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Hospitalhof Stuttgart: Warum hat sich die Homöopathie nicht überlebt?

Über Homöopathie lässt sich trefflich streiten, aber nur selten sachlich diskutieren. Dass es auch anders geht, zeigte eine Diskussion von Medizinprofessoren mit niedergelassenen Ärzten und Laien, die am 1. Dezember 2005 im Evangelischen Bildungswerk Hospitalhof Stuttgart stattfand. Das Thema lautete: Ohne Risiken und Nebenwirkungen Ų wie hilfreich ist die Homöopathie?. Die Teilnehmer beleuchteten die Homöopathie nicht nur in medizinischer, sondern auch in ökonomischer und gesundheitspolitischer Hinsicht.

Vor 250 Jahren wurde Samuel Hahnemann geboren, und vor gut 200 Jahren begann der vielseitig interessierte, insbesondere in der Materia medica und der Arzneitherapie beschlagene Arzt, ein neues medizinisches System zu entwickeln: die Homöopathie. Nach Höhen und Tiefen, trotz heftiger Angriffe von Seiten der Schulmedizin und trotz der Einschränkungen im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gibt es die Homöopathie auch heute noch. Sie fristet ein Nischendasein, von der Gesellschaft zwar toleriert, aber leider auch verkannt, wie die Anhänger der Homöopathie meinen.

Zulauf für alternative Heilverfahren

Derzeit boomen alternative und komplementäre Heilverfahren. Nach Ansicht von Prof. Dr. Robert Jütte, Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart, liegt dies insbesondere an der Zunahme der chronischen Erkrankungen in der immer älter werdenden Bevölkerung. Während die Schulmedizin bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein ihre großen Erfolge bei der Bekämpfung der Infektionskrankheiten errang, scheint sie bei der Behandlung typischer Zivilisations- und Alterskrankheiten an ihre Grenzen gekommen zu sein. Bekanntlich üben alternative Heilverfahren auf Patienten, die in schulmedizinischer Hinsicht als "austherapiert" gelten, eine große Anziehungskraft aus.

Jütte sprach sich für Therapievielfalt und -freiheit aus, die immer schon ein Zeichen für eine pragmatische, unvoreingenommene Gesundheitspolitik gewesen seien. So habe Friedrich der Große einen heilkundigen Scharfrichter in den Rang eines Chirurgen erhoben, weil die Erfahrung gezeigt hatte, dass dessen Therapien bei den Kranken erfolgreich waren, obwohl sie nicht unbedingt mit den Lehrmeinungen der Chirurgie in Einklang standen.

Ein weiteres Argument, das gegen die Verurteilung der Homöopathie spricht, sei ihre Kosteneffizienz. Die Beurteilung aus gesundheitsökonomischer Sicht sei nicht einmal besonders modern: Bereits vor hundert Jahre haben amerikanische Krankenkassen ihren Patienten billigere Tarife angeboten, wenn sie sich homöopathisch behandelt ließen.

Heilerfolge durch individuelle Therapie

Die Hinwendung zur Homöopathie erfolgt oft nach einem eindrucksvollen persönlichen Erlebnis. Das ist bei Ärzten nicht anders als bei Laien. Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Facharzt für Homöopathie in Furth am Wald, machte eine solche Erfahrung, als er einem Säugling mit Windeldermatitis Sulfur gab und ihn dadurch über Nacht von diesem Leiden befreite. Er betonte, dass die Homöopathie bereits von ihrem Begründer Samuel Hahnemann, der bestimmte damals übliche Mittel und Verfahren wie Drastika, Emetika und Aderlässe ablehnte, als sanfte Heilmethode konzipiert worden ist. Auch heute halten viele Patienten die Homöopathie als "sanft" im Vergleich zur Schulmedizin, die sie teilweise als kalt und brutal erleben.

Kritiker halten der Homöopathie vor, dass sie nicht besser sei als eine Plazebobehandlung. Dabei übersehen sie, dass eine Therapie mit Plazeboeffekt weit besser ist als eine Nichtbehandlung. Man könne die Hypothese aufstellen, dass eine homöopathische Behandlung den Plazeboeffekt systematisch nutzbar macht: Arzt und Patient entwickeln ein gemeinsames Verständnis des Krankseins und sind überzeugt, dass der Körper des Patienten mit Hilfe des homöopathischen Medikaments die Krankheit überwindet, woraufhin sich die Symptomatik tatsächlich bessert. Der Nutzen einer solchen individuellen Therapie sei in großen klinischen Studien aus methodischen Gründen nicht zu belegen.

Bei ernsten Erkrankungen nutzlos

Prof. Dr. Dietrich Höffler, stellvertretender Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, formulierte die Haltung der Schulmedizin zur Homöopathie. Er erinnerte daran, dass die Arzneimittelkommission 1998 die "außerhalb der wissenschaftlichen Medizin stehenden Methoden der Arzneitherapie" bewertet hat. Darin hat sie an der Homöopathie u.a. bemängelt, dass die zum Wirksamkeitsnachweis homöopathischer Therapien durchgeführten Studien in der Regel keine Kontrollgruppen haben und dass die Krankheitsbilder nicht eindeutig anhand der Symptome beschrieben sind; folglich fehlen Studien zu Erkrankungen, die durch exakt messbare Parameter charakterisiert sind und deren Therapie anhand der Veränderung dieser Parameter überprüft werden kann. Fazit: Die Wirksamkeit der Homöopathie wurde bisher in klinischen Studien nicht belegt.

