lüften und gegenüber den Wohnräumen durch dicht schließende Türen abschirmen.

Schneeberger Bergkrankheit Im 16. Jahrhundert trat in Schneeberg im Erzgebirge eine ungewöhnliche Häufung von Lungenerkrankungen auf. Das Symptom wurde als "Schneeberger Bergkrankheit" bezeichnet. Es war Lungenkrebs. Radon war wohl die Ursache.

Ungebremstes Risiko

Es gibt kein anderes umweltrelevantes Kanzerogen, bei dem die epidemiologische Datenlage so umfassend und eindeutig ist wie beim Radon. Für zahlreiche andere Umweltkanzerogene wie Asbest oder Dioxin bestehen rechtliche Regelungen, obwohl kein direkter Nachweis der Schädlichkeit in der Umwelt vorliegt, sondern das Wissen auf tierexperimentellen Daten und Daten am Arbeitsplatz beruht. Im Sinne der zu fordernden Konsistenz von Risikoeinstufungen sind deshalb auch Regelungen zur Begrenzung von Radonexpositionen in Wohnungen zu fordern [3].

Radondichtigkeit von Baumaterialien

Dicht: Bitumen, Epoxidharz, kunststoffmodifizierter Beton (PCC), Plastikdichtungsfolie, Polyamidanstrich, Polyurethanversiegelung

Nicht dicht: Bims, Gips, Kalksandstein, Mauerziegel, Porphyr, Sandstein

Ergebnisse der Radon-Studie

  • Radon in Wohnungen ist als kausale Ursache von Lungenkrebs bei Rauchern und Nichtrauchern anzusehen.
  • Der Expositions-Wirkungs-Zusammenhang ist annähernd linear ohne Hinweis auf einen Schwellenwert.
  • Das Risiko auf Lungenkrebs nimmt je Anstieg der Radonkonzentration um 100 Bq/m³um 16% zu.

Reiztherapie

Radonquellen werden im Sinne einer Reizbehandlung zur Heilung entzündlicher und degenerativer rheumatischer Erkrankungen genutzt. Bei entsprechenden Kuranwendungen wird es über die Haut (Bäder) und die Lunge (Aerosole, Aufenthalt im Radon-Stollen, z. B. in Bad Kreuznach und Bad Gastein) aufgenommen und systemisch im gesamten Körper verteilt. Für Radonwasser-Trinkkuren war einst das Radiumbad Oberschlema im Erzgebirge berühmt.

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