Arzneimittel und Therapie

Mythen und Märchen rund um die Verstopfung, Teil 4

Zur Entstehung und Behandlung einer Verstopfung existieren bei Laien und oft auch in Fachkreisen viele beharrlich vertretene Vorstellungen. Solche Empfehlungen, beispielsweise zur allgemeinen Lebensweise, entbehren jedoch in einigen Fällen jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Wir sprachen mit dem Gastroenterologen Herrn Prof. Dr. Müller-Lissner, Chefarzt der Abteilung Innere Medizin der Parkklinik Weißensee, Berlin.

DAZ

Herr Professor Müller-Lissner, man sagt: "Bewegung hilft der Darmtätigkeit". Gibt es tatsächlich einen Einfluss der körperlichen Aktivität auf die Darmfunktion?

Müller-Lissner:

Es ist unumstritten, dass körperliche Tätigkeit einen Einfluss auf die Funktion des Dickdarms hat. So besteht ein Zusammenhang zwischen Wachzustand und Aktivität des Colons: Der Darm ist während des Schlafens relativ ruhig, nach dem Erwachen kommt es hingegen zu einem deutlichen Anstieg der Aktivität im Darm. Bei Gesunden hat eine geringe Zunahme der körperlichen Aktivität keinen Einfluss auf die Darmfunktion. Hingegen kann eine intensive körperliche Betätigung wie ein Marathonlauf zu einer Zunahme der Darmfunktion führen.

DAZ

Wie verhält es sich bei Verstopften? Gibt es einen Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Darmfunktion?

Müller-Lissner:

Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Auftreten einer Verstopfung und der körperlichen Aktivität. Wahrscheinlich haben andere Faktoren, die eine Obstipation zur Folge haben, auch einen negativen Einfluss auf die körperliche Aktivität. So steigt die Prävalenz der Verstopfung mit steigendem Alter. Genauso ist aber auch ein Rückgang der körperlichen Aktivität mit dem Älterwerden zu beobachten. Allerdings kann Immobilität einen Beitrag zur Verstopfung leisten, indem der Stuhldrang unterdrückt wird, da der Patient nicht schnell genug zur Toilette gelangen kann.

DAZ

Ist denn die Empfehlung an verstopfte Patienten, ihre körperliche Aktivität zu steigern, um die Verstopfung zu beheben, aus wissenschaftlicher Sicht belegt?

Müller-Lissner:

Nun, so pauschal lässt sich das nicht sagen: Mäßige körperliche Aktivität kann bei Personen mit leichter Obstipation hilfreich sein, besonders bei älteren Menschen. Häufig ist dies jedoch nur erfolgreich, wenn es als ein Bestandteil eines umfassenden Rehabilitationsprogrammes eingesetzt wird, da weitere Faktoren einen weitaus größeren Einfluss haben können. Bei jüngeren Patienten mit schwerer Obstipation führt eine Steigerung der körperlichen Aktivität jedenfalls zu keiner Verbesserung der Darmfunktion.

DAZ

Was können wir in der Apotheke als Fazit für die Beratung mitnehmen?

Müller-Lissner:

Bis zu einem gewissen Grad gibt es eine Korrelation zwischen Darmfunktion und körperlicher Aktivität. Es gibt jedoch keinerlei Beweise dafür, dass eine schwere Verstopfung durch eine verstärkte körperliche Aktivität gebessert werden kann. Vermutlich verhält es sich hier ähnlich wie bei der Ballaststoff- und der Flüssigkeitszufuhr: Solange sich der Mensch normal und ausreichend bewegt, ist Bewegungsarmut als Ursache der Verstopfung auszuschließen. Nur bei Patienten, die z. B. bettlägerig sind, könnte eine Steigerung der körperlichen Aktivität, soweit dies möglich ist, die Darmfunktion verbessern.

DAZ

Herr Professor Müller-Lissner, vielen Dank für dieses Gespräch!

Ulrika Hinkel, Bad Vilbel

Mythen und falsche Vorstellungen zur Verstopfung 

Zur Entstehung und Behandlung einer Verstopfung halten sich beharrlich Vorstellungen und Empfehlungen, beispielsweise zur allgemeinen Lebensweise, die jedoch in einigen Fällen jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren. Um hier für Klarheit zu sorgen, haben internationale Gastro-Experten gemeinsam eine Übersichtsarbeit erarbeitet. Hierzu wurden die Arbeiten der letzten 30 Jahre gesichtet, 105 von ihnen enthielten Daten zum Thema Obstipation. Diese Übersichtsarbeit wurde im Januar im American Journal of Gastroenterology publiziert (Müller-Lissner, S. A.; Kamm, M.; Scarpignato, C.; Wald, A.: Myths and misconceptions about chronic constipation. Am. J. Gastroeneterol. 100, 232 – 242 (2005).

Teil 1 des Interviews mit einem der Autoren, erschienen in der DAZ 12, räumt auf mit der Vorstellung, dass viel Trinken gegen Verstopfung hilft. Teil 2, erschienen in der DAZ 13, beschäftigte sich mit den Vor- und Nachteilen von Ballaststoffen. Teil 3, erschienen in der DAZ 14, verweist den Mythos Autointoxikation ins Reich der Legenden. Teil 5 des Interviews lesen Sie in der nächsten Ausgabe der DAZ!

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