Fortbildung

Gender-Aspekte: Geschlechterforschung in der Medizin

Seit November 2003 gibt es an der Berliner Charité das "Zentrum für Geschlechterforschung in der Medizin", kurz GiM. Dabei handelt es sich um das bisher einzige Zentrum dieser Art in Deutschland. Am 22. Oktober 2004 fand dort ein Symposium statt, das in zahlreichen Vorträgen und Posterbeiträgen die Relevanz geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Medizin thematisierte.

Das GiM möchte eine Brücke zwischen den verschiedenen Disziplinen der Medizin, Public Health und Versorgungswissenschaften schlagen. Hierbei sollen geschlechtsspezifische Unterschiede (Gender-Aspekte) häufiger Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, neurologische Erkrankungen und chronisch entzündliche Erkrankungen erkannt, eingeordnet und in der Lehre umgesetzt werden.

Physiologische Unterschiede

Geschlechtsspezifische Einflüsse der Östrogenrezeptoren an Herzmuskelzellen von Mäusen stellte Prof. Pieter A. Doevendans, Utrecht, vor. Sie führen vor allem bei postmenopausalen Frauen zur Entwicklung einer Hypertrophie des Herzmuskels, die als einer der Risikofaktoren der Herzinsuffizienz gilt.

Dass Sexualhormone auch die Entwicklung und Ausrichtung des Gehirns steuern, erläuterte Prof. Annica B. Dahlström, Göteborg. Testosteron prägt bereits während der fetalen Entwicklung und in den ersten Lebenswochen geschlechtsspezifisch einige Bereiche im Hypothalamus, später auch im Großhirn. So besitzen Frauen im Vergleich zu Männern ein dickeres Corpus callosum, das die rechte und linke Hirnhälfte miteinander verknüpft. Deshalb sind bei Frauen sowohl links- als auch rechtsseitige Hirnbereiche dem Sprechen zugeordnet. Wenn die linke Gehirnhälfte von einem Schlaganfall betroffen ist, leiden Frauen daher weniger unter Sprachverlust als Männer.

Geschlechtsspezifisch ist nicht nur der Testosteronspiegel, sondern auch die Anzahl an Serotoninrezeptoren, die bei Frauen deutlich höher ist als bei Männern. Serotonin fördert das Harmoniebedürfnis, Testosteron dagegen die Aggressivität.

Auswirkungen auf die Therapie

Wie sich das geschlechtsspezifische Bild der Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den vergangenen 50 Jahren gewandelt hat, berichtete Prof. Karin Schenck-Gustafsson, Stockholm. In den 1960er-Jahren hieß es, dass Männer ein erhöhtes Risiko für einen Myokardinfarkt aufweisen; später zeigte sich, dass Frauen, wenn auch in höherem Lebensalter, das gleiche Risiko haben. Nicht Brustkrebs, wie häufig vermutet, sondern Herzinfarkt ist die Haupttodesursache von Frauen.

Mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede werden heute noch zu wenig bei Therapien beachtet. Dies gilt auch für klinische Studien mit Arzneimitteln. Nach Angaben der europäischen Zulassungsbehörde EMEA wurden Gender-Aspekte im Studiendesign lediglich bei 37% der 90 Arzneistoffe, die in den Jahren 1998 bis 2003 zugelassen wurden, berücksichtigt.

Mit den Veränderungen des Alterns und Alters in der heutigen Gesellschaft befasste sich Prof. Adelheid Kuhlmey, Berlin. Die gestiegene Lebenserwartung vergrößert nicht nur die Chance auf ein längeres selbstbestimmtes Leben, sondern auch das Risiko einer Einschränkung durch chronische Erkrankungen. Um die damit verbundenen Probleme bewältigen zu können, müssen spezifische Angebote hinsichtlich Prävention und Versorgung im Alter angeboten werden, die auch Gender-Aspekte mit einbeziehen.

Anhand von Hochrechnungen lassen sich künftige Ansprüche für die Versorgung alter Menschen bereits heute abschätzen. Ein Projekt in Mecklenburg-Vorpommern, das Konstanze Fendrich, Greifswald, vorstellte, erstellt aufgrund der Altersentwicklung Prognosen der Prävalenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und anderen chronischen Erkrankungen im Jahr 2012 und leitet davon u.a. die notwendigen Versorgungseinrichtungen ab.

"Standortbestimmung der Genderforschung" war das Thema einer Podiumsdiskussion, an der ein Pharmakologe, eine Ärztin aus der Arzneimittelforschung, eine Philosophin, eine Public-Health-Forscherin und die Leiterin des Genderkompetenzzentrums der Bundesregierung teilnahmen. Sie waren sich einig, dass die Genderforschung transdisziplinär und ganzheitlich sein müsse, indem sie sowohl naturwissenschaftliche als auch geisteswissenschaftliche Fächer beteiligt. Denn geschlechtsspezifische Unterschiede entstehen nicht nur durch das biologische Geschlecht, sondern auch durch die kulturelle Prägung und die soziale Umgebung eines Menschen.

Constanze Schäfer

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