Arzneimittel und Therapie

Metastasierendes Prostatakarzinom: Lebensverlängerung durch neues Therapieregim

Das Prostatakarzinom ist die häufigste Krebserkrankung des Mannes und in vielen Ländern, z. B. in den USA und Deutschland, die zweithäufigste Ursache aller krebsbedingten Todesfälle. Im fortgeschrittenen Stadium ist nur noch eine palliative Behandlung möglich. In einer kürzlich veröffentlichten Vergleichsstudie war eine Kombination aus Docetaxel und Estramustin hinsichtlich einer lebensverlängernden Wirkung der Standard-Chemotherapie überlegen.

In frühen Stadien des Prostatakarzinoms werden chirurgische Methoden, die Strahlentherapie sowie – vor allem bei älteren, multimorbiden Patienten – das so genannte "watchful waiting" (Abwarten und Beobachten) eingesetzt. Bei metastasierten Karzinomen kommen Hormon- und Chemotherapie zur Anwendung. Problematisch bei der Hormontherapie ist, dass die Tumoren nach etwa eineinhalb bis zwei Jahren auch Hormonunabhängig wachsen können und daher meist nicht mehr auf eine Therapie mit Antiandrogenen ansprechen.

Die mittlere Überlebensrate liegt in diesem späten Stadium im Durchschnitt zwischen zehn und zwölf Monaten. Eine Chemotherapie, die eine Lebensverlängerung ermöglichen würde, war bisher nicht verfügbar. Mit der Standardtherapie (Mitoxantron plus Prednison bzw. Hydrocortison) konnten in bisherigen Untersuchungen zwar bei etwa einem Drittel der Patienten die tumorbedingten Knochenschmerzen gelindert werden, ein lebensverlängernder Effekt war jedoch bisher noch nicht nachgewiesen worden.

Vergleich zweier Therapieregimes

Eine kürzlich publizierte prospektive, randomisierte Phase-III-Studie der Southwest Oncology Group aus den USA verglich bei 770 Patienten die Kombinationen Estramustin plus Docetaxel und Mitoxantron plus Prednison. Bei den Patienten handelte es sich um Männer im Alter zwischen 43 und 88 Jahren mit metastasierendem Hormon-refraktärem Prostatakarzinom. Sie wurden in zwei Behandlungsgruppen randomisiert und erhielten in 21-Tage-Zyklen entweder 280 mg Estramustin dreimal täglich über fünf Tage plus 60 mg/m2 Körperoberfläche Docetaxel am zweiten Tag mit einer Dexamethason-Vorbehandlung von 60 mg, aufgeteilt auf drei Dosen, oder 12 mg/m2 Körperoberfläche Mitoxantron am ersten Tag plus 5 mg Prednison zweimal täglich. Primärer Endpunkt der Studie war das Überleben, sekundärer Endpunkt das progressionsfreie Überleben, die Ansprechrate und die Verringerung des PSA-Wertes nach der Behandlung um mindestens 50%.

Lebensverlängerung möglich

Während einer mittleren Beobachtungszeit von 32 Monaten starben 64% der Patienten der Docetaxel-Estramustin-Gruppe und 70% der Patienten, die mit der Mitoxantron-Prednison-Kombination behandelt worden waren. Die mittlere Überlebenszeit unterschied sich in den beiden Gruppen signifikant: unter Docetaxel plus Estramustin lag sie bei 17,5 Monaten, unter Mitoxantron plus Prednison dagegen bei 15,6 Monaten. Damit zeigte sich beim letztgenannten Therapieregime zwar ein längeres Überleben, als aus früheren Studien (zwischen 11,5 und 12,3 Monaten) bekannt war. Im direkten Vergleich war die Kombination Docetaxel plus Estramustin bezüglich des primären Endpunktes jedoch überlegen. Auch bezüglich eines Abfalls des PSA-Wertes um mindestens 50% und der mittleren Zeit bis zur Progression des Tumors zeigten sich unter Docetaxel plus Estramustin signifikant bessere Ergebnisse.

Längeres Überleben, aber häufiger Nebenwirkungen

Allerdings waren bei den Patienten, die mit Docetaxel plus Estramustin behandelt wurden, teilweise häufiger unerwünschte Wirkungen als im Vergleichsarm der Studie zu verzeichnen. So traten beispielsweise signifikant häufiger Grad-3- bzw. Grad-4-Neutropenien, kardiovaskuläre Ereignisse, gastrointestinale und neurologische Nebenwirkungen auf. Die palliative Wirkung, gemessen z. B. an der Fähigkeit, tumorbedingte Knochenschmerzen zu lindern, war bei beiden Therapieregimes vergleichbar.

In einer kürzlich veröffentlichten Vergleichsstudie war bei Prostatakarzinom eine Kombination aus Docetaxel und Estramustin hinsichtlich einer lebensverlängernden Wirkung der Standard-Chemotherapie überlegen: Sie erhöht signifikant die Lebensdauer.

Die Wirkstoffe der Studie

  • Docetaxel (Taxotere®) ist ein Taxan und gehört zu den Mitosehemmstoffen. Es bindet an die beta-Tubulinuntereinheit und verhindert so die Desagggregation des Spindelapparates, so dass in der Mitosephase keine Kernspindeln mehr entstehen können und die Zellen absterben. Es ist in Deutschland – in Kombination mit anderen Chemotherapeutika – bereits zur Behandlung von fortgeschrittenem und/oder metastasiertem Mammakarzinom und nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom zugelassen. In den USA besteht seit Mai 2004 eine Zulassung zur First-line-Therapie des hormonrefraktären Prostatakarzinoms, bei der EMEA liegt ein Zulassungsantrag vor.

  • Estramustin (z. B. Estracyt®, Medactin®) ist ein in 17β-Stellung phosphoryliertes Estradiolderivat, das jedoch keine Affinität zum Estrogenrezeptor aufweist, da die phenolische OH-Gruppe mit Nor-Stickstoff-Lost zum Urethan verestert ist. In Studien hatte sich eine synergistische Wirkung mit Docetaxel auf Prostatakarzinomzellen gezeigt. In Deutschland ist es zur Therapie des fortgeschrittenen oder metastasierenden Prostatakarzinoms zugelassen.

  • Mitoxantron (z. B. Novantron®, Ralenova®) ist ein Anthrachinon-Derivat und entfaltet seine zytotoxische Wirkung durch Interkalation in die DNA und Hemmung der Topoisomerase. Es ist außer zur Behandlung des Prostatakarzinoms u. a. zugelassen bei Non-Hodgkin-Lymphom, malignem Lymphom und fortgeschrittenem Mammakarzinom.
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