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Marie Curie – Leben in Verantwortung

Unter dem Namen "Marie Curie" vergibt die Europäische Union Stipendien und veranstaltet Konferenzen zur Förderung von Wissenschaftlern im Europäischen Forschungsraum. So fand vom 28. bis 30. September in Pisa die Marie-Curie-Konferenz 2005 unter dem Titel "Europa attraktiver für Forscher gestalten" statt. Benannt sind diese Fördermaßnahmen nach einer der bedeutendsten Wissenschaftlerinnen des 20. Jahrhunderts. Jeder kennt den Namen Marie Curie, doch wer war diese ungewöhnliche Frau?*

Zwei Nobelpreise

Marie Curie erhielt 1903 den Nobelpreis für Physik, zusammen mit ihrem Mann Pierre Curie und Antoine-Henri Becquerel. 1911 folgte die Verleihung des Nobelpreises für Chemie; es war das erste Mal, dass ein Nobelpreisträger einen zweiten Nobelpreis erhielt. Diese Ehrungen waren umso außergewöhnlicher, als sie einer Frau wiederfuhren, denn Frauen war erst eine Generation zuvor gestattet worden, an Universitäten zu studieren und in staatlichen Forschungsinstituten zu arbeiten. Zwar lautete Marie Curies Lieblingsspruch: "In der Wissenschaft kommt es auf die Sache, nicht auf Menschen an." Doch dies war im patriarchalischen Zeit-alter für die meisten Frauen eher eine Wunschvorstellung als die Realität. Als Frau hat Marie Curie manche Zurücksetzung erfahren, aber aus ihrem weiblichen Wesen hat sie auch die Qualitäten ihrer inneren Entwicklung geschöpft.

Kindheit und Jugend

Geboren wurde Marie Curie am 7. November 1867 in Warschau als Maria Salomee Sklodowska. Ihr Vater hatte in St. Petersburg studiert und lehrte an einem Warschauer Gymnasium Physik und Mathematik. 1873 wurde er ohne sachliche Begründung zurückgestuft und verlor die Dienstwohnung. Einschränkungen, mehrmalige Umzüge und die Erkrankung der Mutter an Tuberkulose erschwerten das Familienleben. 1876 verlor Maria eine Schwester durch Typhus. 1878 starb ihre Mutter. Maria war zehn Jahre alt! Als einzige Beständigkeit gab es für die vier zurückbleibenden Kinder das Streben und Lernen. Maria hatte mit vier Jahren Lesen gelernt. Sie vertiefte sich bei der ständigen Unruhe und der tristen Wirklichkeit in Bücher. Sie besuchte ein kaiserliches Gymnasium, das den Zugang zur Hochschule eröffnete – allerdings damals nicht für Frauen. In Schulen und Instituten wurde auf Russisch unterrichtet; Polnisch lernten die Kinder heimlich. Als beste Schülerin des Jahrgangs beendet Maria 1883 die Schulzeit, ebenso wie zuvor ihr Bruder Josef und ihre Schwester Bronia. Der Vater musste ein Jahr später seinen Dienst quittieren und Zusatztätigkeiten aufgeben. Das zwang seine Kinder, zum Lebensunterhalt beizutragen. Die Töchter erteilten Nachhilfeunterricht. In ihrer Freizeit besuchten sie die "Fliegende Universität", eine illegale Einrichtung, die ihre Studenten befähigen wollte, durch ihren Intellekt die politischen Verhältnisse zu ändern. Um ihre Schwester Bronia, die ein Medizinstudium an der Sorbonne begonnen hatte, zu unterstützen, nahm Maria Stellen als Gouvernante an. Nach Abschluss des Studiums heiratete Bronia und drängte Maria, ebenfalls zum Studium nach Paris zu kommen und bei ihr zu wohnen. So ging Maria, die das Reise- und Studiengeld bereits verdient hatte, nach Paris.

