Arzneimittel und Therapie

Interview: Von Vitamin-Tabletten abraten?

(ebe). Die Hoffnungen waren groß. Vitamine sollten gegen Herzerkrankungen helfen. Doch viele der plazebokontrollierten Studien, die in den letzten Jahren publiziert wurden, haben zu enttäuschenden Ergebnissen geführt. Wir sprachen mit Priv.-Doz. Dr. med. Stephen Schröder von der kardiologischen Abteilung der Universität Tübingen, was man aufgrund der aktuellen Datenlage raten kann und warum zukünftige Studien vielleicht doch noch einen Nutzen antioxidativer Vitamine belegen werden.

DAZ:

Herr Dr. Schröder, die American Heart Association betont in ihrer neuen Stellungnahme, dass die aktuelle Datenlage keine Empfehlung für Vitamin-Präparate bei kardiovaskulären Erkrankungen rechtfertigt. Soll man Patienten also von Vitamin-Präparaten abraten?

Schröder:

Im Moment gibt es in der Tat keine ausreichenden Beweise, dass bei kardiovaskulären Erkrankungen antioxidative Vitamine zusätzlich zu einer ausgewogenen Ernährung nützlich sind. Andererseits lässt sich aufgrund des Studiendesigns der Untersuchungen auch nicht ausschließen, dass Vitamin-Präparate möglicherweise doch förderlich sind. Wenn Patienten meinen, ihnen würden Vitamin-Präparate gut tun, würde ich nicht davon abraten, zumal Vitamine in moderater Dosierung sicher nicht schaden. Allerdings würde ich immer über den fehlenden Wirkungsnachweis aufklären und keine Aufforderung zur Vitamin-Einnahme aussprechen.

DAZ:

In den letzten Jahren wurden mehrere gute, plazebokontrollierte Studien zum Thema Antioxidativa und Herzschutz publiziert. Weshalb sehen Sie diese Untersuchungen für eine abschließende Beurteilung nicht als ausreichend an?

Schröder:

Bei den meisten dieser großen, plazebokontrollierten Studien wurde der oxidative Stress der Studienteilnehmer nicht gemessen, da dies mit biochemischen Methoden bis dato schwierig war. Stattdessen hat man einfach postuliert, dass Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen einen hohen oxidativen Stress hätten, was möglicherweise aber nur für einen Teil der Patienten gilt. Das ist, als würde man Statin-Studien durchführen, ohne den Cholesterin-Spiegel zu bestimmen. Denkbar ist auch, dass die Studien zu kurz waren, um einen Nutzen nachzuweisen.

DAZ:

Die Studien liefen teilweise fünf Jahre oder sogar noch länger. Warum reicht dieser Zeitraum Ihrer Meinung nach nicht aus?

Schröder:

Es gibt Hinweise, dass eine Arteriosklerose ihren Beginn oft schon in sehr jungen Jahren hat. Sinnvoll wäre es daher, entsprechende Untersuchungen an 20-Jährigen zu beginnen und dann die Effekte einer vielleicht 30-jährigen Vitamin-Einnahme zu prüfen. Eine solche Studiendauer geht natürlich an die Grenzen der klinischen Forschung. Dennoch gehe ich davon aus, dass es gelingen wird, den Nutzen antioxidativer Substanzen früher oder später nachzuweisen. Zumal kleine Studien und verschiedene Labor-Untersuchungen auf einen Benefit der antioxidativen Substanzen hindeuten.

DAZ:

Statt antioxidativer Vitamin-Präparate verweist die American Heart Association auf eine natürliche Ernährung, die reich an Antioxidanzien ist. Zum Beispiel auf Obst und Gemüse. Ist das nicht widersprüchlich?

Schröder:

Diese Empfehlung spiegelt eher eine gewisse Hilflosigkeit wider. Denn einerseits hat man gesehen, dass eine ausgewogene Ernährung in Kombination mit ausreichend Bewegung gesundheitsfördernd wirkt. Andererseits ist es in hochwertigen Studien bislang aber nur unzureichend gelungen, einzelne Nahrungsbestandteile wie etwa Vitamine zu identifizieren, die bei kardiovaskulären Erkrankungen schützende Effekte haben.

DAZ:

Statt Sport zu treiben und auf eine sinnvolle Ernährung zu achten, greifen viele Menschen zu Vitamin-Tabletten. Sind Vitamin-Präparate so gesehen nicht hochgefährlich?

Schröder:

Diese Gefahr besteht natürlich. Wenn Kunden daher auf Vitamine zu sprechen kommen, sollte man ihnen deutlich machen, dass es falsch ist, auf Vitamine zu bauen, solange man gesundheitsfördernde Maßnahmen nicht umsetzt, die erwiesenermaßen gut sind. Dazu zählen neben Sport und einer ausgewogenen Ernährung natürlich auch Medikamente wie zum Beispiel Betablocker, ACE-Hemmer, Acetylsalicylsäure oder Statine, die bei kardiovaskulären Erkrankungen im Gegensatz zu Vitaminen einen Evidenz-basierten Wirkungsnachweis haben.

DAZ:

Herr Dr. Schröder, vielen Dank für das Gespräch!

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.