Fortbildung

GAA-Jahrestreffen: Arzneimitteltherapien auf dem Prüfstand

Die Arzneimittelanwendungsforschung ergänzt die klinische Forschung. Anhand der Patientendaten von Krankenkassen und durch Umfragen bei Patienten, Ärzten und Apothekern untersucht sie den Nutzen und das eventuelle Risiko von Arzneimitteln. Entsprechende Studien wurden auf der 11. Jahrestagung der Gesellschaft für Arzneimittelanwendungsforschung und Arzneimittelepidemiologie (GAA) präsentiert, die am 30. September und 1. Oktober 2004 in Jena stattfand.

Mehr Datentransparenz durch das GMG

Der erste Vorsitzenden der GAA, Prof. Dr. Gerd Glaeske, Bremen, skizzierte die Versorgungsforschung auf der Basis von Versichertendaten, wie sie das GMG ermöglicht (Datentransparenz): Sie sei vor allem "Folgenforschung" – Erforschung der Folgen von Gesetzen, von Arzneimittelzulassungen und Behandlungen (outcomes research). Durch die Ergebnisse könne man Einfluss auf die Definition, was als gute Qualität und Rationalität des Arzneimittelgebrauchs anzusehen ist, nehmen.

Die zweite Vorsitzende der GAA, Dr. Ingrid Schubert, Köln, stellte die Regelung im § 303 a – f Sozialgesetzbuch V vor. Demnach sind im Beirat der Arbeitsgemeinschaft für Aufgaben der Datentransparenz keine Vertreter der Versorgungsforschung vorgesehen, sodass die GAA als Fachgesellschaft nicht unmittelbar an der Erstellung der Richtlinien über die Auswahl, Struktur und Prüfqualität der zu erhebenden Daten mitwirken kann.

Forschungen auf der Basis von Routinedaten

Eine Aufgabe der Versorgungsforschung ist die Validierung von Diagnosen. So hat Dr. Ariane Höer, Berlin, in einer Outcomes-Untersuchung zur Eradikationstherapie die Diagnosen bei der Krankenhausentlassung und die Diagnosen der Arbeitsunfähigkeit ausgewertet. Dr. Isabel Hach, Dresden, hat z. T. nur geringe Übereinstimmungen von Diagnosen, die mit diagnostischen Instrumenten erhoben werden, mit den ärztlichen (auf Krankenscheinen dokumentierten) Diagnosen festgestellt. Hier besteht noch weiterer Forschungsbedarf. Diskrepanzen sind insbesondere bei psychiatrischen Diagnosen zu erwarten.

Einige Beiträge der Jahrestagung zeichneten sich durch große Aktualität aus. So hat – trotz der neuen Erkenntnisse zur Hormonersatztherapie in den Wechseljahren – die Verordnung von Hormonpräparaten bis Dezember 2003 nur wenig abgenommen (Bernhilde Deitermann, Bremen). Die Auswirkungen der GMG-bedingten Veränderungen des Arzneimittelmarktes haben mehrere Referenten unter Nutzung verschiedener Datenquellen erforscht (Frank Meyer mit GEK-Daten bis März 2004, Andreas Grossmann mit BKK-Daten bis Mai 2004, Detlef Schröder-Bernhardi mit IMS-Daten bis Juni 2004).

Die Nutzung von Routinedaten verschiedener Krankenkassen für eine Studie zum Arzneimittelgebrauch in der Schwangerschaft erläuterte Dr. Veronika Egen-Lappe, München/Köln. Die Krankenkassendaten sind hier besonders gut geeignet, da alle verordneten Arzneimittel dokumentiert sind (keine Verzerrung auf Grund fehlender Erinnerung) und alle Schwangeren erfasst werden (keine Selektion der Studienpopulation durch Teilnahmeverweigerung oder Drop-out). Nicht erfasst wird allerdings die Selbstmedikation und ob das verordnete Arzneimittel auch tatsächlich eingenommen wird.

Eine geschlechtsspezifische Untersuchung präsentierte Dr. Birga Maier, Berlin. Sie zeigte anhand der Daten des Berliner Herzinfarktregisters von 1999 bis 2002, dass Frauen nach akutem Myokardinfarkt häufiger im Krankenhaus sterben und seltener entsprechend den Therapieleitlinien behandelt werden als Männer – auch bei Berücksichtigung der Unterschiede im Alter und in der Komorbidität.

