Arzneimittel und Therapie

FSME-Prophylaxe: Die Zeckensaison naht

Die Zahl registrierter FSME-Infektionen bewegt sich in Deutschland seit einigen Jahren auf hohem Niveau. Einen zuverlässigen Schutz vor FSME kann nur die aktive Immunisierung bieten. Dennoch wird diese Impfung selbst in ausgewiesenen Risikogebieten viel zu selten genutzt. Hier besteht also Aufklärungsbedarf, denn gerade in diesen Wochen, bevor die Zecken wieder aktiv werden, ist der beste Zeitpunkt für die FSME-Impfung.

In der Zeckensaison 2004 wurden in Deutschland vom Robert Koch-Institut 269 Fälle von Frühsommer-Meningo-Encephalitis (FSME) registriert. Experten gehen jedoch von einer wesentlich größeren Zahl aus, da viele Erkrankungsfälle trotz Meldepflicht nicht bekannt gegeben werden oder gar nicht als FSME diagnostiziert werden. Über 90% der Infektionen traten in den bekannten Risikogebieten Baden-Württembergs (126), Bayerns (101) und Hessens auf (22). Darüber hinaus kamen in sieben weiteren Bundesländern ebenfalls FSME-Fälle vor.

Spontanes Auftreten möglich

Besonderes Aufsehen erregte letztes Jahr ein FSME-Fall in Mecklenburg-Vorpommern, wo seit Mitte der 80er Jahre keine FSME mehr aufgetreten war. Auch die Analyse von über 16.000 Zecken hatte in dieser Gegend bis 2004 keinerlei Hinweise auf FSME-Viren ergeben. Daher galt die Region 19 Jahre lang als FSME-Viren-frei. Im Sommer 2004 erlitt dort (bei Neustrelitz) ein 61-Jähriger einen Zeckenstich. Kurz darauf entwickelte er typische Symptome, die sich labordiagnostisch als FSME bestätigen ließen.

Der Mann hatte sich zuvor in keinem Endemiegebiet aufgehalten. Dieser autochthone FSME-Fall verdeutlicht, dass offensichtlich auch in jahrelangen Nicht-Endemiegebieten mit dem sporadischen Auftreten von FSME gerechnet werden muss.

Endemiekarten richtig deuten

Die regelmäßig erstellten Landkarten zur FSME-Risikoverteilung basieren auf den gemeldeten klinischen FSME-Fällen der Vorjahre. Sie lassen daher keinen unmittelbaren Schluss auf den tatsächlichen Viren-Befall der Zecken zu. Einzelne "weiße" Landkreise in "roter" Umgebung können somit nicht automatisch als FSME-Viren-frei deklariert werden. Oft haben lokale Impfaktivitäten einfach nur verhindert, dass hier infizierte Menschen an FSME erkrankt sind. Das Infektionsrisiko für Nichtgeimpfte kann dort dennoch hoch sein.

In den letzten Jahren haben sich die Endemiegebiete insbesondere in Süddeutschland stark ausgeweitet. Wie ein groß angelegtes Antikörper-Screening von Blutproben gezeigt hat, muss heute praktisch in ganz Baden-Württemberg mit FSME-Viren gerechnet werden. Während man in den 80er Jahren davon ausging, dass nur etwa jede 1000ste Zecke FSME-Viren trägt, liegen die Befallsraten mittlerweile um mindestens eine 10er Potenz höher, in manchen Gebieten wird sie sogar auf bis zu 5% geschätzt.

Die ersten Stunden sind entscheidend

FSME-Viren befinden sich in den Speicheldrüsen der Zecken und werden daher schon in den ersten Stunden nach dem Stich übertragen. Borrelien siedeln dagegen im Darm der Zecken und benötigen in der Regel über 24 Stunden, bis sie in den Körper des neuen Wirts gelangen. In jedem Fall ist es sinnvoll, die Zecke umgehend zu entfernen, damit die Anzahl der übertragenen Viren bzw. Bakterien möglichst gering bleibt. Um die Erregerübertragung nicht zu forcieren, darf eine blutsaugende Zecke niemals gequetscht werden. Am besten entfernt man sie mit einer Zeckenzange oder -karte und desinfiziert anschließend die Einstichstelle.

Folgeschäden drohen

In etwa 70% der Fälle heilt eine FSME folgenlos aus. 30% der Patienten entwickeln trotz symptomatischer Intensivbehandlung vorrübergehende oder bleibende neurologische Schäden wie Lähmungen, Hörstörungen, Konzentrationsschwäche etc. Während bei Kindern die akuten fiebrigen Krankheitsphasen meist recht heftig verlaufen, sind bei Erwachsenen die Folgeschäden stärker ausgeprägt. Die Letalität liegt bei FSME zwischen 1 und 2%. Da eine ausgebrochene FSME nur rein symptomatisch behandelt werden kann und in Deutschland kein FSME-Immunglobulin zur Postexpositionspropyhlaxe mehr verfügbar ist, stellt die aktive Immunisierung heute die einzige wirksame Schutzmöglichkeit vor FSME dar.

