FIP-Kongress

P. DitzelKettenapotheken im Brennpunkt

Sind Kettenapotheken die "bösen Buben" unter den Apotheken? Dieses weit verbreitete Vorurteil versuchte eine Veranstaltung in der Abteilung Offizinpharmazie auf dem Kongress des Weltapothekerverbands FIP in New Orleans Anfang September zu beleuchten. Das Interesse war groß, der Saal bis auf den letzten Platz besetzt. Zu Wort kam der Präsident einer amerikanischen Kette, ein englischer Pharmazeut, der "virtuelle Kettenapotheken" vorstellte, und eine Apothekerin aus Norwegen, die über die erst vor einiger Zeit vollzogene Liberalisierung im Apothekenwesen in ihrem Land (unbeschränkter Mehrbesitz) berichtete.

Die kleine Apotheke ist die Ausnahme

Vor rund 70 Jahren etablierte sich in New York die erste Apothekenkette. Seitdem haben sie sich rasch in allen Staaten der USA ausgebreitet (mit Ausnahme von North Dakota). Nur noch sehr wenige Apotheken haben sich ihre Unabhängigkeit bewahrt und gehören keiner Kette an. In 35 000 Filialen der verschiedenen Ketten sind heute 120 000 Apotheker beschäftigt. Im Netz findet man über 200 Internetseiten der Apothekenketten, die das Internet zur Information der Kunden nutzen. Kettenapotheken verkaufen etwa 71% aller Arzneimittel, 17% der Arzneimittel werden über den Versandhandel distribuiert und 12% der Arzneimittel gehen in Supermärkten an den Scannerkassen vorbei.

Die Marge für ein Arzneimittel ging in den letzten Jahren stark nach unten, Krankenversicherungen bezahlen für Arzneimittel immer weniger. Dies dürfte einer der wesentlichen Gründe dafür sein, dass Kettenapotheken rasch zunahmen und immer mehr kleine unabhängige Apotheken eingingen. Erträge aus dem Arzneimittelgeschäft lassen sich nur noch über die Menge der verkauften Präparate erzielen. Nach Aussage des amerikanischen Kettenmanagers schöpfen Kettenapotheken nicht mehr die großen Erträge aus dem Arzneimittelverkauf.

Das Arzneimittelangebot dient für eine Kettenapotheke vor allem als Frequenzbringer für den Verkauf des übrigen und weitaus reichhaltigeren Sortiments des Drugstores, z. B. Cola, Zigaretten, das Foto- und Bildergeschäft, Lebensmittel, Drogerieartikel, Haushaltswaren. Nicht zu vergessen das reichhaltige Angebot an OTC-Arzneimitteln von Aspirin bis Zantic, die in den USA allesamt in der Freiwahl stehen und ohne jede weitere Kontrolle und Beratung in unbegrenzter Menge in den Einkaufswagen wandern können.

Virtuelle Ketten als Ausweg?

Auch in Großbritannien gibt es seit einigen Jahren Kettenapotheken, die ähnlich strukturiert sind wie in den USA: einen großen Teil der Ladenfläche nimmt der Non-Food-Bereich ein; eine Ecke des Geschäfts, die "prescription corner", ist der eigentlichen "Apotheke" vorbehalten. Daneben finden sich in Großbritannien jedoch noch eine stattliche Zahl an unabhängigen Apotheken, die "Independents", die keiner Kette wie z. B. Boots angehören.

Die unabhängigen Apotheken versuchen in England nach wie vor, am Leben zu bleiben und einen entsprechend großen Anteil an der Arzneimittelversorgung zu halten. Um aber ein gewisses Gegenwicht zu den Ketten aufzubauen und den Ketten Paroli zu bieten, haben sich zahlreiche englische Apotheker zu so genannten virtuellen Apothekenketten (virtual pharmacy chains) zusammengeschlossen. Ein Mitglied der Royal Pharmaceutical Society of Great Britain stellte eine virtuelle Apothekenkette vor.

Solche Ketten lassen sich im weitesten Sinn mit den in Deutschland gebildeten Kooperationen vergleichen, wobei die englischen Apotheker enger zusammenarbeiten als es bei den Kooperationen heute in Deutschland der Fall ist. Eine virtuelle Apothekenkette lässt sich definieren als eine Gruppe von Inhaber geführten Apotheken, die ein Ketten ähnliches Verhalten annimmt zum gegenseitigen Nutzen. Teilweise nehmen auch Großhändler Einfluss auf eine virtuelle Kette und leisten Unterstützung auf vielen Gebieten.

