Arzneimittel und Therapie

Rückkehr der Syphilis: Anzahl der Neuinfektionen in Deutschland gestiegen

Wie das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem Epidemiologischen Bulletin berichtete, ist die Zahl der Syphilis-Fälle in Deutschland deutlich angestiegen. Die Fälle konzentrieren sich weitgehend auf die Großstädte. Dem RKI wurden bis März 2004 für das Jahr 2003 insgesamt 2932 neu diagnostizierte Syphilis-Fälle gemeldet. Das ist gegenüber dem Vorjahr ein Anstieg um 500 Erkrankungsfälle (20%).

Bundesweit wurde im Jahr 2003 eine Inzidenzrate der Syphilis von 3,6 Erkrankungsfällen pro 100 000 Einwohner erreicht. Seit Inkrafttreten des Infektionsschutzgesetztes im Januar 2001 ist damit die Zahl der Meldungen in jedem Diagnosehalbjahr kontinuierlich angestiegen. Aus fast allen Bundesländern (mit Ausnahme von Thüringen und dem Saarland) wurden 2003 mehr Fälle als 2002 gemeldet, allerdings sind die Steigerungsraten unterschiedlich. Die Anzahl der Syphilismeldungen bei Frauen lag in den Jahren 2001 bis 2003 bei etwa 270 bis 300 Fällen pro Jahr.

Durch die Zunahme der Fallzahlen bei Männern sank der Anteil der erkrankten Frauen von 15,5% im Jahr 2001 auf unter 10% im Jahr 2003. Der Gipfel der Inzidenz wird bei Männern in der Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen (17,1 Erkrankungen /100 000 Einwohner der Altersgruppe) erreicht, bei Frauen in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen (1,24 Erkrankungen /100 000 Einwohner).

Großstädte besonders betroffen

Die höchsten Syphilis-Inzidenzraten wurden in den beiden Stadtstaaten Berlin (18,1 Erkrankungen /100 000 Einwohner) und Hamburg (12,0 Erkrankungen/100 000 Einwohner) registriert. Unter den Flächenstaaten stand Hessen an der Spitze vor Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Niedersachsen und Bayern. Die vergleichsweise höheren Inzidenzen in Hessen und Nordrhein-Westfalen sind in erster Linie auf die hohen Fallzahlen in den Städten Frankfurt und Köln zurückzuführen. Ein überproportionaler Zuwachs gegenüber 2002 war in Bremen, Niedersachsen, Brandenburg, Berlin und Hamburg verzeichnen.

Die niedrigsten Inzidenzraten wiesen drei ostdeutsche Bundesländer (Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern) und das Saarland auf. Dabei zeigt sich deutlich, dass es sich im Wesentlichen um ein auf Großstädte konzentriertes Geschehen handelt. Die Veränderungen der Inzidenzraten in einzelnen Bundesländern und Regionen können, so das RKI, wahrscheinlich nicht mehr als kurzfristiges und vorübergehendes Ausbruchsgeschehen interpretiert werden, sondern repräsentieren jetzt ganz offensichtlich ein dauerhaft erhöhtes Inzidenzniveau.

Zunahme der Reinfektion

Angaben zum Infektionsrisiko liegen im Jahr 2003 für 66% der Meldungen vor. Der Anteil der Fälle, der vermutlich über sexuelle Kontakte zwischen Männern übertragen wurde, stieg von 60% (2001) auf 76% (2003), der Anteil der auf heterosexuelle Kontakte zurückgeführten Fälle sank dagegen von 38% auf 24%. Die Zahl der gemeldeten Erkrankungen nach heterosexuellen Kontakten bleibt mit 400 bis 500 pro Jahr allerdings relativ konstant.

Unter der Annahme, dass diese Verteilung auf alle Fälle zutrifft, betreffen gegenwärtig drei Viertel aller in Deutschland gemeldeten Syphilis-Fälle Männer, die Sex mit Männern haben. Bemerkenswert ist, dass der Anteil von Reinfektionen bei Syphilis-Patienten mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten von 11% im Jahre 2002 auf 17% im Jahre 2003 ansteigt (bei Heterosexuellen von 3% auf 5%). Da nicht alle wiederholten Infektionen als solche gemeldet werden, dürfte der tatsächliche Anteil sogar noch höher liegen.

Häufig in Deutschland infiziert

Durch die epidemische Ausbreitung der Syphilis in einigen Regionen Deutschlands in den letzten Jahren sinkt die Bedeutung von im Ausland erworbenen und nach Deutschland importierten Infektionen. Trotzdem spielt für die heterosexuelle Übertragung der Kontakt mit Personen in oder aus Osteuropa und dem Balkan, Regionen in denen die Syphilisinzidenz in der Allgemeinbevölkerung deutlich höher ist als in Westeuropa, weiterhin eine wichtige Rolle. Für 1838 Fälle (63%) lagen im Jahre 2003 Angaben zum Herkunftsland vor. 87% der gemeldeten Fälle gaben Deutschland als Herkunftsland an.

