Arzneimittel und Therapie

Schutzimpfung gegen Varizellen: Die Infektion, der (fast) keiner entgeht

Ungeschützt erkrankt nahezu jeder Mensch im Laufe seines Lebens an Windpocken (Varizellen), für Deutschland bedeutet dies eine Inzidenz von jährlich etwa 750 000 Fällen. Neun von zehn Patienten sind jünger als zwölf Jahre. Windpocken gelten daher als unangenehme, aber harmlose Kinderkrankheit. Sie kann jedoch auch mit schweren Komplikationen verbunden sein Ų einer der Hauptgründe für die STIKO, die Windpocken-Impfung jetzt für alle Kinder ab dem vollendeten 11. Lebensmonat zu empfehlen.

Während die Windpocken-Impfung in den USA seit 1995 allgemein empfohlen wird, hat es in den europäischen Ländern lange Zeit kontroverse Diskussionen über mögliche Impfstrategien gegeben. In den bisherigen Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) war die Schutzimpfung gegen Varizellen eine Indikationsimpfung. Sie wurde nur bestimmten Personen- und Altersgruppen empfohlen, darunter seronegativen Frauen mit Kinderwunsch wegen des besonderen Risikos neonataler Varizellen, immungeschwächten Personen, Neurodermitikern und deren Kontaktpersonen und ungeimpften 12- bis 15-jährigen Jugendlichen, die bis dahin noch nicht an Windpocken erkrankt waren.

Umfangreiche Analysen

Vor der jetzt erfolgten Erweiterung der Empfehlungen waren in den vergangenen vier Jahren in umfangreichen Studien zahlreiche epidemiologische, klinische und ökonomische Daten erhoben worden. Dem "Fachausschuss Varizellen" innerhalb der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e.V. (DVV) war die Aufgabe übertragen worden, die gesundheitlichen und ökonomischen Belastungen durch Varizellen in Deutschland sowie die möglichen Effekte einer allgemein empfohlenen Impfung abzuklären.

In einer epidemiologischen Studie wurden im Jahre 1999 1334 Windpocken-Fälle ausgewertet. Die Daten stammten aus kinderärztlichen, allgemeinmedizinischen und internistischen Praxen. Dabei zeigten sich bei 16,3% der Patienten schwere Verläufe, bei 5,7% Komplikationen (z. B. neurologische Symptome wie Krampfanfälle und Meningoenzephalitis, bakterielle Superinfektionen, Infektionen der oberen Luftwege, Pneumonie und Bronchitis), bei 0,8% der Patienten war ein Krankenhausaufenthalt notwendig.

Besonders schwere Verläufe der Windpocken können auch zum Tode führen – pro Jahr werden in Deutschland etwa 20 Fälle gemeldet. Diese Zahlen sprechen eindeutig gegen eine "harmlose" Kinderkrankheit. Betrachtet man die Inzidenz von ca. 750 000 Erkrankungen pro Jahr in Deutschland, entstehen den gesetzlichen Krankenkassen durch die Windpocken Kosten von ca. 70 Millionen Euro: durch Arbeitsausfall der Eltern, Hospitalisierung und ambulante Versorgung.

In einer an der Universität Mainz durchgeführten Kosten-Nutzen-Analyse zeigte sich, dass durch eine generelle Varizellen-Schutzimpfung bei Kindern im Alter von 12 bis 18 Monaten durchschnittlich mehr als 82% der Varizellen-Fälle und Komplikationen jährlich verhindert werden könnten. Ökonomisch gesehen bedeutet dies, dass das Verhältnis von Einsparungen an Behandlungs- und Arbeitsausfallkosten zu den Impfkosten 1,8 :1 beträgt. Langfristig würden die Krankenkassen also für jeden in die Impfung investierten Euro 1,80 Euro einsparen. Diese Daten wurden anschließend an die STIKO übergeben und bildeten die Grundlage für die Empfehlung der Varizellen-Impfung als Standardimpfung.

Am günstigsten: simultan mit erster MMR-Impfung

Neben den genannten Risikogruppen wird die Varizellen-Impfung nun für alle ungeimpften oder nicht erkrankten Kinder zwischen dem vollendeten 11. und vollendetem 14. Lebensmonat empfohlen. Zwischen dem 9. und 17. Lebensjahr sollen alle bis dahin ungeimpften oder nicht erkrankten Kinder und Jugendlichen die Impfung erhalten, spätestes jedoch vor dem 18. Geburtstag. Im Impfkalender der STIKO wird die Varizellen-Impfung simultan mit der ersten Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) zwischen dem 11. und 14. Monat empfohlen.