Laut Höffler setzt sich die Schulmedizin für das Recht der Ärzte und der Patienten auf Therapiefreiheit ein, sie legt aber Wert auf die Feststellung, dass Therapiefreiheit nicht mit Therapiebeliebigkeit zu verwechseln ist. Letzten Endes gelte hier die schon von Hahnemann aufgestellt Forderung, dass die Therapie nicht verderblicher sein darf als die Krankheit. Diese Forderung mag damals für die Homöopathie gesprochen haben, heute spreche sie aber angesichts des medizinischen Fortschritts gegen die Homöopathie: Man müsse einer Heilmethode kritisch gegenüberstehen, die bei ernsten Erkrankungen wie Diabetes oder Lungenentzündung nichts ausrichten könne.

Weltbild der klassischen Physik nicht mehr zeitgemäß

Dr. Ellis Huber, ehemals Präsident der Berliner Ärztekammer, heute Vorstand der Securvita BKK in Hamburg, stellte in Frage, ob das vor über 150 Jahren gelegte naturwissenschaftliche Fundament der Medizin noch zeitgemäß sei. Damals haben engagierte Ärzte um Emil du Bois-Reymond und Ernst von der Brücke den in der Medizin vorherrschenden Vitalismus durch ein allein auf physikalischen und chemischen Fakten beruhendes Weltbild ersetzt. Dass sich die Physik aber seither gewaltig geändert hat, habe die heutige Medizin noch nicht zur Kenntnis genommen. Auf der Suche nach immer kleineren Materieteilchen sei die Physik in einem Beziehungsgeflecht gelandet, das nahezu immateriell sei. Auf die Medizin übertragen bedeutet das, dass auch klinische Phänomene aus einer Unzahl von Wechselwirkungen entstehen.

Die Schulmedizin sei immer noch in dem Denkmodell des Ursache-Wirkung-Prinzips der klassischen Physik gefangen. Sie wirft den Homöopathen Dogmatismus vor, weil sie einer über 150 Jahre alten Lehre anhängen, es sei aber zu fragen, ob nicht im Gegenteil die Schulmedizin dogmatisch sei, weil sie unkritisch auf pharmakologisch bewiesene Wirkmechanismen und die statistischen Ergebnisse klinischer Studien vertraue.

Als Vertreter einer Krankenkasse präsentierte Huber epidemiologische Daten, die der Annahme wiedersprechen, dass eine gleichartige medizinische Therapie in gleichartigen Populationen zu gleichartigen Ergebnissen führt. So sei die koronare Herzkrankheit als Todesursache früher in den beiden deutschen Staaten etwa gleich häufig gewesen, doch seit der Wende nehme die KKH-Sterblichkeit im Osten kontinuierlich zu, während sie im Westen sinkt. Es sei auszuschließen, dass die Ursache dafür im Standard der medizinischen Versorgung liegt; wahrscheinlich spiele die psychosoziale Umgebung eine bedeutende Rolle bei der Morbidität und Mortalität.

Weiterhin relativierte Huber die Aussagekraft klinischer Studien für die medizinische Praxis. Nur etwa 20% der Leistungen, die die Schulmedizin ihren Patienten angedeihen lässt, sei durch randomisierte kontrollierte Studien (RCT) auf ihre Wirksamkeit überprüft worden. Der Plazeboeffekt sei viel weiter verbreitet als gemeinhin angenommen; man habe ihn sogar bei chirurgischen Operationen am Herzen, die nur zum Schein durchgeführt wurden, beobachtet.

Nutzen der Alternative

In der Diskussion wies der Moderator Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Kolkmann darauf hin, dass sich die Schulmedizin im Grunde seit 50 Jahren mit der Existenz der Homöopathie abgefunden habe, da sie sie bereits 1955 in ihrer Weiterbildungsordnung als medizinische Fachrichtung anerkannt hat. Höffler gab zu, dass der Erfolg der Homöopathie zu einem guten Teil die Kehrseite des Versagens der Schulmedizin sei. Vielen Ärzten mangele es bei der Behandlung ihrer Patienten an Empathie. Deshalb gelinge es ihnen auch viel seltener als homöopathischen Ärzten, die Patienten zu einem gesundheitsbewussten Lebensstil zu bekehren.

Huber lobte an der Homöopathie, dass der Arzt durch seinen persönlichen Einsatz entscheidend zur Therapie beiträgt, während er die therapeutischen Mittel sparsam einsetzt. In der schulmedizinischen Praxis sei es umgekehrt: Hier rechne sich nur der maximale Einsatz der Mittel, was aber weniger der Schulmedizin selbst als einer verfehlten Gesundheitspolitik anzulasten sei. Auch die Pharmakotherapie sei oft nicht optimal, weil die Ärzte nach Hubers Meinung zu großzügig verschreiben.

Trotz unterschiedlicher Standpunkte der Referenten ergab sich als Konsens, dass die Homöopathie allein aufgrund der Tatsache, dass sie eine Alternative zur Schulmedizin ist, eine Existenzberechtigung hat. Sie gibt der Schulmedizin hin und wieder ein Beispiel, was man besser machen kann, wenn auch nicht in der Methode, so doch in der Praxis.

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