Studium in Paris

Ab November 1891 studierte Marie, wie sie jetzt genannt wurde, an der Sorbonne Physik. Zwei Jahre später schloss sie nach harten Einschränkungen als beste von dreißig Prüflingen ab und errang ein Auslandsstipendium der Alexandrowitsch-Stiftung in Warschau. Zur Aufbesserung ihrer Finanzen untersuchte sie im Auftrag der Gesellschaft zur Förderung der Nationalen Industrie magnetische Eigenschaften verschiedener Metalle. Zudem gestattete ihr der Physik-Professor Gabriel Lippmann, in seinem Labor zu arbeiten. In der Ecole des Physique et de Chimie fand Marie einen weiteren Praktikumplatz. Der Leiter des Laboratoriums war Pierre Curie, ein Arztsohn aus einer elsässischen, evangelischen Familie. Er hatte mit 16 Jahren sein Abitur bestanden und mit 18 Jahren sein Physikstudium mit dem Lizentiat abgeschlossen. Mit seinem Bruder Jacques erforschte er das Verhalten von Kristallen unter verschiedenen Drücken. Zusammen entdeckten sie 1891 das Prinzip der polaren Elektrizität, bald Piezoelektrizität genannt. Wie seine spätere Frau faszinierte ihn die Ergründung von Naturphänomenen, also die Grundlagenforschung und nicht die industrielle Verwertung mit dem sich daraus ergebenden Gewinn. Die Gespräche zwischen Marie und Pierre waren bald nicht mehr nur wissenschaftlicher Art. Nach einigen abschlägig beschiedenen Anträgen Pierres willigte Marie ein; sie heirateten 1895 und richteten sich eine bescheidene Wohnung ein. Als Hochzeitsreise fuhr das junge Paar mit dem Fahrrad rings um Paris.

Entdeckung von Polonium und Radium

Im September 1897 entband der Schwiegervater Marie Curie von ihrem ersten Kind, der Tochter und späteren Mitarbeiterin IrŹne. Noch am Ende dieses Jahres schloss sie ihre Arbeiten über die magnetischen Eigenschaften des Stahls ab und begann sich mit der geheimnisvollen Strahlung zu befassen, die Becquerel ein Jahr zuvor entdeckt hatte und für die Marie den Begriff "Radioaktivität" prägte. Marie prüfte alle ihre zugänglichen Metalle und Mineralien auf Radioaktivität, indem sie die durch die Strahlung verursachte Leitfähigkeit der Luft in einer Ionisationskammer maß. Sie fand, dass die Strahlung von Verbindungen, die Thorium bzw. Uran enthielten, dem Gehalt an diesen Elementen proportional war. Als sie Pechblende und Chalkolith untersuchte, fand sie eine im Vergleich zum Uran-Gehalt vierfach bzw. zweifach höhere Strahlung. Daraus schloss sie auf eine noch unbekannte radioaktive Substanz in diesen Verbindungen, ein neues Element. Sie entdeckte dann 1898 zusammen mit ihrem Mann gleich zwei neue Elemente, das Polonium und das Radium. Das Radium, das anfangs nur spektroskopisch nachweisbar war, isolierte Marie in Form von Radiumbromid, und zwar gewann sie aus mehreren Tonnen Pechblende die winzige Menge von etwa 100 mg. Für den Physikerkongress 1900 in Paris verfasste Marie, die inzwischen an der Mädchenoberschule in SŹvres unterrichtete, mit Pierre ein Referat über den Kenntnisstand der Radioaktivität. Über eventuelle gesundheitliche Auswirkungen der Radioaktivität machten sie sich falsche Vorstellungen, zumal man bei Versuchen an Mäusen einen positiven Einfluss der Bestrahlung auf Tumoren beobachtet hatte. Wegen der starken Strahlenbelastung befanden sich die Curies in schlechter körperlicher Verfassung. Den Grund erkannten sie nicht.

Erster Nobelpreis für eine Frau

Im Juni 1903 verteidigte Marie ihre Dissertationsschrift "Forschungen über Radioaktivität" mit großem Erfolg. Im November desselben Jahres erhielten Marie und Pierre von der Londoner Royal Society deren höchste Auszeichnung, die Davy-Medaille. Kurz darauf wurden sie zusammen mit Becquerel mit der Verleihung des Nobelpreises für Physik geehrt. Marie war die erste weibliche Nobelpreisträgerin! Der französische Gesandte nahm die Auszeichnung stellvertretend für die erschöpften Wissenschaftler entgegen. Der Präsident der Schwedischen Königlichen Akademie sagte in seiner Laudatio: "Der große Erfolg von Professor und Madame Curie ist die beste Illustration des alten Sprichwortes coniuncta valent, Einigkeit macht stark. Das lässt auch Gottes Wort in einem neuen Licht erblicken: 'Es ist nicht gut, dass der Mann allein sei; ich will ihm eine Gefährtin geben'. Aber das ist nicht alles. Dieses gelehrte Paar steht zugleich für die Zusammenarbeit verschiedener Nationalitäten, ein glückliches Omen für die Menschheit, die ihre Kräfte zur Weiterentwicklung der Wissenschaft vereint."

