Aus Kammern und Verbänden

BAV-Vorsitzender Reichert: Neue Herausforderungen annehmen! (Interview)

Nach einem halben Jahr treten die ersten Auswirkungen des GMG zu Tage. Neben Freigabe der OTC-Preise und Mehrbesitz von Filialapotheken stellt die integrierte Versorgung eine ganz besondere Herausforderung für die Apothekerverbände dar. Kann ein Verband, der in bisherigen Verhandlungen alle Mitglieder vertreten hat, zukünftig auch Verträge für einzelne bzw. spezialisierte Apothekergruppen schließen? Können in absehbarer Zeit neue Geschäftsfelder erschlossen werden? Die Deutsche ApothekerZeitung hat sich mit Herrn Gerhard Reichert, 1. Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbandes, nach erfolgreicher Wiederwahl unterhalten.

DAZ:

Auf welche Erfolge kann der BAV in den letzen Jahren zurückblicken?

Reichert:

Wir mussten – gerade auch in den letzten Jahren – besonders im Vorfeld viele Gesetze, Verordnungen und Bestimmungen abwehren, deren Durchsetzung die Arzneimittelversorgung verschlechtert und die Distribution über die öffentliche Apotheke umgangen hätte. Besonders die Freigabe der Arzneimittelpreise in der integrierten Versorgung und der Abschluss von Verträgen zwischen Krankenkassen und einzelnen Apotheken – wie im GMG ursprünglich geplant – konnte mit vereinten Kräften verhindert werden. Nicht zu vergessen, wir haben auch Konstruktives geleistet: Die bayerische Apothekerschaft war schon immer für das Kombimodell, und so sehen wir dessen Durchsetzung auch als einen Erfolg des bayerischen Apothekerverbandes an.

DAZ:

Sehen Sie das Kombimodell ein halbes Jahr nach dessen Einführung als einen Erfolg für die Deutschen Apotheker?

Reichert:

Es gibt hier keine Ideallösungen und man konnte und wird es nie allen Kollegen recht machen. Dieses Kombimodell ist für die durchschnittliche Apotheke mit einem durchschnittlichen Rezeptaufkommen bzw. Rezeptdurchschnitt ein Etappensieg. Als Vertreter für die wirtschaftlichen Interessen der Apotheker und gerade im Hinblick auf den Versandhandel betrachte ich dieses Honorierungsmodell für die Apotheker als vertretbar und angesichts der ursprünglichen Planungen des Ministeriums sogar als Erfolg.

DAZ:

Trotzdem halten Apotheker das wirtschaftliche Risiko für unkalkulierbar bzw. nicht zumutbar, hochpreisige Medikamente mit nur drei-prozentigem Aufschlag und Fixzuschlag – 8,10 E, was ein Bruchteil vom Wert des Medikamentes bedeutet – abzugeben bzw. vorrätig zu halten. Ist dieser Vorwurf gerechtfertigt?

Reichert:

Gegenfrage: Wurden beim Einlösen teurer Rezepte nicht häufig seitens der Patienten Begehrlichkeiten gegenüber dem Apotheker geweckt? Die Abkoppelung vom Herstellerpreis war und ist jetzt eine große Chance für den freien Heilberuf des Apothekers.

DAZ:

Trotz Kombimodell bemessen Sie Ihre Mitgliedsbeiträge weiterhin nach dem Umsatz. Ist das noch zeitgemäß?

Reichert:

Natürlich wissen wir, dass Umsatz und Ertrag jetzt nicht mehr im direkten Zusammenhang stehen. Doch ist und bleibt dieser für uns die einzige Bemessungsgrundlage, da brauchbare Alternativen hinsichtlich z. B. abgegebener Packungen fehlen.

DAZ:

Wie steht es den in diesem Jahr um die wirtschaftliche Situation der bayerischen Apotheke im Vergleich zu 2003? Gibt es Unterschiede zwischen den Land- und Stadt-Apotheken?

Reichert:

Man kann und darf hier nichts pauschalieren. Unseren Erkenntnissen nach sind fast alle Apotheken durch die stark rückläufigen Verordnungen der Ärzte in Ihrer Ertragskraft getroffen, egal ob Land- oder Stadt-Apotheke. Apotheken in guter Lauflage sollen weniger beeinträchtigt sein. Wie erwartet hat sich auch die "Wertigkeit der Fachärzte" verschoben. Die Rezepte eines Augen- oder Kinderarztes haben jetzt oft eine bessere Ertragskraft als die eines Onkologen. Zum jetzigen Zeitpunkt möchte ich nur soviel sagen: Wirtschaftliche Probleme dürften jetzt besonders die Kollegen haben, die ihr Geschäft ausschließlich nicht über ihre Offizin gemacht haben.

DAZ:

Wo sehen Sie in den kommenden Jahren die meiste Arbeit für ihren Verband und wo liegen ihrer Meinung nach die Gefahren?

Reichert:

Neben der Abwehr von Kettenapotheken und dem Erhalt der Freiberuflichkeit sehe ich als aktuelle Herausforderung – neben unseren sonstigen Verbandsaufgaben – die Einführung der Ernährungsberatung in der öffentlichen Apotheke als honorierte Leistung und das Vorantreiben des Hausapothekenmodells

DAZ:

Apropos Hausapothekenmodell, was ist der aktuelle Stand hier in Bayern?

Reichert:

In über 1400 Apotheken können wir zum jetzigen Zeitpunkt über 2200 zertifizierte Ansprechpartner nachweisen. Jetzt heißt es, die Compliance bei den Patienten hierfür zu erhöhen und möglichst viele Teilnehmer zu gewinnen, und zwar für jeden, egal bei wem versichert!

