Arzneimittel und Therapie

Mythen und Märchen rund um die Verstopfung, Teil 6

Zur Entstehung und Behandlung einer Verstopfung existieren bei Laien und oft auch in Fachkreisen viele beharrlich vertretene Vorstellungen. Solche Empfehlungen, beispielsweise zur allgemeinen Lebensweise, entbehren jedoch in einigen Fällen jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Wir sprachen mit dem Gastroenterologen Prof. Dr. Müller-Lissner, Chefarzt der Abteilung Innere Medizin der Parkklinik Weißensee, Berlin, über seine Empfehlungen zur Einnahme von Abführmitteln.

DAZ

Herr Professor Müller-Lissner, können Sie uns Tipps für die Apothekenpraxis geben. Ab wann wird eigentlich von einer Obstipation gesprochen?

Müller-Lissner:

Die Obstipation hat von Ausnahmen abgesehen keinen objektiven Krankheitswert, sondern gewinnt diesen ausschließlich durch den Leidensdruck des Patienten. Fast immer geklagte Beschwerden sind Völlegefühl (das nach der Stuhlentleerung besser oder weg ist) und heftiges Pressen zur Stuhlentleerung. Diese Symptome sollten daher der "Diagnose" Obstipation zugrunde gelegt werden. Sie sind oft mit hartem Stuhlgang und niedriger Stuhlfrequenz verbunden. Wenn seltener Stuhlgang weiter keine Beschwerden verursacht, ist die niedrige Stuhlfrequenz irrelevant. Sie sollte daher nicht zur Definition gebraucht werden.

DAZ

Können Sie uns weitere wichtige Fragen nennen, die ein Apothekenmitarbeiter bei der Beratung eines verstopften Patienten vorrangig abklären sollte? Wann sollte dem Kunden eine ärztliche Abklärung nahe gelegt werden?

Müller-Lissner:

Der Umgang mit Obstipation wird heute weitgehend bestimmt durch Selbstdiagnose und Selbstmedikation und ist daher ein wichtiges Thema im Apothekenalltag. Dem Apothekenpersonal kommt eine verantwortungsvolle und wichtige Rolle bei der Beratung und Aufklärung des Patienten, beim Erkennen der Grenzen der Selbstmedikation, zu. Kompetente und verantwortungsvolle Beratung und Aufklärung bei einem Thema, welches von vielen noch als ein Tabuthema angesehen wird, ist äußerst wichtig.

Dauert eine neu aufgetretene Verstopfung länger an, tritt eine Verstopfung plötzlich in Verbindung mit anderen Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen oder Fieber auf, ist eine Verstopfung mit starken Schmerzen verbunden, erscheint Blut im Stuhl, so ist ein Arztbesuch unabdingbar. Und noch ein Punkt, der mir sehr am Herzen liegt: Vorsicht mit gut gemeinten Tipps wie mehr Bewegung oder mehr Trinken. Denken Sie in der Beratung daran, dass die meisten Verstopften durch vermehrte Ballaststoff- und Flüssigkeitszufuhr und körperliche Aktivität keine Besserung der Verstopfung erwarten können.

DAZ

Welche Empfehlung geben Sie verstopften Patienten, die in der Praxis vor Ihnen stehen?

Müller-Lissner:

Nun, zunächst prüfe ich, ob der Patient mit chronischer Verstopfung auf Ballaststoffe anspricht oder nicht. Das kann mit Flohsamenschalen oder Weizenkleie getan werden. Ansonsten kann der Patient sich die Beschwerden durch die gelegentliche, in manchen Fällen auch regelmäßige Einnahme von Abführmitteln erleichtern.

DAZ

Welche Abführmittel empfehlen Sie? Tendieren Sie zur Anwendung von natürlichen Abführmitteln?

Müller-Lissner:

Eher nicht. "Natürlich" ist kein Garant für Harmlosigkeit. Die meisten "natürlichen" Abführmittel sind bezüglich ihrer Sicherheit schlecht untersucht. Diesen ziehe ich daher synthetische Wirkstoffe vor. Von den synthetischen Substanzen kommen solche in Frage, die direkt auf die Muskelzellen im Darm wirken (z. B. Bisacodyl), oder Macrogol, das Wasser im Darm bindet und als synthetischer, bakteriell nicht-spaltbarer Ballaststoff wirkt. Eher abraten würde ich von Lactulose oder Sorbit wegen der erheblichen Blähungen, die bei der Einnahme auftreten.

DAZ

Herr Professor Müller-Lissner, vielen Dank für das Gespräch!

Ulrika Hinkel, Bad Vilbel

Mythen und falsche Vorstellungen zur Verstopfung

 Zur Entstehung und Behandlung einer Verstopfung halten sich beharrlich Vorstellungen und Empfehlungen, beispielsweise zur allgemeinen Lebensweise, die jedoch in einigen Fällen jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren. Um hier für Klarheit zu sorgen, haben internationale Gastro-Experten gemeinsam eine Übersichtsarbeit erstellt.

Hierzu wurden die Arbeiten der letzten 30 Jahre gesichtet, 105 von ihnen enthielten Daten zum Thema Obstipation. Diese Übersichtsarbeit wurde im Januar im American Journal of Gastroenterology publiziert (Müller-Lissner, S. A.; Kamm, M.; Scarpignato, C.; Wald, A.: Myths and misconceptions about chronic constipation. Am. J. Gastroeneterol. 100, 232–242 (2005).

Teil 1 des Interviews mit einem der Autoren, erschienen in der DAZ 12, räumt auf mit der Vorstellung, dass viel Trinken gegen Verstopfung hilft. Teil 2, erschienen in der DAZ 13, beschäftigte sich mit den Vor- und Nachteilen von Ballaststoffen. Teil 3, erschienen in der DAZ 14, verweist den Mythos Autointoxikation ins Reich der Legenden. Teil 4, erschienen in der DAZ 15, beschäftigte sich mit dem Einfluss der körperlichen Aktivität auf die Darmfunktion. Teil 5, erschienen in der DAZ 16, beschäftigte sich mit dem Einfluss der Hormone.

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