Essay

F.-C. CzyganImmanuel Kant und die Naturwissenschafte

Kann man eigentlich auch als Pharmazeutischer Biologe und damit als Naturwissenschaftler das zweihundertste Todesjahr des Philosophen und Aufklärers Immanuel Kant zum Anlass für ein Essay über ihn nehmen? Darf man als Nicht-Philosoph, dem die Kantischen Aussagen nicht immer verständlich sind und dem darüber hinaus die Formulierungskunst des Tübinger Philosophieprofessors Otfried Höffe, einem der führenden Kantforscher, fehlt, wagen, Kant in ein Essay einzubinden?

Normalerweise ist diese Frage nur mit einem klaren Nein zu beantworten. Es ist allerdings anders, wenn der Autor dieser Zeilen "auch" Ostpreuße, ja sogar Masure und somit ein Landsmann von Kant ist. Dieser Menschenschlag traut sich meist – nicht immer – nach einigem Nachdenken und Zögern, alles oder fast alles zu tun. Denn nicht ohne Grund wird dem Masuren, und das gilt auch für viele Königsberger, eine unterschwellige Intelligenz nachgesagt, "die Außenstehenden rätselhaft erscheint, die auf erhabene Weise unbegreiflich ist und sich jeder Beurteilung nach landläufigen Maßstäben versagt" (Siegfried Lenz).

Dumm ist nicht unwissend, gelehrt ist nicht wissend

Das wusste natürlich schon Kant. Er erkannte richtig: "Ein Kopf von langsamer Begreifung ist darum noch nicht ein schwacher Kopf; so wie der von behenden Begriffen nicht immer auch ein gründlicher, sondern oft sehr seicht ist" [1]. "Unwissenheit ist nicht Dummheit" [1].

Kants scharfes Urteil schonte auch seine Kollegen an der Königsberger Universität, der Albertina, nicht. Es sind Worte, die trotz der inzwischen mehr als zweihundert Jahre alten Aufklärung – oder was viele Gelehrte darunter verstehen – an Aktualität auch heute nichts verloren haben: "Der gelehrte Pöbel weiß nichts, er versteht nichts, aber er redet von allem, und was er redet, darauf pochet er" [2].

Kant als Mittler

Der Schreiber dieser Zeilen hat ein sehr persönliches Verhältnis zu Kant. Im Alter von fünf bis neun Jahren ging er oft an der Hand seiner Mutter oder seines Vaters über den Königsberger Paradeplatz zur unvergessenen Buchhandlung Gräfe & Unzer – vorbei am Kant-Denkmal. Ob der wiederholte elterliche Versuch, dem Jungen etwas von der Bedeutung dieses Mannes zu vermitteln, erfolgreich war, weiß ich nicht. Ist vielleicht doch ein wenig vom kritischen Denken des Autors auf diese Begegnungen zurückzuführen? Zwar ließen 60 Jahre in der nicht-preußischen Fremde die Erinnerung an das Kant-Denkmal verblassen; ausgelöscht wurde sie aber nicht.

1991 führte mich mein Weg erstmals wieder in meine Geburtsstadt Königsberg. Sie gehörte jetzt zu Russland und trug den Namen Kaliningrad. Neugierig suchte ich den ehemaligen Paradeplatz auf. Jedoch weit und breit war kein Kant zu sehen. War etwa der größte Sohn dieser Stadt in der Bedeutungslosigkeit verschwunden? Jedoch zwei Jahre später stand er wieder, neu in Bronze gegossen auf seinem originalen Steinsockel, nachdenklich wie eh und je, aber auch fordernd! Er hat eine neue, zusätzliche Aufgabe zu erfüllen: Er ist in besonderer Weise zum Bindeglied zwischen dem russischen und dem deutschen Volk geworden. Das merke ich, wenn ich mit russischen Freunden und mit Studenten der Staatsuniversität Kaliningrad über die Zukunft unserer Stadt diskutiere.

Wir alle sind stolz auf unseren Philosophen Kant. Vielleicht sollten gerade wir Naturwissenschaftler, die wir anders als die Geisteswissenschaftler unsere Versuchsergebnisse relativ leicht verifizieren oder falsifizieren können, gelegentlich das Experimentierbesteck zu Seite legen, um uns in die Schriften Kants zu vertiefen. Nicht nur wir hätten davon Gewinn, sondern auch die sich uns anvertrauende junge Generation.