Umfragen bei Patienten, Ärzten und Apothekern

Zwischen der Verordnung und dem tatsächlichen Gebrauch von Arzneimitteln können erschreckend hohe Diskrepanzen auftreten, wie sich in Interviews herausstellte (Dr. Markus Gulich, Ulm). Ein wichtiger Grund für die Diskontinuität in der Medikation nach einer Krankenhausentlassung ist der unzureichende Informationsfluss zwischen Krankenhaus und Hausarzt (Prof. Dr. Sebastian Harder, Frankfurt).

Eine Studie zur Häufigkeit von Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen sowie zur ihrer Behandlung stellte PD Dr. Angela Roth-Isigkeit, Lübeck, vor. Hierzu wurden Fragebögen entwickelt, die auch schon 10-Jährige selbstständig ausfüllen können; bei den jüngeren Kindern wurden die Fragen von den Eltern beantwortet. Ca. 80% der Kinder und Jugendlichen berichteten, dass sie innerhalb der letzten drei Monate Schmerzen hatten. Kopfschmerzen wurden am häufigsten genannt, Rückenschmerzen von jedem zehnten Kind. Etwa ein Viertel der Befragten gab an, dass die Schmerzen bereits länger als 6 Monate dauern. Etwa die Hälfte der Mädchen und 40% der Jungen konsultierten aufgrund der Schmerzen einen Arzt. Die Arzneimittel zur Behandlung der Schmerzen waren zum überwiegenden Teil nicht ärztlich verordnet.

Wie in Apotheken Daten zum Arzneimittelgebrauch erhoben werden können, zeigte Prof. Dr. Joerg Hasford, München, mit zwei Untersuchungen zur Anwendungssicherheit rezeptfreier Arzneimittel: Nicotinpflaster und Analgetika. Die Ergebnisse zeigten Tendenzen zur Unterdosierung, zur Ausweitung der Einnahmedauer sowie zur Nichtbeachtung von Warnhinweisen. Hasford sprach sich trotz methodischer Probleme dafür aus, solche Untersuchungen in Apotheken durchzuführen, da immer mehr potente Arzneimittel aus der Rezeptpflicht entlassen werden.

Mehr Aufgaben für Krankenhausapotheken

Apotheker Tim Steimle, Hamburg, stellte ein Konzept der patientenbezogenen Arzneimittelversorgung im Krankenhaus vor, das bis 2006 im LBK Hamburg auf 170 Stationen implementiert werden soll. Während sich gegenwärtig die pharmazeutische Beratung nach der Arzneiverordnung auf die Arzneimittelauswahl, Dosierung und Darreichungsform beschränkt, kommen hier noch die Module "Beachten von Interaktion und Nebenwirkungen" sowie "Compliance mit Leitlinien" hinzu. Zusätzlich wird bei der Krankenhausaufnahme die Medikation des Patienten erfasst und bei der Entlassung die Anschlussversorgung mit Arzneimitteln sichergestellt, um das Risiko für Diskontinuitäten (s. o.) und Medikationsfehler zu minimieren.

Weitere Beiträge befassten sich mit der Handhabung und dem Missbrauch der Hilfsmittelpositionsnummern (Dr. Elke Scharnetzky, Bremen) und mit dem Zusammenhang zwischen der Methode einer gesundheitsökonomischen Studie und dem Sponsoring (Dr. Michael Hartmann, Jena).

Aktivitäten der GAA Informationen zur GAA sowie zur letzten GAA-Jahrestagung unter www.awmf.org/fg/gaa; Abstracts der Vorträge und Poster unter www.egms.de/de. Die nächste GAA-Jahrestagung findet im Dezember 2005 in Dresden statt. Die GAA hat unter der Federführung von Prof. Hasford ein Memorandum "Zu Nutzen und Notwendigkeit pharmakoepidemiologischer Datenbanken in Deutschland" erstellt, das dem Gesundheitsministerium übergeben wurde (ISBN 3-537-44033-2).

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