Warum sich ein Apotheker einer virtuelle Kette anschließt, führte der Referent auf fünf Gründe zurück: Er profitiert von kommerziellen Vorteilen, von unterstützenden Diensten und vorteilhaften Preisen. Außerdem ziehen die Apotheker Nutzen aus einem effektiven Marketing mit einem einheitlichen Auftritt nach außen, einer eigenen Marke. Des weiteren suchen Apotheker in einer virtuellen Kette auch einen Halt vor einer ungewissen Zukunft. Der vierte Grund: Sie schließen sich zusammen wegen einer besseren Kollegialität unter den Mitgliedern.

Unabhängige Apotheker stehen dagegen beruflich gesehen isolierter da. Und fünftens: Sie schließen sich zusammen, um sich mit ihren Leistungen und Angeboten von den anderen, insbesondere von den großen echten Ketten abzugrenzen. Die Apotheker in einer virtuellen Kette erhalten professionelle Unterstützung und Hilfe in Managementfragen, angefangen bei der Geschäftsplanung bis hin zum Datenmanagement.

Deregulation in Norwegen

Wie Norwegen den Wechsel vom Fremd- und Mehrbesitzverbot hin zu Kettenapotheken zurücklegte, stellte eine Apothekerin vom norwegischen Apothekerverband vor. Im März 2001 erließ die Regierung ein neues Gesetz, mit dem das Fremd- und Mehrbesitzverbot aufgehoben wurde. Erlaubt wurde auch die generelle generische Substitution und die so genannte vertikale Integration, d. h. auch Großhändler dürfen Apotheken besitzen.

Die Deregulation des Apothekenmarktes fand statt, weil die norwegische Regierung davon ausgeht, ein sich selbst regulierender Markt sei besser als staatliche Monopole. Mit dem neuen Gesetz verfolgt die Regierung das Ziel, der Bevölkerung einen besseren Zugang zu öffentlichen Apotheken zu ermöglichen. Apotheker sollen einen Service auf höherem Niveau und mit mehr Qualität anbieten, letztendlich sollen so Kosten im Gesundheitswesen, insbesondere die Arzneimittelkosten gesenkt werden. Mit dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes gibt es keine Beschränkungen mehr hinsichtlich Fremd- und Mehrbesitz mit wenigen Ausnahmen: Ärzte, die pharmazeutische Industrie und Krankenhäuser dürfen keine eigenen Apotheken besitzen.

Vier Großhandelsunternehmen drangen rasch in den Markt ein und übernahmen zahlreiche Apotheken. Viele norwegische Apotheker verkauften ihre Betriebe gerne an diese Großhändler, die zusätzlich bereits einige neue Apotheken eröffneten. Die Zahl der Apotheken in Norwegen wuchs von 307 im Jahr 2000 auf mittlerweile über 520 Apotheken. Die Zahl der Apotheker nahm in diesem Zeitraum um vier Prozent zu, die Zahl der technischen Assistenten um ein Prozent.

Die Kunden nahmen die Veränderungen meist nicht wahr und diejenigen, die Veränderungen bemerkten, beurteilten die neuen Entwicklungen als positiv, wie eine Umfrage ergab, da Service und Qualität der Leistungen gestiegen seien. Kettenapotheken richteten ein Qualitätsmanagementsystem ein, das zu einer verbesserten Versorgung führte. Die Politiker waren mit dem vollzogenen Wechsel insgesamt zufrieden. Die meisten Apotheken arbeiten mit standardisierter Qualität. Auf der Strecke sei allerdings das frühere "Apothekerdenken" des "Apothekers in seiner Apotheke" geblieben, die alte vertraute pharmazeutische Umgebung, beklagte die norwegische Apothekerin.

Derzeit setzt sich die Deregulation in Norwegen fort. Seit November 2003 werden OTC-Arzneimittel auch in anderen Geschäftsstellen verkauft, so z. B. in Tankstellen und Lebensmittelmärkten. Eine Möglichkeit, diese Entwicklung rückgängig zu machen, gibt es nicht. Ihr Einkommen bestreiten Apotheken mittlerweile nicht unwesentlich auch durch den Verkauf von Waren aus anderen Segmenten.

Wie die norwegische Apothekerin ergänzte, sei es nach wie vor möglich, eine unabhängige Apotheke zu betreiben. Man sehe sich jedoch einem harten Wettbewerb ausgesetzt, bei dem wohl nur die Besten überleben. Ein Ziel der Regierung, so merkte die Apothekerin aus Norwegen als Schlusswort an, sei nicht erreicht worden: die Arzneimittelkosten sind trotz Deregulation im Apothekenbereich nicht gesunken, sondern gestiegen.

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