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Gutachten belegt Unterversorgung mit ArzneimittelnZweitverwertung von Arzne

BERLIN (im). Im krassen Gegensatz zum jüngsten Arzneiverordnungsreport, der noch Einsparpotenziale bei der Arzneimittelversorgung ausmacht, dokumentiert ein neues Gutachten die Unterversorgung bestimmter Patientengruppen mit Arzneimitteln. Defizite gibt es demnach bei der Behandlung von Schmerzpatienten, bei den Volkskrankheiten Bluthochdruck oder Osteoporose oder bei den Kranken mit Herzinsuffizienz. Die Unterversorgung mit Medikamenten sei dramatisch, erklärte Dr. Andreas Barner vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) bei der Vorstellung der Publikation am 15. Oktober in Berlin. Er konstatierte dringenden Handlungsbedarf in der Gesundheitspolitik.

Der VFA hatte die Unternehmensberatung Fricke und Pirk beauftragt, die aktuelle Versorgungssituation der Bevölkerung mit Medikamenten bei elf Indikationen zu untersuchen. Von Unterversorgung sprechen die Autoren, wenn

  • Patienten überhaupt nicht medikamentös behandelt werden,
  • ihre Erkrankung bisher nicht erkannt wurde,
  • Kranke nicht leitliniengerecht oder
  • nicht ausreichend therapiert wurden.

Ausgehend von der Prävalenz von Krankheiten wurden unter anderem die Zahl der Erkrankten mit der Anzahl der Therapierten verglichen, Bezugsjahr war 2002, Basis waren Daten des Arzneiverordnungsreports 2003.

Wo Defizite bestehen

Demnach besteht eine Unterversorgung zum Beispiel bei chronischer Herzinsuffizienz, da rund 377.000 Herzinsuffizienz-Patienten keine Betablocker erhielten, obwohl sie angezeigt wären und die Behandlungskosten senken würden, bei vielen weiteren werden Betablocker oder aber ACE-Hemmer unterdosiert.

Bei dieser Indikation, so kommentierte Dr. Andreas Barner, Vorstandsvorsitzender des VFA, seien Einsparungen durch Arzneimittelgabe nicht realisiert worden. Dabei habe die CIBIS-II-Studie von 2001 gezeigt, dass sich die Behandlungskosten für schwer herzinsuffiziente Patienten (NYHA III/IV) durch zusätzliche Gabe eines Betablockers um sieben Prozent senken ließen, weil die Kranken seltener ins Krankenhaus eingewiesen wurden.

65% der Schmerzpatienten ohne ausreichende Medikation

Nur ein Drittel (35 Prozent) aller Patienten mit chronischen Schmerzen erhielten ausreichend Analgetika über ein ganzes Jahr, so ein weiteres Ergebnis. Etwa 2,8 Millionen gesetzlich Krankenversicherte blieben demnach ohne medikamentöse Versorgung. Bei Versicherten mit Migräne ist nur für die Hälfte eine Behandlung der Migräneattacken gegeben. Nur für 74 Prozent aller Kranken mit vaskulärer und Alzheimer-Demenz sei eine tägliche Behandlung mit Arzneimitteln über das Jahr sichergestellt, heißt es weiter. Gerade einmal 13 Prozent aller Alzheimer-Patienten erhielten eine leitliniengerechte Arznei-Therapie. 525.000 Alzheimer-Kranke blieben demnach unterversorgt.

Lediglich 88 Prozent der mittelschweren bis schweren Depressionen würden leitliniengerecht medikamentös behandelt, lautete ein anderes Ergebnis. Für 458.000 Patienten mit dieser Indikation unterbleibe eine prophylaktische Therapie im Anschluss an eine überstandene Depression oder die Behandlung von leichten Depressionen.

Osteoporose: Viele überhaupt nicht behandelt

Darüber hinaus haben die Autoren eine deutliche Unterversorgung bei der Indikation Osteoporose festgestellt. Rund 45 Prozent aller Erkrankten würden überhaupt nicht medikamentös behandelt. Nur 22 Prozent der GKV-Versicherten werden demnach adäquat therapiert. Rund 2,65 Millionen Osteoporose-Patienten blieben unterversorgt. Eine leitliniengerechte Kombinationstherapie aus Bisphosphonaten und Calcium-Präparaten oder Bisphosphonaten und Calcium-Kombinationen erhielten gerade einmal zehn bis fünfzehn Prozent der Versicherten.

Drohende Spätschäden

Von den an Schizophrenie erkrankten Kassenpatienten wird nur jeder zweite täglich mit Arzneimitteln versorgt. Nach internationalem Standard würden lediglich 40 Prozent der Schizophreniepatienten mit atypischen Neuroleptika behandelt. Laut VFA-Vorsitzendem Barner bedeutet dies mehr unerwünschte Wirkungen und Spätschäden sowie vor allem mehr Rückfälle, die stationär psychiatrisch behandelt werden müssen.

Privatpatienten besser versorgt

Er hob hervor, dass von den Defiziten in der Arzneiversorgung besonders Kassenpatienten betroffen sind. Privatpatienten stehen demnach besser als die große Mehrheit der gesetzlich Krankenversicherten da. 70 Prozent der Privatpatienten beispielsweise mit Migräne erhielten demnach Triptane, aber nur 30 Prozent der GKV-Versicherten. Bei rheumatoider Arthritis verschrieben Ärzte 32 von 100.000 Privatpatienten einen innovativen TNF-alpha-Blocker, aber nur 20 von 100.000 Kassenpatienten. Das seien lediglich 1,2 Prozent der Kranken, für die diese Arzneimittel angezeigt seien.

Barner nannte zu niedrige Richtgrößen für die ärztlichen Verordnungen als Grund für die Unterversorgung. Ärzte müssten Regresse zahlen, wenn sie ihre Richtgröße überschritten und eine Wirtschaftlichkeitsprüfung über sich ergehen ließen. Er forderte höhere Richtgrößen, um Medizinern den Druck zu nehmen, dass sie mehr auf Kosten als auf medizinische Erfordernisse achten müssen.

Viele scheinen noch immer nicht begriffen zu haben, dass Effizienz nicht einfach bedeutet, möglichst wenig Geld auszugeben. Die Aufgabe ist, die optimale Versorgung unter dem Wirtschaftlichkeitsgebot zu gewährleisten. Aufgabe ist nicht, am absolut Notwendigen zu sparen. Dr. Andreas Barner, VFA

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