Kein Patent angemeldet

Das Ehepaar Curie blieb bei seinem bescheidenen Lebensstil. Marie setzte ihre Mittel zur Unterstützung notleidender Studenten, für schlecht ausgestattete, wissenschaftliche Gesellschaften, für Laboratoriumsgehilfen und andere Bedürftige ein. Es fiel ihr nicht ein, "sich dem Nobelpreis zu Ehren einen neuen Hut anzuschaffen", wie ihre Tochter später schrieb, sie gönnte sich in ihrem kleinen Haus aber immerhin ein modernes Badezimmer und ließ ein Zimmer tapezieren. Die Curies meldeten kein Patent an, um persönliche finanzielle Vorteile aus ihren Forschungen zu ziehen; das hätte gegen ihre Prinzipien verstoßen. 1904 wurde Tochter Éve geboren. 1905 hielt Pierre den noch ausstehenden Vortrag vor der Akademie der Wissenschaften in Stockholm. Dabei sprach er auch die Ambivalenz des wissenschaftlichen Fortschritts an: "Man kann annehmen, dass das Radium in verbrecherischer Hinsicht sehr gefährlich werden könne, und hier stellt sich die Frage, ob es für die Menschheit vorteilhaft ist, die Geheimnisse der Natur zu kennen, ob sie reif genug ist, sich diese Geheimnisse nutzbar zu machen oder ob diese Erkenntnisse ihr schädlich sind."

Ein tragischer Unfall

Im Frühjahr 1906 erlitt Pierre einen tödlichen Unfall durch einen vorbeifahrenden Pferdewagen. Die Tochter Éve schrieb dazu: "An diesem Apriltag ist Madame Curie nicht nur Witwe, sondern eine unheilbar Vereinsamte geworden." Marie Curie lehnte eine ihr von der Regierung angebotene Ehrenpension als Almosen ab. Dagegen nahm sie das Angebot an, Pierres Nachfolge an der Sorbonne anzutreten. Sie wurde zur außerordentlichen Professorin – als erste Frau, die einen Lehrauftrag an der Sorbonne erhielt – ernannt; 1908 wurde sie ordentliche Professorin und 1914 Leiterin des Radium-Instituts. 1910 definierte Marie Curie die internationale Maßeinheit der Radioaktivität: das Curie (abgekürzt: Ci; heute abgelöst durch das Becquerel, Bq). 1911 nahm sie als einzige Frau am ersten Solvay-Kongress in Brüssel teil. Zusammen mit André Debierne gelang ihr im selben Jahr die Darstellung reinen Radiums aus Radiumchlorid. Im Dezember 1911 nahm sie in Stockholm den zweiten Nobelpreis entgegen, der ihr diesmal für Chemie verliehen wurde. (Bis heute sind nur zwei weitere Wissenschaftler mit zwei Nobelpreisen geehrt worden: Linus Pauling für Chemie und Frieden sowie John Bardeen zweimal für Physik.)

Krieg und Tod

Beim Beginn des Ersten Weltkrieges stellte Marie Curie sich dem Roten Kreuz zur Verfügung. Als Leiterin des Röntgendienstes organisierte sie Röntgengeräte ("kleine Curies" genannt) und bildete die notwendigen Fachkräfte aus. Darunter befanden sich 150 Frauen. Der Einsatz von weiblichen Hilfskräften an und hinter der Front fand begeisterte Bewunderung. Nach dem Krieg verlegte sie ihren Arbeitsschwerpunkt von der Labor- auf die Öffentlichkeitsarbeit. 1922 nahm sie die Ernennung zum Mitglied der Internationalen Kommission für geistige Zusammenarbeit in Genf an; hier stieg sie zur Vizepräsidentin auf. 1934 wurde Marie Curie ernstlich krank. Die Diagnosen wechselten: unter anderem Gallenblasenentzündung und Tuberkulose. Tatsächlich litt sie an einer perniziösen Anämie als Folge der andauernden Einwirkung radioaktiver Strahlung. Sie fuhr zur Kur nach Sancellemoz in Savoyen. Dort starb sie am Morgen des 4. Juli 1934 im Alter von 66 Jahren in den Armen ihrer Tochter und späteren Biographin Éve Curie.

Wissenschaftler und Verantwortung

Die Gesellschaft für Verantwortung in der Wissenschaft e.V. (GVW) möchte Wissenschaftler und wissenschaftlich ausgebildete Personen motivieren, immer im Bewusstsein ihrer Mitverantwortung für das Wohl der Menschheit zu handeln. In diesem Sinne regt sie einen gesellschaftlichen Diskurs über Themen rund um Wissenschaft, Technik, Verantwortung und Gesellschaft an. Sie veranstaltet Tagungen (zuletzt am 14./15. Oktober 2005 in Hamburg über "Determination und Willensfreiheit") und gibt die Zeitschrift "Wissenschaftler und Verantwortung" heraus. Sie bemüht sich gerade auch unter den Apothekern – sowohl in der Offizin als auch in der Industrie – um neue Mitglieder. Weitere Informationen bei der Autorin Dr. Gisela Wurm oder auf der Website www.staff.uni-marburg.de/

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