DAZ aktuell

Friese: Apothekermangel verhindern

(hvj). Auf dem Deutschen Apothekertag wurde von der Apothekerkammer Westfalen-Lippe ein Antrag eingebracht, der die ABDA auffordert, sich für die Lösung des Problems "Mangel an Apothekerinnen and Apothekern für die Arzneimittelversorgung in der öffentlichen Apotheke" einzusetzen. Die DAZ hat sich mit dem Präsidenten der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, Hans-Günther Friese, hierzu unterhalten.

 

DAZ:

Herr Friese, der Antrag der Apothekerkammer Westfalen-Lippe lässt aufhorchen, gibt es tatsächlich schon einen Mangel an Arbeitskräften in deutschen Apotheken?

Friese:

Von einem generellen akuten Mangel an Fachkräften in Apotheken möchte ich nicht sprechen, doch aus vielen Gesprächen mit Kollegen war zu erfahren, dass es in verschiedenen Gebieten Deutschlands schwierig geworden ist, approbierte Mitarbeiter zu finden. Mit unserem Antrag wollen wir wachrütteln und durch gezielte "Prävention" ein mögliches gravierendes Problem verhindern.

DAZ:

In der Begründung Ihres Antrages weisen sie darauf hin, dass sich die Situation dramatisch entwickeln könnte und viele Regionen heute schon betroffen seien. Was sind die Fakten?

Friese:

Das von uns angesprochene Problem ist zurzeit noch - ich betone: noch - beherrschbar. Doch Lösungen am Arbeitsmarkt haben - wie allseits bekannt - einen langen Vorlauf. Außerdem wird schon mittelfristig ein Mangel an allgemeinen Fachkräften erwartet, der nicht spurlos an der Pharmazie vorbeigehen dürfte.

DAZ:

Gilt der zu erwartende Mangel für Voll- und Teilzeitkräfte gleichermaßen?

Friese:

Das Problem sehe ich vor allem im Vollzeitbereich. Bei der Kammer Westfalen-Lippe z. B. kommt in bestimmten Regionen zurzeit auf zehn offene Stellen ein Bewerber. Dies ist zwar kein repräsentativer Wert für ganz Deutschland, aber ein Trend lässt sich hier doch erkennen.

DAZ:

Hat die in den letzten Jahren geführte Diskussion hinsichtlich Versandhandel, Fremd- und Mehrbesitz den potenziellen Berufnachwuchs bzw. die Schulabgänger Ihrer Meinung nach davon abgehalten, den Beruf des Apothekers zu ergreifen?

Friese:

Das ist nicht klar erkennbar; nach wie vor gibt es über 25% mehr Bewerber als Studienplätze. Allerdings hat sich der Anteil der weiblichen Approbierten in der Apotheke in der Vergangenheit ständig erhöht. Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen stehen diese dem Arbeitmarkt de facto in geringerem Umfang zur Verfügung, da die berufliche Karriere u. a. mit der Erziehung der Kinder abgestimmt werden muss. Diese Entwicklung bedingt einen erhöhten Gesamtbedarf an Apothekern, die in der öffentlichen Apotheke tätig sind. Dies muss allen Beteiligten bewusst sein und die erforderlichen Maßnahmen müssen getroffen werden.

DAZ:

Hat die seit dem 1. Januar 2004 gesetzlich ermöglichte Filialisierung einen erhöhten Bedarf an angestellten Apothekern geschaffen?

Friese:

Der eingeschränkte Mehrbesitz hat auf dem Arbeitsmarkt eine gewisse "Sogwirkung" auf angestellte Apotheker ausgelöst. Natürlich wurden so viele neue Arbeitsplätze geschaffen. Eine weitere bedeutende Entwicklung ist aber auch, dass viele Apotheken und deren Filialen ihre Öffnungszeiten verlängert haben. So kann z. B. eine Filialapotheke in einem Einkaufscenter kaum mit einem einzigen Vollzeit-Approbierten betrieben werden.

DAZ:

Wie steht Deutschland hinsichtlich Berufsnachwuchs im internationalem Vergleich?

Friese:

Andere Länder in Europa haben hier heute schon viel größere Probleme, die wir nicht eines Tages haben wollen. In Großbritannien z. B. wird mittlerweile geplant, wegen Mangel an Offizinapothekern pharmazeutische Tätigkeiten in Teilbereichen aus den öffentlichen Apotheken auszulagern.

DAZ:

Sie fordern in Ihrem Antrag ein verstärktes Engagement der Beruforganisationen. Wo sollten hier die Schwerpunkte gelegt werden?

Friese:

Zum einen muss die Wiedereingliederung der älteren Kollegen verstärkt gefördert werden, auch wenn dies nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Des Weiteren muss recherchiert werden, wie sich der Bedarf an approbierten Fachkräften für die öffentliche Apotheke entwickeln wird. Auch muss der "Schwund" an Approbationen zwischen Erteilung und Berufspraxis hinterfragt werden. Nur mit fundierten Daten kann ein brauchbares Gutachten hierfür erstellt werden. Liegt dies vor, müssen in Absprache mit den Ministerien die entsprechenden Studienplätze erhalten bzw. neue bereitgestellt werden. In Frankreich wurde so die Kapazität der Studienplätze um 18% erhöht.

