Arzneimittel und Therapie

Phytotherapie: Keine Blutungen durch Ginkgo-Extrakt

Ginkgolid B aus Ginkgo biloba hemmt den plättchenaktivierenden Faktor (PAF). Deshalb wird über eine erhöhte Blutungsgefahr durch die Einnahme von Ginkgo-Extrakt diskutiert, besonders, wenn der Patient andere gerinnungshemmende Substanzen, wie orale Antikoagulanzien oder Thrombozytenfunktionshemmer, einnimmt. Prof. Dr. Wilhelm Gaus, Abteilung Biometrie und Medizinische Dokumentation der Universität Ulm, hat zu diesem Thema in einer Datenbank-Analyse 320.000 Patienten über durchschnittlich 2,5 Jahre untersucht und 810.000 Behandlungsjahre ausgewertet, wie er in dem nachfolgenden Interview darlegt.

DAZ:

Welche Fragestellung lag der Datenbank-Analyse zugrunde?

Gaus:

Das Erkennen seltener unerwünschter Arzneimittelwirkungen ist sehr schwierig, für schwerwiegende Nebenwirkungen aber wichtig. Alle gängigen Studientypen sind wenig geeignet: Randomisierte Studien haben dafür zu kleine Fallzahlen, Kohorten sind schwierig zu vergleichen, für Fall-Kontroll-Studien ist ein konkreter Verdacht notwendig, und Spontanmeldungen sind unsicher.

Deshalb haben wir eine große Verschreibungs-Datenbank benutzt, um neue Methoden zum Erkennen seltener, aber schwerwiegender unerwünschter Arzneimittelwirkungen zu erproben. Blutungsrisiko und Ginkgo waren interessante Fragestellungen, weil in den 1990er Jahren bei einzelnen Patienten über Blutungen bei Ginkgo berichtet wurde, das Blutungsrisiko bisher aber nie überzeugend abgeklärt werden konnte.

DAZ:

Welche Patienten wurden einbezogen?

Gaus:

Wir mussten eine große, unselektierte Patientengruppe betrachten, die ausreichend lange medizinisch behandelt und außerdem detailliert dokumentiert worden war. Die mediplus®-Datenbank von IMS (Institut für Medizinische Statistik) enthält Daten von ambulant behandelten Patienten. Dabei stellten wir zunächst fest, wie hoch das Risiko einer Blutung in den verschiedenen Altersklassen war. Anschließend schlüsselten wir diese Ergebnisse nach den eingenommenen Medikamenten auf und verglichen diese Resultate mit einer medikationsfreien Zeit. Zuletzt prüften wir die Häufigkeit von Blutungen bei gleichzeitiger Einnahme verschiedener Medikamente. Alle Risiken wurden auf 100 Beobachtungsjahre bezogen. In alle differenzierten Auswertungen gingen nur solche Patienten ein, die während der Dokumentationszeit sowohl eine Zeit mit dem betrachteten Medikament als auch eine medikationsfreie Zeit hatten. Jeder Patient war also – zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt – seine eigene Kontrolle. Das gewährleistet eine gute Vergleichbarkeit.

DAZ:

Wie viele Blutungen traten in Ihren Analysen auf?

Gaus:

Die durchschnittliche Anzahl Blutungen betrug 2,8 pro 100 Beobachtungsjahre, bei Älteren mehr, bei Jüngeren weniger. Unter Glutamatmodulatoren (Memantine, Galantamin) war die Blutungszahl 6,23 pro 100 Medikationsjahre mit Therapie versus 4,63 pro 100 Jahre ohne das jeweilige Medikament. Dies ist ein Hinweis auf eine erhöhte Blutungsgefahr. Ähnlich war es bei Cholinesterase-Inhibitoren.

DAZ:

Wie hoch war das Blutungsrisiko unter der Therapie mit Ginkgo biloba?

Gaus:

Der Vergleich zwischen Medikationszeiten und Nicht-Medikationszeiten war völlig unauffällig. Unter der Medikation mit Ginkgo war das Blutungsrisiko sogar minimal geringer als bei den gleichen Patienten in der Zeit, in der sie kein Ginkgo einnahmen.

DAZ:

Wie verhielt es sich bei einer Komedikation? Verstärkt Ginkgo-Extrakt das Blutungsrisiko einer gerinnungsaktiven Substanz, beispielsweise Acetylsalicylsäure, Phenprocoumon oder Clopidogrel?

Gaus:

Die Antwort ist eindeutig – bei allen Substanzen war die tatsächliche Blutungszahl bei Doppelbehandlung mit Tebonin® (Ginkgo-Extrakt EGb 761®) und zum Beispiel Acetylsalicylsäure und Phenprocoumon geringer, als bei Anrechnung der Einzelwerte pro Substanz zu erwarten war. Das heißt, der Ginkgo-Extrakt EGb 761® reduziert das Blutungsrisiko dieser die Gerinnung herabsetzenden Substanzen.

DAZ:

Wie beurteilen Sie das Blutungsrisiko durch Ginkgo-Extrakt?

Gaus:

Ginkgo verursacht keine Blutungen. Er hat sogar die Tendenz, bei gemeinsamer Einnahme mit Acetylsalicylsäure, Phenprocoumon und anderen gerinnungshemmenden Substanzen das Blutungsrisiko etwas abzusenken.

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