Ausländer/Migranten (13%) waren demnach zwar noch überproportional zu ihrem Bevölkerungsanteil (etwa 9%) von einer Syphilis betroffen, im Vergleich zum Vorjahr ging ihr Anteil aber weiter zurück – bei jedoch relativ stabilen absoluten Erkrankungszahlen. Von den Personen, die Deutschland als Herkunftsland angaben, haben sich etwa 5% außerhalb Deutschlands infiziert, wichtigste ausländische Infektionsregion war das westeuropäische Ausland.

Von den Personen ausländischer Herkunft haben nach den vorliegenden Angaben mindestens 53% die Infektion wahrscheinlich in Deutschland erworben. Unter den an Syphilis Erkrankten mit heterosexuellem Übertragungsrisiko waren 24% der Betroffenen mit Herkunftsangabe nichtdeutscher Herkunft. Die größte Bedeutung bei den ausländischen Infektionsregionen haben bei Fällen mit heterosexuellem Übertragungsrisiko weiterhin Osteuropa/Zentralasien und Mitteleuropa, gefolgt von Westeuropa und Südostasien. ck

Verbesserung der Prävention

Eine Impfung gegen die Syphilis steht nicht zur Verfügung. Die primäre Prävention gründet sich auf Empfehlungen zur Expositionsprophylaxe, speziell zur Reduzierung von sexuellem Risikoverhalten. Insbesondere die korrekte Anwendung von Kondomen bietet einen guten Schutz gegenüber einer T.-pallidum-Infektion. Die zur Kontrolle und Eindämmung der Syphilis bei Heterosexuellen erfolgreichen Maßnahmen der Partnerbenachrichtigung und -behandlung sind zur Kontrolle der Syphilis bei homosexuellen Männern nur bedingt anwendbar, da ein großer Teil der Kontakte mit Partnern stattfindet, deren Namen und Adressen den Erkrankten nicht bekannt sind.

Bis Ende 2000 war die Syphilis nach dem Gesetz zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten durch den behandelnden Arzt an das zuständige Gesundheitsamt meldepflichtig. Anfang 2001 wurde die Meldepflicht durch das Infektionsschutzgesetz (IfSG) neu geregelt: jetzt sind die Labore, die eine akute T.-pallidum-Infektion feststellen, auf der Grundlage des § 7(3) IfSG zu einer nichtnamentlichen Meldung direkt an das Robert Koch-Institut verpflichtet.

Mit Penicillin therapierbar

Die Syphilis (aus als Lues, harter Schanker oder Morbus Schaudinn bezeichnet) gilt als die klassische Geschlechtskrankheit schlechthin. Sie ist eine potenziell lebensbedrohliche systemische Erkrankung, die durch Treponema pallidum (subspecies pallidum) herrvorgerufen wird. Der Erreger, ein gramnegatives spiralig gewundenes Bakterium, ist für den Menschen obligat pathogen. T. pallidum wird am häufigsten durch direkte sexuelle Kontakte übertragen und dringt dabei durch Mikroläsionen der Schleimhaut oder Haut in den Organismus ein.

Eine Übertragung durch kontaminierte Nadeln ist selten. Praktisch wichtig sind die Übertragung durch Bluttransfusion und die diaplazentare Übertragung von einer infizierten Mutter auf ihr ungeborenes Kind. Geschlechtsverkehr mit einem infizierten Partner führt in etwa 30% zu einer Infektion. Hochinfektiös sind Patienten mit Syphilis im Stadium I, infektiös im Stadium II, im Stadium III besteht trotz schwerwiegender Krankheitserscheinungen keine Infektiosität mehr. Die Inkubationszeit beträgt durchschnittlich 14 bis 24 Tage, kann aber zwischen 10 und 90 Tagen liegen.

Nur etwa die Hälfte aller Infektionen mit T. pallidum führt zu einem symptomatischen Verlauf. Bei etwa 30% der unbehandelten Syphilisfälle tritt im Laufe von Jahren eine Spontanheilung ein. Die akute Infektion kann in einen chronischen Prozess übergehen, der in mehreren Stadien verschiedene Organsysteme betreffen kann. Es kommt zu einer zellulären Abwehrreaktion in deren Folge Organe zerstört werden. Im Stadium III sterben etwa 10% der Erkrankten. Bis zur Entdeckung des Salvarsans war die Syphilis unheilbar.

Zur Therapie grundsätzlich geeignet sind β-Lactam-Antibiotika, Tetracycline und Makrolidantibiotika. Die Therapie der ersten Wahl ist in allen Stadien bis heute Penicillin, eine Resistenz von Treponema pallidum ist bisher nicht bekannt. Wegen des langsamen Reproduktionszyklus des Erregers ist zur erfolgreichen Therapie der Syphilis ein kontinuierlicher Serumspiegel des Antibiotikums notwendig.

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