Arzneimittel und Therapie

Osteoporose: Unterversorgung mit Calcium und Vitamin D3

Unter dem Namen der gleich lautenden Osteoporose-Initiative "prosso" (pro osso, "für Knochen") begann im Februar 2005 in 10.000 bundesdeutschen Arztpraxen die erste flächendeckende Studie zur Versorgung von Osteoporose-Patienten.
Prof. Dr. Manfred Fischer

Der Verdacht: Millionen Frauen leiden an Knochenbrüchen und Rückenschmerzen, weil sie in der Osteoporose-Behandlung nicht ausreichend mit Calcium und Vitamin D3 versorgt werden. Wir sprachen mit dem Leiter der Studie, Prof. Dr. Manfred Fischer, der Hinweise gibt, wie die Compliance bei der Calcium- und Vitamin-D3-Gabe verbessert werden kann.

DAZ:

Wie lautet der Ansatz der Versorgungsstudie? Welche Fragen standen im Mittelpunkt der Erhebung?

Fischer:

Die Studie prüfte, ob es Lücken in der Osteoporosetherapie gibt – insbesondere bei der Basistherapie mit Calcium und Vitamin D3. Dabei interessierte uns die Frage nach der mangelnden Compliance, einer Unterdosierung oder einer unvollkommenen Therapie wie eine Monotherapie. Eine ähnliche Versorgungsstudie gab es in Deutschland noch nicht.

DAZ:

Wer nahm an der Versorgungsstudie teil?

Fischer:

Im Befragungszeitraum zwischen Februar und Juni 2005 beteiligten sich 4338 Arztpraxen mit insgesamt 19.389 Osteoporose-Patienten. Von den Teilnehmern waren 87,4% weiblich und 12,6% männlich. Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 69,5 Jahren. Die Auswertung zeigte, dass Riesenlücken in der Basistherapie existieren: 72% sind mit Calcium und Vitamin D3 unterversorgt.

DAZ:

Was bedeutet das Ergebnis im Einzelnen?

Fischer:

Es gibt einige Fehler in der Basistherapie: Zum einen werden in 13% lediglich Monopräparate verordnet, zum anderen werden in 20% Kombinationspräparate zwar verordnet, diese aber zu niedrig dosiert. Oder es wird zwar die richtige Dosierung empfohlen, aber vom Patienten werden die Präparate nicht entsprechend eingenommen: Stichwort Compliance.

DAZ:

Haben Sie dieses Ergebnis erwartet?

Fischer:

Diese Daten liegen deutlich unter dem Durchschnitt. Nur 28% aller Osteoporose-Patienten erhielten eine leitliniengerechte Basistherapie mit Calcium und Vitamin D3. Von 13% wurden Monopräparate eingenommen, in 39% der Fälle resultierte die Unterversorgung aus mangelnder Compliance. Weniger dramatisch ist das Bild bei der Brausetablette.

 

Foto: Osteoporose.com
ZUM AUFBAU NEUER KNOCHENSUBSTANZ ist eine ausreichende Substitution von Calcium und Vitamin D3 erforderlich. Doch gerade ältere Patienten nehmen oft 
zu wenig Calcium auf.

 

DAZ:

Warum ist die Compliance bei der Basistherapie mit Calcium und Vitamin D3 in der Darreichungsform als Brausetablette höher?

Fischer:

Es ist ein klares Signal der Patienten bequemere Einnahmerhythmen zu bevorzugen. Natürlich wissen wir aus Studien, dass die Zweimal-Einnahme z.B. mit Kautabletten überlegene Wirkstoffspiegel bringt. Compliance fördernd ist es aber nicht.

DAZ:

Bedeutet die geringe Compliance, dass man das eigentliche Problem aus den Augen verloren hat?

Fischer:

Ja, ganz offensichtlich. In den letzten Jahren wurden wichtige Schritte zu einer besseren Osteoporosetherapie getan: Die Integration der Basistherapie mit Calcium und Vitamin D3 in die Leitlinien. Oder auch die Sicherstellung der Erstattungsfähigkeit der Basistherapie bei manifester Osteoporose durch die Aufnahme in die Ausnahmeliste. Das war wichtig und richtig. Aktuell müssen wir uns aber mit dem Thema Compliance beschäftigen. Jetzt haben wir Daten und Meinungen. Was nützen uns die besten Produkte und Therapieschemata, wenn die Präparate nicht eingenommen werden.

DAZ:

Was würde Ihrer Meinung nach die Compliance z.B. bei der Basistherapie mit Calcium und Vitamin D3 steigern?

Fischer:

Es sind drei Punkte: Die Darreichungsform Brausetablette, der Preis und der Geschmack. Insbesondere Patienten, die von ihrem Arzt die verbale Empfehlung zur Einnahme der Basistherapie erhalten, springen schnell wieder ab. Wertiger ist ein Privatrezept, auch wenn der Patient die Präparate dann selbst zahlen muss. Vielen Patienten wurde nie deutlich gemacht, dass mit der Osteoporosebehandlung erst einmal der Knochenschwund gestoppt wird, zum Aufbau neuer Substanz in jedem Fall aber eine ausreichende Substitution von Calcium und Vitamin D3 erforderlich ist.

DAZ:

Wie wird sichergestellt, dass dem Körper ausreichend Calcium zur Verfügung steht?

Fischer:

Wir wissen, dass gerade ältere Patienten durch Unverträglichkeiten gegenüber Milchprodukten oder Vitamin-D-Mangel zu wenig Calcium aufnehmen. Es ist also wichtig, die Patienten zu einem ausreichend hohen Anteil von Milchprodukten in der Nahrungskette aufzufordern oder Calcium in jedem Fall in der Kombination mit Vitamin D3 zu substituieren. Eine Basissubstitution ist aber in jedem Fall erforderlich.

DAZ:

Wie sieht die Dosierung der Basistherapie aus?

Fischer:

Die ausreichende Höhe von Calcium und Vitamin D3 in der Basistherapie ergibt sich aus den Essgewohnheiten des einzelnen Patienten: Es sollten 1000 bis 1200 mg Calcium sowie mindestens 800 I.E. Vitamin D3 erreicht werden. In diesem Punkt hat unsere Studie doch deutliche Defizite in der Versorgung unserer Patienten ergeben. Es bedarf einer gezielten Information durch die Selbsthilfeorganisationen für die Patienten, aber auch durch die ärztlichen Kollegen, die diese Patienten betreuen. Nur durch eine solche Doppelstrategie wird sich eine Verbesserung erzielen lassen. Damit würde sich dann mittel- bis langfristig eine Reduzierung der Kosten erreichen lassen, die heute noch durch die hohe Anzahl osteoporotischer Frakturen für unser Sozialsystem entstehen.

DAZ:

Vielen Dank für das Gespräch!

Netzwerk Osteoporose

Die Partner der Aktion sind das Netzwerk Osteoporose e.V., eine Organisation zur Förderung von Selbsthilfe und Rehabilitationssport, das Helios Klinikum Berlin-Buch, der Landesring Brandenburg-Berlin des Deutschen Seniorenrings e.V. und der Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose e.V. (BfO). Über 1300 Ärzte unterstützen prosso.

Die Initiative im Internet: www.prosso.de

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