Ernährung aktuell

Übergewicht – auch bei Kindern ein Problem

Jedes sechste Kind in Deutschland ist übergewichtig. Damit hat sich seit 1985 der Anteil übergewichtiger Kinder mehr als verdoppelt. Zum Abschluss unserer Serie "Diäten unter der Lupe" wollen wir Ihnen daher einige Programme zur Gewichtsreduktion im Kindesalter vorstellen. Zur Einführung werfen wir im folgenden Artikel einen Blick auf Ursachen und Auswirkungen von zuviel kindlichen Speckröllchen und betrachten einige grundsätzliche Aspekte.

Die Hoffnung vieler Eltern, das Übergewicht ihrer Kinder würde sich mit der Zeit "verwachsen", ist meist trügerisch. Es zeigt sich, dass 40% der übergewichtigen Kinder und etwa 80% der übergewichtigen Jugendlichen auch dicke Erwachsene werden. Dicke Kinder von heute sind also die Risikopatienten von morgen. Schon jetzt findet man bei stark übergewichtigen Kindern vermehrt Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen sowie Diabetes mellitus Typ 2. Auch Schäden am Halte- und Bewegungsapparat werden durch das überhöhte Körpergewicht verursacht. Psychische Störungen und vermindertes Selbstwertgefühl, ausgelöst durch Hänseleien und fehlende Leistung bei Sport und Spiel, sind bei dicken Kindern an der Tagesordnung, oft droht sogar die soziale Isolation.

Wann ist ein Kind zu dick?

Neben dem optischen Eindruck in unbekleidetem Zustand (Speckröllchen, Bauchansatz), der auch Laien eine oberflächliche Beurteilung des Ernährungszustandes erlaubt, kann der Arzt durch Messung der Hautfalten mit einem Caliper (subkutane Fettgewebsdicke) und die Errechnung des Body Mass Index (BMI) exakt feststellen, ob beim Kind Bedarf zur Gewichtsreduktion besteht.
 

Abb. 1: Perzentile für den Body Mass Index von Jungen im Alter von 0 bis 
18 Jahren. 
Quelle: Kromeyer-Hauschild K, Wabitsch M, Kunze D, et al. Monatsschr Kinderheilkd 149, 807-818 (2001).


Der BMI errechnet sich bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen [BMI = Körpergewicht in Kilogramm/(Körpergröße in Meter)2], allerdings gibt es wegen der Wachstums- und Entwicklungsphasen keine festen Zahlenwerte, die das Gewicht als normal oder überhöht ausweisen. Vielmehr muss man den errechneten Wert mit den geschlechtsspezifischen Perzentilkurven (Abb. 1 und 2) vergleichen. Liegt das altersspezifische Gewicht auf oder über der 90. Perzentile (P 90), spricht man von behandlungsbedürftigem Übergewicht, ab P 97 von Adipositas.
 

Abb. 2: Perzentile für den Body Mass Index von Mädchen im Alter 
von 0 bis 18 Jahren. Quelle: s. Abb. 1

 

Abnehmen auf die sanfte Tour

Gewaltkuren und einseitige Erwachsenendiäten sind für Kinder tabu, denn Heranwachsende haben einen besonders hohen Bedarf an Nährstoffen. Anzustreben ist vielmehr, durch Aufklärung und Umstellung des falschen Ernährungsverhaltens der ganzen Familie (dicke Kinder haben oft dicke Eltern) dauerhaft zu helfen, schlanker und gesünder zu werden. Primärziel der Behandlung von leichtem bis mäßigem Übergewicht im Kindesalter ist nicht vorrangig eine drastische Gewichtsabnahme in kurzer Zeit, sondern vielmehr ein Konstanthalten des Körpergewichtes über einen längeren Zeitraum, eventuell auch ein moderater Gewichtsverlust (etwa 1 kg pro Monat). Durch das Längenwachstum normalisiert sich bei Kindern so das Gewicht oft von selbst. Die Ernährung sollte durch Betonung auf pflanzliche Nahrungsmittel wie Obst und Gemüse sowie Reduzierung fett- und zuckerhaltiger Produkte eine Verringerung der Energiedichte zum Ziel haben, ohne dass das Kind hungern muss. Zusätzlich muss die Bewegungsintensität deutlich erhöht werden, am besten für die ganze Familie. Bei stärkerem Übergewicht ist zusätzlich eine leichte bis mäßige kindgerechte Diät angezeigt. Die Behandlung adipöser Kinder sollte unter fachlicher Aufsicht, ggf. im Rahmen eines stationären Kuraufenthaltes erfolgen.

Tipps für Familien mit übergewichtigen Kindern

  • Energiezufuhr (leicht) reduzieren
  • abwechslungsreiche und ausgewogene Nahrungszusammenstellung
  • täglich viel Gemüse, Obst, Vollkorn- und fettarme Milchprodukte
  • 1,5 bis 2 Liter kalorienfreie Flüssigkeit am Tag
  • Zwischenmahlzeiten: Obst, Joghurt, Knäckebrot, Rohkost
  • ballaststoffreiche, sättigende Speisen (Kartoffeln, Reis, Getreide)
  • volle Teller – aber wenig Energie: viel Gemüse, Salat, Rohkost
  • Aufstrichfett reduzieren (halbfett, unter Streichwurst kein Fett)
  • mageres Fleisch/Fisch und Wurst (Aspik, Schinken o. Fettrand)
  • Paniertes meiden
  • reichlich Kräuter und Gewürze statt Salz, ggf. Süßstoff
  • Süßes und Fast Food reduzieren
  • ohne Ablenkung essen, gründlich kauen, langsam essen
  • kaloriensparende Zubereitungsarten wählen (Kochen, Grillen, Bratfolie, Römertopf, beschichtete Pfanne)
  • Sport und bewegungsintensive Spiele zur Unterstützung

Spaß an Bewegung vermitteln

Zur Vorbeugung von Übergewicht und zum Abnehmen selbst trägt in hohem Umfang das Ausmaß der körperlichen Aktivität bei. Allerdings stellt Übergewicht oft eine nicht unerhebliche Einschränkung der Beweglichkeit des Kindes dar. Wie soll z. B. ein Kind mit 15 kg Übergewicht Joggen, Fußballspielen oder Bergsteigen? Beim Sport ist entscheidend, was das Kind aufgrund seines überhöhten Körpergewichtes überhaupt leisten kann. Geeignete Sportarten, bei denen das Gewicht relativ wenig "stört", sind beispielsweise Schwimmen, Radfahren, Krafttraining oder Gymnastik. Hinzukommen sollte eine grundsätzliche Umstellung des Bewegungsverhaltens im Alltag. Denn der bei Erwachsenen zu findende Bewegungsmangel ist auch schon bei Kindern und Jugendlichen anzutreffen. Was für den Erwachsenen das Auto, ist für viele Kinder der Bus bzw. Jugendliche das Mofa, also die Fortbewegung ohne eigenen Energieaufwand. Optimal wäre es, häufiger zu Fuß zu gehen oder Rad zu fahren, wenn man Wert auf gute Gesundheit und eine schlanke Linie legt. Wichtig ist, dass die Bewegung regelmäßig erfolgt und zur Gewohnheit wird. Einmal in der Woche eine Gewaltanstrengung bringt weit weniger als jeden Tag eine Stunde Bewegung bei Spiel und Sport. Je mehr, desto besser – am besten mit der ganzen Familie!

Dr. Eva-Maria Schröder, Tutzing

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