Fortbildung

Selbstmedikation: Laxanzien bei chronischer Obstipation

Die chronische Obstipation ist ein typisches Gebiet der Selbstmedikation, in dem der Apotheker sich durch kompetente Beratung profilieren kann. Bezüglich einiger Behandlungsmöglichkeiten gibt es neue Erkenntnisse aus kürzlich veröffentlichten Übersichtsarbeiten.

Bei der Beratung von Patienten mit Obstipation soll der Apotheker zunächst nach Warnsignalen fragen, die auf eine schwerwiegendere Erkrankung (z. B. endokrine Störung, Tumor) hindeuten können und deshalb eine ärztliche Abklärung erfordern (siehe Kasten).

Änderung der Lebensweise meist nicht ausreichend

Die Therapie der chronischen Obstipation ist prinzipiell auf zwei Wegen möglich:

  • durch diätetische Maßnahmen bzw. Änderung der Lebensgewohnheiten oder
  • durch Arzneimittel.

Die Wirksamkeit der nichtmedikamentösen Maßnahmen wie verstärkte Flüssigkeitsaufnahme, Erhöhung des Ballaststoffanteils in der Nahrung, verstärkte körperliche Bewegung oder das "Toilettentraining" ist bisher nicht durch Studien belegt worden. Daher wurden diese Maßnahmen in einer kürzlich erschienenen Übersichtsarbeit über die einschlägigen Studien der letzten 30 Jahre ins Reich der "Märchen und Mythen" verbannt [2].

Bei idiopathischer chronischer Verstopfung ist daher der Einsatz von Laxanzien in der Regel unvermeidlich. Die kurz- oder mittelfristige Anwendung von Laxanzien führt nur relativ selten zu Nebenwirkungen. Bei nicht bestimmungsgemäßer Anwendung können sie jedoch zu Dehydratation, Elektrolytstörungen und letztlich zu einer Verstärkung der Obstipation – eventuell sogar zum Darmverschluss – führen und einen Circulus vitiosus auslösen.
 

Warnsignale bei Obstipation 

Die folgenden Symptome oder individuellen Risikofaktoren erfordern eine ärztliche Abklärung 

  • plötzlicher Gewichtsverlust
  • nächtliche Schmerzen
  • rektale Blutungen
  • gastrointestinaler Tumor oder entzündliche Darmerkrankung in der Verwandtschaft

Große Metaanalyse publiziert

Eine weitere kürzlich publizierte Übersichtsarbeit [3] hatte sich mit der Frage beschäftigt, welche medikamentösen Therapien bei der chronischen Obstipation effektiv sind. Diese Metaanalyse aller klinischen Studien aus dem Zeitraum 1966 bis 2003 ergab drei Hauptaussagen:

  • Eine sichere und effektive Therapie ist durch Polyethylenglykol/Macrogol-Derivate und Tegaserod (siehe Kasten) möglich.
  • Eine sichere und moderate Wirkung zeigte sich bei der Anwendung von Flohsamen bzw. Lactulose.
  • Alle übrigen Laxanzien (mineralische Abführmittel, Sennes-Zubereitungen, Gleitmittel, Bisacodyl) können mangels qualitativ hochwertiger Studien nicht bewertet werden.

Die letztere Aussage ist jedoch nicht so zu interpretieren, dass die betreffenden Laxanzien, die schon sehr lange angewendet werden, unwirksam oder schlecht verträglich sind.

Hinweise für die Selbstmedikation

Zur Verhinderung von unerwünschten Wirkungen und Interaktionen sind spezielle Hinweise bei der Abgabe von Laxanzien unerlässlich.

  • Bei Quellstoffen wie Floh- oder Leinsamen ist die Einnahme mit ausreichend Flüssigkeit (am besten im Verhältnis 1 : 15 bis 1 : 20) wichtig. Bei einer Komedikation soll das Laxans in mindestens halbstündigem Abstand zu den anderen Arzneimitteln eingenommen werden, um deren Resorption nicht zu beeinträchtigen. Bei akuten entzündlichen Darmerkrankungen oder Darmverschluss darf Leinsamen nicht angewendet werden.
  • Das Gleitmittel Paraffinum subliquidum (z. B. Obstinol®) soll wegen der Gefahr von Hypovitaminosen fettlöslicher Vitamine nur kurzfristig eingesetzt werden.
  • Dragees mit Phenolphthalein-Derivaten (Bisacodyl, Natriumpicosulfat) haben einen magensaftresistenten Überzug und müssen unzerkaut geschluckt werden.

Bezüglich Senna-Zubereitungen gibt es neuere Erkenntnisse. Entgegen früheren – auch damals schon umstrittenen – Behauptungen ist Senna nicht mutagen, kanzerogen oder toxisch und führt nicht zur Gewöhnung. Senna-Präparate sind daher auch für die Langzeittherapie geeignet, ein Dauergebrauch ist jedoch abzulehnen.

Lediglich Zucker und Zuckeralkohole (Lactulose, Lactose, Lactitol) können "guten Gewissens" auch für den Dauergebrauch empfohlen werden.

Apothekerin Dr. Claudia Bruhn
 

Tegaserod 

Der in der Metaanalyse der klinischen Studien über Laxanzien [3] als sehr effektiv eingestufte partielle 5-HT4-Rezeptoragonist Tegaserod ist bisher nur in den USA und der Schweiz zugelassen (Zelmac®). In groß angelegten klinischen Studien zeigten sich gute Erfolge bei Patienten mit Reizdarmsyndrom mit Obstipation. Die Wirkung beruht auf einer Erhöhung des Tonus und der Motilität im Magen-Darm-Trakt durch Stimulation von 5-HT4-Rezeptoren.

Quellen 
[1] Prof. Dr. Matthias F. Melzig, Berlin: „Laxanzien – Grundlagen und pharmazeutische Praxis“. Vortrag auf dem 
Pharmakotherapeutischen Colloquium, veranstaltet von der Apothekerkammer Berlin und der DPhG-Landesgruppe 
Berlin-Brandenburg am 26. Oktober 2005 in Berlin. 
[2] Müller-Lissner, S.A., et al.: Myths and misconceptions about chronic constipation. Am. J. Gastroenterol. 100, 232 – 
242 (2005). 
[3] Ramkumar, D., Rao, S.S.: Efficacy and safety of traditional medical therapies for chronic constipation: systematic review. 
Am. J. Gastroenterol. 100, 936 – 971 (2005).

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