Mit Verstand gegen den falschen Schein

Im Zentrum der Kantischen Ausführungen steht für mich seine Forderung, den Mut aufzubringen, sich seines Verstandes zu bedienen. Das kann zur endgültigen Erkenntnis führen. Sie ihrerseits lässt den Menschen – man könnte "Mensch" auch durch "Forscher" ersetzten – gegenüber dem (noch) Unbekannten, vermutlich auch gegenüber dem Unbegreiflichen bescheiden werden. Die Hybris vieler "moderner" biologischer Forschungsprojekte wäre hier zu diskutieren.

Die Konsequenz aus dieser Überzeugung kennt natürlich Kant: "Ich werde kein Bedenken tragen, den Satz eines noch so berühmten Mannes freimütig zu verwerfen, wenn er sich meinem Verstande als falsch darstellet. Diese Freiheit wird mir sehr verhasste Folgen zuziehen. Die Welt ist sehr geneigt zu glauben: dass derjenige, der in einem oder dem anderen Falle eine richtigere Erkenntnis zu haben glaubet als etwa ein großer Gelehrter, sich auch in seiner Einbildung gar über ihn setze. Ich unterstehe mich zu sagen, dass dieser Schein sehr betrüglich sei" [3].

Hat alles hat einen Sinn?

Diese Anmerkung regt an, nicht nur mit Kant denken zu lernen, sondern ihn herauszufordern und mit ihm zu streiten. So behauptet Kant: "Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu irgend einer Absicht gut. Selbst Gifte dienen dazu, andere Gifte, welche sich in unseren eigenen Säften erzeugen, zu überwältigen, und dürfen daher in einer vollständigen Sammlung von Heilmitteln nicht fehlen" [4]. "Alles in der Welt ist irgend wozu gut: nichts ist in ihr umsonst; und man ist durch das Beispiel, das die Natur an ihren organischen Produkten gibt, berechtigt, ja berufen, von ihr und ihren Gesetzen nichts, als was im Ganzen zweckmäßig ist, zu erwarten" [5].

Hat Kant mit dieser Auffassung recht? Die meisten Biologen werden ihm zustimmen. Ich stelle allerdings diese Annahme zumindest partiell in Frage. Nehmen wir ein pharmazeutisch-biologisches Beispiel. Diverse Organismen produzieren Substanzen, von denen wir auf den ersten Blick eine funktionelle Bedeutung für das sie bildenden Lebewesen zu erkennen glauben: so z. B. ein rotes Blütenanthocyan als Mittel zur Anlockung von Insekten, eine durch Carotinoide leuchtend rote Frucht, die so Samen verbreitende Tiere auf sich aufmerksam macht, antibiotisch oder virostatisch wirkende Proteine, die vor Infektionen bewahren, Gerbstoffe, die Blätter vor Insektenfraß schützen.

Die im Raum stehende Frage ist jedoch, ob diese sekundären Wirkstoffe ex ovo nach dem Prinzip "trial and error" durch Teile des tierischen und pflanzlichen Genoms während ihrer Biosynthese funktions- und zielorientiert gesteuert wurden. Meines Erachtens und im Gegensatz zur Annahme Kants ("Alles in der Welt ist irgendwozu gut; nichts ist in ihr umsonst!") wäre es durchaus denkbar, dass nach dem Zufallsprinzip Stoffe aus vorhandenen Grundkörpern gebildet werden. Von ihnen wird der eine oder andere unverändert oder modifiziert zufällig in ein Funktionssystem eingebunden und genutzt. Dieses Prinzip "Natura ludet" wurde seinerzeit von dem von 1933 bis 1945 an der Albertina forschenden Biologen und Biochemiker Kurt Mothes als Erklärung für das Vorhandensein einer unermesslichen Fülle vielleicht meist funktionsloser Sekundärmetaboliten postuliert [6].

Diese Vorstellung ähnelt den Begriffen Prädisposition oder Präadaptation in der modernen Evolutionsbiologie. Das heißt, dass eine Eigenschaft, die ein Organismus irgendwann zufällig erworben und behalten hat, obwohl sie ihm überhaupt nichts nützt, vielleicht erst später im Zusammenhang mit einer anderen Weiterentwicklung von existenzieller Bedeutung wird. Dann wird aus dem Spiel plötzlich Ernst – und damit hat das scheinbar sinnlose Spiel letzten Endes doch einen Sinn.

Auch ein Philosoph kann irren

Es wäre reizvoll mit Kant dieses Thema erschöpfend zu erörtern. Wer hat recht, wer kennt die wahre Erklärung und Deutung? Schließen wir uns Immanuel Kant an: "... Ich habe auch nicht Ursache, meinen Sätzen den Schein eines Irrtums so sorgfältig zu benehmen; denn nach so viel Fehltritten, denen der menschliche Verstand zu allen Zeiten unterworfen gewesen, ist es keine Schande mehr, geirret zu haben." [3]

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