DAZ:

Das ist die eine Seite, doch wie können vermehrt Studienanfänger für das Fach Pharmazie begeistert und gewonnen werden?

Friese:

Selbstverständlich müssen wir uns auch an den Berufsbörsen vermehrt präsentieren und überall das Marketing für unseren Beruf verstärken. Auch an den Schulen sehe ich Möglichkeiten, noch mehr für unseren Berufstand und die Tätigkeit in der Apotheke zu werben. Der wichtigste Anreiz ist die spätere gehaltliche Entlohnung; Meine Frage: reicht dies zur Steigerung der Attraktivität aus?

DAZ:

Sollten auch ggf. Stipendien vergeben und Werbekampagnen für den Apothekerberuf gestartet werden, eventuell auch in Kooperation mit Partnern der Apotheken?

Friese:

Jede Aktion oder Maßnahme, die dem Vorteil des Berufstandes dient bzw. dessen Nachwuchsarbeit fördert, ist prinzipiell zu begrüßen. Aber egal ob Stipendium, Sponsoring oder Werbekampagne, der Berufstand und der einzelne Apotheker muss dabei seine Eigenständigkeit bewahren. Es müssen hier vielleicht neue Wege gegangen werden, doch nur mit Partnern, die den Apotheker als freien und unabhängigen Heilberuf sehen.

DAZ:

Welche Art von Nachwuchsarbeit kann Ihrer Meinung nach von jeder einzelnen Apotheke geleistet werden?

Friese:

Natürlich müssen Ausbildungs- und Praktikantenstellen weiterhin zahlreich bereitgestellt werden. Aber auch im unmittelbaren Umfeld - privat oder geschäftlich - sollte für den Beruf des Apothekers mit Überzeugung geworben werden. Die soziale Kompetenz und die gesellschaftliche Verantwortung, die in diesem Heilberuf gelebt werden können, sind - verglichen mit anderen Berufen - doch überaus attraktiv.

DAZ:

Auch in naher Zukunft noch für das männliche Geschlecht?

Friese:

Nennen sie mir einen Heilberuf, wo Männer und Frauen (bevorzugt) solche vielfältige Chancen geboten werden. Jede Empfehlung, den Apothekerberuf zu ergreifen, ist verbunden mit einer Perspektive auf einen späteren wohnortnahen und sicheren Arbeitsplatz. Optimismus für Mann und Frau sind angesagt!

DAZ:

Herr Friese, wir bedanken uns für das Gespräch!

Antrag der Apothekerkammer Westfalen-Lippe

Mangel an Apothekerinnen und Apothekern

 

Antrag

 

Die Hauptversammlung der deutschen Apothekerinnen und Apotheker erwartet von der ABDA, dass sie sich zügig und intensiv für die Lösung des Problems "Mangel an Apothekerinnen und Apothekern für die Arzneimittelversorgung in der öffentlichen Apotheke" einsetzt. Dabei sind sämtliche Möglichkeiten einzubeziehen und die relevanten Institutionen (zuständige Länderministerien, Universitäten usw.) einzuschalten.

 

Zur lediglich teilweisen, kurzfristigen Lösung des Problems sollten die Apothekerkammern der Länder regelmäßig Wiedereingliederungsmaßnahmen für Apothekerinnen und Apotheker anbieten, die zeitweilig aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Gleichzeitig sollten darüber hinaus u. a. Verhandlungen aufgenommen werden mit dem Ziel, die Ausbildungskapazitäten für Apothekerinnen und Apotheker zu erhöhen.

 

Begründung (gekürzt, die vollständige Begründung finden Sie in DAZ Nr. 39/2005, S. 84f):

Die Situation ist dramatisch bzw. entwickelt sich dramatisch:

  • Regionaler Mangel an approbierten Kräften für die öffentliche Apotheke.
  • Durch PTA-Abschluss höheres Studium- bzw. Berufsantrittsalter.
  • Nach Familiengründung kehren Apothekerinnen häufig nur als Teilzeitkräfte zurück.
  • Pharmazeutische Betreuung erfordert ein Mehr an pharmazeutischen Fachkräften.
  • Filialisierung bindet pharmazeutische Fachkräfte.
  • Streichung von Studienplätzen reduziert die Berufsanfänger.
  • Zu geringes Einkommen des angestellten Apothekers im Vergleich zu adäquaten Berufen.
  • Durch Mangel an Fachkräften könnte das Pharmaziestudium als Numerus-clausus-Fach eingestuft werden. Folge: Kapazitätsabbau.
  • In anderen europäischen Ländern droht durch den Mangel an Apothekern ein Outsourcing von pharmazeutischen Tätigkeiten aus der Apotheke.
  • Nur Frankreich konnte seine Studienplatzkapazität erhöhen.

Hieraus und aus weiteren Gründen ist eine dringliche Befassung mit dem Problem geboten, damit nicht eines Tages in Deutschland argumentiert wird, Teile der Arzneimittelversorgung freizugeben, weil approbiertes pharmazeutisches Personal fehlt.

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