DAZ:

Ihre persönliche Meinung zum Hausapothekenmodell: Ist dieses Serviceangebot denn für den Apotheker wirtschaftlich verträglich und strategisch sinnvoll?

Reichert:

Die betriebswirtschaftliche Rentabilität des Hausapothekenmodells ist und wird wohl in nächster Zeit nicht gegeben sein. Der strategische Nutzen hingegen ist unbestritten. Was hier geleistet wird, schafft nicht nur Kundenbindung und nachhaltige Mehrwerte für den Patienten, sondern bietet einen Service, den eine Versandapotheke niemals leisten könnte. Nur mit solchen Konzepten erhalten wir das alleinige Recht der Arzneimittelabgabe an die Bevölkerung für die deutschen Apotheken und das Hausapothekenmodell ist auch als ein Prellbock gegen die Angriffe auf die Apothekenpflicht zu sehen.

DAZ:

Was halten Sie von den wachsenden Apothekenkooperationen und geplanten bzw. realisierten Dachmarken?

Reichert:

Nach unserer Meinung sind diese abzulehnen. Die Politik könnte diese als Vorstufe zur Kettenbildung sehen, was unseren Kampf für die Freiberuflichkeit stark behindern würde.

DAZ:

Die Apothekenkooperation parmapharm mit der Dachmarke "gesund ist bunt" hat gerade ein Projekt zur integrierten Versorgung in Hamburg (siehe DAZ Nr. 27, S. 28) realisiert. Der Anfang vom Ende für die Verbände als alleiniger Verhandlungspartner der Krankenkassen?

Reichert:

Ich sehe dieses Projekt als einen Spezialfall für eine extrem kleine Patientengruppe. Was mir besonders auffällt, im Gegensatz zu den Ärzten – Vorraussetzung für die Teilnahme sind 75 Stentsoperationen pro Jahr – fehlt beim Apotheker der Leistungsnachweis für die pharmazeutische Qualität. Ich vermute, dass diese Kooperation bzw. integrierte Versorgung mit der parmapharm auch ein Tarnmodell für billigere Arzneimittelpreise sein könnte.

DAZ:

Wie müsste denn Ihrer Meinung nach diese Kooperation gestaltet sein, damit es als integrierte Versorgung bezeichnet werden könnte?

Reichert:

Die pharmazeutische Qualität müsste durch zertifizierte Fort- und Weiterbildung gesichert sein. Dem Patienten bzw. für dessen Therapie muss ein nachweisbarer Nutzen geschaffen werden und natürlich muss jede Apotheke, welche die geforderten Leistungskriterien erfüllt, teilnehmen dürfen.

DAZ:

Integrierte Versorgung steht auch für den Wettbewerb unter den Apothekern. Muss ein Apothekerverband der ja "alle" seine Mitglieder vertritt weiterhin auf seine "schwächsten Apotheker" Rücksicht nehmen oder kann er auch nur für einen (leistungsfähigen) Teil seiner Mitglieder Verträge abschließen?

Reichert:

Es wird in Zukunft sicherlich mehr spezialisierte Apotheken geben. Der bayerische Apothekerverband wird dem Rechnung tragen und wird hier spezielle Betreuungen anbieten und garantieren, wie u. a. für die Zytostatika abgebenden Apotheken. Wir können uns durchaus vorstellen, eine Apothekergruppe z. B. hinsichtlich Stentoperationen in Absprache mit einem Krankenhaus fortzubilden und bei Verhandlungen hinsichtlich pharmazeutischer Betreuung bei der Nachsorge zu vertreten.

DAZ:

Welche Chancen sehen Sie in der integrierten Versorgung und wie schätzen Sie den möglichen Verlust der freien Apothekenwahl für den (integrierten) Patienten als ein Problem ein?

Reichert:

Eine an der integrierten Versorgung teilnehmende Apotheke darf nicht wie eine "königlich privilegierte Hofapotheke" gesehen werden, sondern muss sich durch nachweisbare pharmazeutische Leistungsfähigkeit auszeichnen. Es sollten an solchen Versorgungen möglichst viele Apotheken, sozusagen als pharmazeutische Leistungsgemeinschaft, teilnehmen. Wir dürfen aber niemals vergessen: über Erfolg von Veränderungen bzw. Einführungen neuer Versorgungsformen im Gesundheitswesen entscheiden letztendlich die Patienten.

Der bayerische Apothekerverband wird hier mitarbeiten und auch mit anderen Heilberufen zusammenarbeiten. Ob Krankenkassen hier Boni bzw. Vergütungen in der Höhe den Patienten anbieten können, dass eine Einschränkung bei der Apothekenwahl von diesen akzeptiert wird, bleibt abzuwarten.

DAZ:

Ihr gesamter Vorstand ist bei der heutigen Wahl bestätigt worden. Wie steht es um den berufspolitischen Nachwuchs?

Reichert:

Die Familie hat bei vielen Kollegen einen sehr hohen Stellenwert, weshalb es um die Bereitschaft, berufspolitisch aktiv zu werden dann eher schlecht steht. Auch die wirtschaftliche Lage der Apotheken erfordert viel Engagement. Wir freuen uns aber ganz besonders, dass zwei junge Kollegen als Nachrücker für den Vorstand dieses Jahr gewählt worden sind. Durch eine Berufung von zwei jüngeren Kollegen zu stellvertretenden Vorsitzenden, die bisher als Beisitzer tätig waren, haben wir im Übrigen auch Weichen gestellt.

DAZ:

Herr Reichert, wir danken Ihnen für das Interview!

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.