Jetzt ist die beste Impfzeit

Zwar weisen berufsbedingte Risikogruppen wie z. B. Förster oder Waldarbeiter gute Durchimpfungsraten auf, die Impfbereitschaft in der deutschen Bevölkerung ist jedoch nach wie vor gering. Während in Österreich über 80% der Bevölkerung geimpft sind, besitzt selbst in den bekannten FSME-Risikogebieten Süddeutschlands nicht einmal jeder Dritte einen wirksamen Schutz. Dabei stehen inzwischen für sämtliche Altersgruppen verträgliche Impfstoffe zur Verfügung, die ohne Konservierungsmittel und Stabilisatoren auskommen.

Der beste Zeitpunkt für die FSME-Impfung liegt in der kalten Jahreszeit, also noch vor Beginn der Zeckensaison. Die Grundimmunisierung besteht aus zwei Impfungen innerhalb von ein bis drei Monaten und ist mit einer dritten nach neun bis zwölf Monaten abgeschlossen. Die erste Auffrischimpfung wird erst nach drei Jahren fällig. Die auf dem Markt verfügbaren FSME-Impfstoffe (Encepur® Kinder für 1- bis 12-Jährige, Encepur® Erwachsene ab dem vollendeten 12. Lebensjahr [Chiron], FSME immun® junior für Kinder von ein Jahr bis zum vollendeten 16. Lebensjahr, FSME immun® Erwachsene ab dem vollendeten 16. Lebensjahr [Baxter]) sind dabei untereinander austauschbar.

Schnellimmunisierung für Kurzentschlossene

Wurde eine rechtzeitige Impfung versäumt, bietet das Schnellimmunisierungsschema von Encepur® den Vorteil einer rascheren Serokonversion. Hierzu wird an den Tagen 0, 7 und 21 geimpft. Eine erste Auffrischung ist nach 12 bis 18 Monaten und dann alle drei Jahre erforderlich. Eine multizentrische Studie hat gezeigt, dass mit diesem Schnellimpfschema Geimpfte auch noch nach sechs Jahren mit einer einzigen Impfung geboostert werden können. Das heißt, selbst wenn Auffrischimpfungen nicht regelmäßig durchgeführt wurden, ist ein wirksamer FSME-Schutz mit nur einer Injektion in kurzer Zeit wieder hergestellt.

Gefährliche Freizeit 90% der FSME-Infektionen werden in Deutschland bei Freizeitaktivitäten erworben. Steigen die Außentemperaturen dauerhaft über 10 Grad, beenden die Zecken ihre Winterstarre. Daher ist hierzulande von April bis November prinzipiell jeder gefährdet, der sich ohne Impfschutz in der Natur aufhält. Während das Risiko für die ebenfalls durch Zecken übertragene Borreliose in Mitteleuropa recht gleichmäßig verteilt ist, treten FSME-Viren selbst innerhalb eines Endemiegebiets oft fokal begrenzt auf. Das heißt in benachbarten Wiesen oder Waldgebieten können die Zecken bereits wieder FSME-Virus-frei sein. Die Ursache hierfür vermutet man in der Sesshaftigkeit mancher Wirtstiere (Kleinsäuger, Rotwild, Vögel) und der unterschiedlichen Viruslast in den verschiedenen Tierspezies.

Gefahr aus dem Unterholz Die FSME - auch TBE (tick-born-encephalitis) genannt - wird durch ein Flavivirus hervorgerufen, das vorwiegend vom gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus) übertragen wird. Entgegen landläufiger Vorstellung, die Zecken würden sich von Bäumen auf ihre Opfer herabfallen lassen, lauern die Blutsauger in erster Linie im Gebüsch, im dichten Gras und auf Sträuchern in bis etwa 1,5 Metern Höhe. Von hier lassen sie sich von ihrem Opfer, das sie durch chemische, thermische und mechanische Reize wittern, im Vorbeigehen abstreifen.

Sie krabbeln dann oft stundenlang auf der Haut herum, bis sie eine geeignete feuchte, warme, gut durchblutete, dünnhäutige Stelle (z. B. Kniekehlen. Achselhöhlen, Haaransatz, Leistengegend) gefunden haben. Dort ritzen sie die Haut mit ihrem Mundwerkzeug auf und betäuben die Einstichstelle mit ihrem Speichel, weshalb man den eigentlichen Stich meist nicht bemerkt. Der Saugakt kann mehrere Tage dauern.

Wann zahlt die Kasse? Die STIKO empfiehlt die aktive Immunisierung gegen FSME als Indikationsimpfung für die Bewohner ausgewiesener Risikogebiete und beruflich Exponierte. In diesen Fällen erstatten die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten der FSME-Impfung. Gleiches gilt in der Regel auch für einen Urlaubsaufenthalt in einem deutschen Risikogebiet.

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