An der Entwicklung eines kombinierten MMR-Varizellen-Impfstoffs wird daher bereits gearbeitet. Ansonsten muss ein Abstand von vier Wochen zwischen MMR- und Varizellen-Impfung eingehalten werden, da es sich bei beiden um Lebendimpfstoffe handelt. Bis zum 13. Lebensjahr reicht eine einmalige Impfung aus, Erwachsene und Jugendliche ab dem 13. Lebensjahr benötigen nach sechs Wochen eine zweite Impfung. Die in Deutschland derzeit vorhandenen Varizellen-Impfstoffe Varilrix® (Glaxo SmithKline) und Varivax® (Aventis Pasteur MSD) gelten als hochwirksam und gut verträglich.

Neben lokalen Reaktionen (Schmerzen, Rötung) an der Injektionsstelle kann es etwa eine Woche nach der Impfung zu einer Fieberreaktion kommen, bei etwa 5% der Impflinge können die so genannten "Impfwindpocken" mit einigen wenigen Bläschen auftreten. Die Gefahr, dass die in diesen Bläschen enthaltenen "Impfvarizellen" auf empfängliche Personen übertragen werden können, wird von Experten als sehr gering eingeschätzt.

Vorsicht ist jedoch bei Hochrisikopatienten, z. B. seronegativen Schwangeren und immuninkompetenten Personen, geboten. Die Schutzrate der Impfung liegt bei gesunden Impflingen nahezu bei 100%, bei Risikopatienten bei ca. 80 bis 90%. Nach bisherigen Erkenntnissen hält die Immunität lange an, bei gesunden Kindern mindestens 10 bis 15 Jahre, möglicherweise auch lebenslang. Eine Studie aus Japan hatte gezeigt, dass bei geimpften Personen auch 20 Jahre nach der Impfung noch Varizella-Zoster-Virusantikörper vorhanden waren. Bei Immungeschwächten hängt die Schutzdauer vom Zustand ihres Immunsystems ab.

Offene Fragen

Trotz der erwähnten umfangreichen Untersuchungen konnten noch nicht alle Fragen geklärt werden. So beispielsweise die Frage, ob eine bessere Durchimpfungsrate bei Kindern zu einer höheren Infektionsrate bei älteren Personen führt. Nach Daten aus Amerika aus den vergangenen zehn Jahren ist dies wahrscheinlich nicht der Fall. Obwohl das Impfvirus genauso wie das Wildvirus latent im Körper verbleibt, zeigen Daten aus den USA, dass seit Einführung der Varizellen-Impfung die Zahl der Gürtelrose-Erkrankungen gesunken ist.

Bei immunkompetenten Kindern, die die Windpocken durchgemacht haben, lag die Zosterrate bei 77 :100 000, bei gegen Windpocken geimpften Kindern bei 18 :100 000. Es bleibt abzuwarten, wie sich diesbezüglich die Situation in Deutschland darstellen wird.

Auch die Frage, ob in Deutschland neben der bestehenden "Polio-Freiheit" auch eine "Varizellen-Freiheit" erzielt werden kann, ist noch offen. Nach Berechnungen ließen sich durch eine generelle Impfung im 2. Lebensjahr mit einer angenommenen Durchimpfungsrate, die innerhalb von fünf Jahren von 30 auf 85% ansteigt, pro Jahr 611 000 (von 7 500 000) Erkrankungen mit 4700 schweren Komplikationen sowie 18 Todesfälle vermeiden. Eine Eliminierung der Varizellen wäre demnach bei einer guten Durchimpfungsrate von 85% nach 17 Jahren möglich. Experten halten jedoch eine völlige "Ausrottung" der Windpocken für relativ unwahrscheinlich.

Finanzierung noch nicht endgültig geklärt

Die Empfehlung einer Impfung durch die STIKO führt nicht automatisch zur Erstattung durch die Krankenkassen, denn dazu müssen erst auf Länder- und Bundesebene Verhandlungen zwischen den Krankenkassen und den Kassenärztlichen Vereinigungen geführt werden. Im Falle der Varizellen-Impfung sind diese noch nicht abgeschlossen. Eltern, die der Impfempfehlung folgen wollen, können bei Unklarheiten zur Kostenübernahme durch die Krankenkasse beim behandelnden Kinderarzt nachfragen.

Die neuen Impfempfehlungen zu Windpocken im Überblick

  • Die STIKO empfiehlt die Varizellen-Impfung jetzt für alle ungeimpften oder nicht erkrankten Kinder zwischen dem vollendeten 11. und 14. Lebensmonat. Die Verabreichung kann simultan mit der ersten MMR-Imfung erfolgen.
  • Ungeimpfte oder nicht erkrankte Kinder und Jugendliche sollten die Impfung zwischen dem 9. und 17. Lebensjahr erhalten, spätestens jedoch bis zum 18. Geburtstag.
  • Die bisherige Impfempfehlung für Risikogruppen (z. B. seronegative Frauen mit Kinderwunsch, immungeschwächte Personen, Neurodermitiker und deren Kontaktpersonen) bleibt erhalten, ebenso die berufliche Indikation (z. B. seronegatives Personal im Gesundheitsdienst).

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