Arzneimittel und Therapie

Nierenkrebs: Benefit durch Tumorzellimpfung

Bei bis zu 50% aller Patienten mit einem lokal begrenzten Nierenzellkarzinom tritt nach einer radikalen Nephrektomie ein Rezidiv auf. Da gängige onkologische Interventionen wie Bestrahlungen oder Chemotherapie wenig erfolgreich sind, wird nach anderen Möglichkeiten gesucht, eine Progression des Tumorwachstums zu verhindern. Nachdem eine Pilotstudie mit autologer Tumorzellimpfung günstige Ergebnisse gezeigt hat, wurde diese Methode mit Erfolg in einer randomisierten Phase-III-Studie eingesetzt.

Eine Tumorvakzination zählt zu den aktiven immuntherapeutischen Behandlungen. Ziel der Impfung ist, das Immunsystem des Patienten gegen seinen Tumor zu mobilisieren und einen Gedächtnis- und Lerneffekt zu erzeugen. Die Tumorzellimpfung gehört nicht zu den Standardtherapien, und ihr Stellenwert ist noch nicht geklärt. Sie wurde in verschiedenen klinischen Studien bei unterschiedlichen Tumoren sowohl in der adjuvanten Situation als auch bei generalisierter und progredienter Erkrankung erprobt, wobei die Erfolge sehr unterschiedlich waren. Seit einigen Jahren wird die Tumorimpfung verstärkt beim Nierenzellkarzinom angewandt, da dieser Tumor im fortgeschrittenen Stadium bedingt auf eine Immuntherapie (mit Interferon oder Interleukin) anspricht. Nachdem eine Pilotstudie mit einer autologen Tumorzellimpfung einen Benefit zeigte, wurde über mehrere Jahre hinweg eine große randomisierte Phase-III-Studie durchgeführt.

Studie an 55 deutschen Kliniken

Für diese Studie wurden im Vorfeld an 55 deutschen Kliniken 558 Nierenkrebspatienten ausgewählt und randomisiert auf zwei Gruppen verteilt: Eine Gruppe, die nach der Entfernung der Niere eine Impfung mit autologen Tumorzellen erhalten sollte und eine Kontrollgruppe. Nach der Nephrektomie verblieben nur diejenigen Patienten in der Studie, deren Karzinom bestimmte pathologische Kriterien (pT2-3b pN0-3M0) aufwies und deren Tumordurchmesser > 2,5 cm war. Diese Kriterien wurden ausgewählt, da ab diesem Stadium mit einem Wiederauftreten der Erkrankung gerechnet werden muss. Nach der Operation wurden 177 Patienten der Impfgruppe und 202 der Vergleichsgruppe zugeteilt.

Gewinnung des Impfstoffs

Zur Gewinnung der Vakzine wurden den Patienten 10 g Tumormasse entnommen und diese in eine Gewebekultur überführt. Nach Zerkleinerung der Masse wurde in mehreren Arbeitsschritten eine Zellsuspension hergestellt, welche mit Interferon alfa und Tocopherol inkubiert wurde. Eine Inkubation mit Interferon soll eine Hochregulation von MHC (Major Histocompatibility Gene Complex), Integrinen und tumorassoziierten Antigenen bewirken, Tocopherol dient als Radikalfänger. Nach der Inkubation wurden die Zellen gewaschen, von ihren Zusätzen befreit und in einer physiologischen Kochsalzlösung suspendiert. 1 ml dieser Suspension enthält ungefähr 5 x 106 Nierentumorzellen. Dieser Impfstoff wurde sechsmal im Abstand von vier Wochen intradermal injiziert.

Höheres Überleben nach der Impfung

Der primäre Studienendpunkt war das verminderte Risiko einer Tumorprogression. Dabei schnitt die Impfgruppe nach 60 und 70 Monaten besser ab als die Kontrollgruppe. Nach 5 Jahren waren 26% der Patienten von der Vakzinegruppe und 39% von der Kontrollgruppe gestorben oder zeigten eine Krankheitsprogression (Hazard Ratio 1,58); nach 70 Monaten waren es 33% der Vakzinegruppe und 52% der Kontrollgruppe (Hazard ratio 1,59). In der Impfgruppe lag die progressionsfreie Überlebensrate nach 60 Monaten bei 77,4% und nach 70 Monaten bei 72%; in der Kontrollgruppe waren nach 60 Monaten noch 67,8% und nach 70 Monaten noch 59,3% der Patienten krankheitsfrei.

Die Impfung wurde im Allgemeinen gut vertragen, und nur bei zwei Patienten wurden unerwünschte Wirkungen registriert. Einer Subanalyse zufolge scheinen vor allem Patienten mit Risikofaktoren (wie z. B. einem großen Tumor oder einem hohen Tumorgrad) besonders von der Therapie zu profitieren.

Nierenzellkarzinom (Syn. Hypernephrom)

Epidemiologie

  • Inzidenz 8 Fälle/100000/Jahr; 2 bis 3% aller malignen Tumore; Häufigkeitsgipfel zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr; Männer erkranken doppelt so häufig wie Frauen

    Risikofaktoren

  • Nicotin
  • Übergewicht
  • chronische Dialyse

    Pathologie

  • in den allermeisten Fällen Adenokarzinome
  • kleinere (< 3 cm) Tumore sind nur selten metastasiert
  • Metastasierungsverhalten: pulmonal, lymphonodulär, hepatisch, ossär
  • Klassifikation nach dem TNM-System (T = Tumorgröße; N = Befall von Lymphknoten, M = Nachweis von Metastasen)

    Diagnose

  • Es gibt keine Frühsymptome; 60% aller Nierenzellkarzinome werden anhand sonographisch erhobener Zufallsbefunde diagnostiziert.

    Prognose

  • abhängig vom Stadium, in frühem Stadium ohne Lymphknotenbefall hohe Fünfjahresüberlebenswahrscheinlichkeit; bei Lymphknotenbeteiligung und Metastasierung schlechte Prognose

    Therapie

  • primär operativ eine radikale Tumornephrektomie
  • schlechtes Ansprechen auf Chemotherapie; keine Strahlentherapie
  • metastasierende Karzinome sprechen in rund 20% auf eine Immuntherapie mit Interferon oder Interleukin an.
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