OTC-Markt: Wie lange hält die Preisfront?

ROSTOCK (tmb). Der Ausschluss aus der Verordnungsfähigkeit und die Preisfreigabe haben die Strukturen des OTC-Marktes verändert. Der von manchen Politikern erwartete Preiskampf ist aber in deutschen Apotheken ausgeblieben. Dafür gibt es gute betriebswirtschaftliche Gründe Ų und doch ist das Thema nicht vom Tisch.

Welche Entwicklungen die Preisbildung beeinflussen können, wurde beim Wirtschaftsseminar des Apothekerverbandes Mecklenburg-Vorpommern am 14. September in Rostock-Warnemünde diskutiert. Nach den großen Einbußen des Jahres 2004 durch den Wegfall der Verordnungsfähigkeit ist der OTC-Markt im Jahr 2005 wieder zu einem Wachstumsmarkt geworden, erläuterte Jürgen Petersen, IMS Consumer Health Care. Gemessen an der Zahl der Packungen ist es sogar das größte Marktsegment in der Apotheke. Der Anteil der Selbstmedikation am Markt der nicht-verschreibungspflichtigen Arzneimittel ist auf 78% gestiegen (für Januar bis Juli 2005) und zeigt weiter eine steigende Tendenz.

Keine Preiselastizität bei Medikamenten

Die Marktbeobachtung durch IMS hat gezeigt, dass die Preise als Folge der Preisfreigabe im Durchschnitt nicht eingebrochen sind. Trotz lokaler Preiskämpfe wurde das Preisniveau gehalten, bei 9% der OTC-Produkte konnten die Apotheken sogar durchschnittliche Preiserhöhungen um mindestens 5% durchsetzen. Was viele Apotheker schon vor der Preisfreigabe erwartet hatten, wurde durch die tatsächliche Entwicklung bestätigt: Offensichtlich weisen Arzneimittel keine bedeutende Preiselastizität auf. Preise beeinflussen die Nachfrage kaum. Preissenkungen führen zu Umsatzverlusten, die nicht durch Mengenausweitungen kompensiert werden, weil die Menschen dadurch nicht öfter krank sind. Preisnachlässe auf OTC-Produkte sind daher für Guido Michels, Treuhand Hannover, betriebswirtschaftlicher Irrsinn, die Mehrzahl der Apotheker hat sich damit ökonomisch sinnvoll verhalten.

Im Mittelpunkt dieser Betrachtung stehen die zahlreichen und marktbedeutenden Selbstmedikationsarzneimittel im niedrigpreisigen Bereich, beispielsweise Schmerzmittel und Erkältungspräparate. Dagegen hat eine Analyse von Uwe Stiftel, Niederlassungsleiter der Pharmatechnik in Rostock, gezeigt, dass sich in Mecklenburg-Vorpommern die Anzahl der abgegebenen Packungen von OTC-Arzneimitteln mit Packungswerten von über 20 Euro (Verkaufspreis) im Jahr 2004 gegenüber dem Vorjahr etwa halbiert hat. Demnach scheinen Chroniker mit langfristig planbarem Arzneimittelbedarf zumindest in diesem Bundesland anders als die übrigen OTC-Kunden zu reagieren. Ob diese Patienten auf die betreffenden Arzneimittel verzichten oder sie in anderen Vertriebskanälen erwerben, zeigen die Daten nicht.

Versender legen bei hochpreisigen Mitteln zu

Nach Ansicht von Stiftel lassen die Preisnachlässe von Versandapotheken gerade bei hochpreisigen OTC-Produkten vermuten, dass einige Kunden zu den Versendern abgewandert sind. Besonders die Apotheker in Mecklenburg-Vorpommern sehen eine solche Möglichkeit mit großer Sorge, weil nach einem erstmaligen Kontakt der Kunden mit Versendern langfristig auch die überlebensnotwendigen Rezeptumsätze einbrechen könnten.

Daher wird in Mecklenburg-Vorpommern zunehmend darüber nachgedacht, ob unverbindliche Preisempfehlungen, die auf der alten AMpreisV beruhen, für hochpreisige Arzneimittel noch marktgerecht sind. Denn gerade die Aufschläge im Hochpreisbereich waren der Grund, die Preisbildung bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zu verändern. Andererseits würden Preissenkungen den Erfahrungen mit der bei niedrigpreisigen Arzneimitteln dominierenden Preispolitik widersprechen.

Weitere Hintergründe zum OTC-Markt und zur Diskussion in Mecklenburg-Vorpommern finden Sie in der nächsten DAZ.

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