Schwerpunkt Osteoporose

Komplikation während Schwangerschaft und Stillzeit

Die schwangerschaftsassoziierte Osteoporose ist eine seltene, für die betroffene Patientin aber außerordentlich folgenschwere Komplikation während der Schwangerschaft. Oft wird die Erkrankung aber als normale Begleiterscheinung einer Schwangerschaft fehlgedeutet.

Bisher liegen nur Schätzungen zur schwangerschaftsassoziierten Osteoporose vor. Das Auftreten der Erkrankung ist mit 0,4 Fällen pro 100.000 Schwangeren wahrscheinlich viel zu gering angegeben, da Rückenschmerzen zum Ende der Schwangerschaft durch die steigende mechanische Belastung meist als normal angesehen werden und keine weitere Abklärung erfolgt. Von einer hohen Dunkelziffer ist somit auszugehen. In der Literatur sind lediglich 80 bis 100 Fälle veröffentlicht. Die Erkrankung manifestiert sich meist in der ersten Schwangerschaft im letzten Trimenon oder unmittelbar post partum.

Das Risiko einer schwangerschaftsassoziierten Osteoporose kann sich außerdem erhöhen, wenn Erkrankungen oder bestimmte Therapieformen hinzukommen. Dazu zählen endokrinologische Erkrankungen, Störungen des Vitamin-D-Stoffwechsels, Osteomalzie und Hyperthyreose. Medikamentöse Therapien mit Glucocorticoiden, Phenytoin und Heparin können in Abhängigkeit von Dosis und Dauer ebenfalls eine Osteoporose begünstigen.

 

Physiologische Veränderungen

Potenziell kann jede schwangere Frau an dieser Sonderform der Osteoporose erkranken. Ein erhöhtes Risiko besteht, wenn die peak bone mass, die maximale Knochenmasse, die zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr erreicht ist, bereits vor der Schwangerschaft niedrig ist. Die physiologischen Veränderungen des Knochenmetabolismus während der Schwangerschaft begünstigen das Auftreten dieser Erkrankung, denn während einer Schwangerschaft werden ca. 30 g Calcium von der Mutter zum Kind übertragen. Wäre der mütterliche Knochen die einzige verfügbare Calciumquelle, würde das mütterliche Skelett pro Schwangerschaft ungefähr 3% der gesamten Knochenmasse verlieren. Als osteoprotektiver Faktor in der Schwangerschaft ist in erster Linie ein Anstieg der Steroidhormone (Estrogene, Progesteron und Androgene) zu nennen.

Weitere Mechanismen, über die die Mutter den Calciumbedarf des Kindes kompensiert, sind eine gesteigerte intestinale Resorption des mit der Nahrung aufgenommenen Calciums und eine Mobilisierung aus dem mütterlichen Skelett. Wider Erwarten lassen sich während der Schwangerschaft eine Hypercalciurie und keine verstärkte renale Rückresorption der Calciumionen beobachten.

Klinische Symptome

Während der Schwangerschaft und der Stillzeit kommt es zu erheblichen Veränderungen des Calciumstoffwechsels, die bei einer noch unbekannten Zahl von Patientinnen so weit gehen können, dass es zu einer massiven Osteoporose mit Knochenbrüchen kommt, die häufig zunächst nicht erkannt werden. Vor allem im letzten Trimenon der Schwangerschaft oder in der Postpartalphase klagen die betroffenen Frauen über heftige Rückenschmerzen mit Bewegungseinschränkungen.

Seltener kommt es zu Hüftgelenks- und Sprunggelenksbeschwerden. Oft wird eine Verringerung der im Pass eingetragenen Körpergröße beobachtet. Das Auftreten von Brüchen wird durch die zunehmende mechanische Belastung im Verlauf der Schwangerschaft noch verstärkt.

Prävention und Therapieoptionen

Beim Auftreten der Schwangerschafts-Osteoporose muss eine individuelle Therapieentscheidung getroffen werden. Präventionsempfehlungen und eine standardisierte Therapie existieren nicht. Aufgrund der Anamnese ist es derzeit auch nicht möglich vorherzusagen, welche Frau in der Schwangerschaft eine Osteoporose entwickeln wird. Im Vordergrund stehen daher präventiv allgemeine Verhaltensmaßnahmen, die eine knochenstoffwechselgesunde Ernährung, einen gesunden Lebensstil mit regelmäßiger körperlicher Aktivität und die Vermeidung von Genussmitteln wie Nicotin und Coffein einschließen.

Die Einnahme von 1 bis 2 g Calcium pro Tag sowie eine hochdosierte Zufuhr von Vitamin D (800 IU) wird empfohlen, wenn eine Risikokonstellation vorliegt. Tritt eine schwangerschaftsassoziierte Osteoporose auf, sollte unabhängig von der individuellen Ausgangssituation in einem spezialisierten osteologischen Zentrum über die Therapie entschieden werden.

Osteoporosepatientinnen sollten abstillen

Wegen des nachgewiesenen Mineralsalzverlustes ist es für die Osteoporosepatientin ratsam, nicht zu stillen, da der hohe Calciumverlust zu Lasten des mütterlichen Skeletts geht. Schätzungsweise würde das mütterliche Skelett 5% an Mineralsalz verlieren, wenn keine anderen ausgleichenden Mechanismen existierten. Um diesem enormen Bedarf gerecht zu werden, versucht der Körper, vermehrt Calcium über den Magen-Darm-Trakt aufzunehmen und auch der Anstieg bestimmter Hormone in der Schwangerschaft wirkt sich schützend auf den Knochen der Mutter aus. Der durch das Stillen verbundene Calcium-Mehrbedarf kann oft nicht allein durch die Nahrung oder erhöhte enterale oder renale Resorption gedeckt werden.

Dr. Beate Mack-Graesle, Korntal

Quelle
Hellmeyer, L.; et al.: Schwangerschafts- assoziierte Osteoporose. Frauenarzt 9, 840 – 844 (2004).

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