DAZ Feuilleton

Apotheke mit Weinausschank

Lucas Cranach der Ältere (1472 Ų 1553) war Künstler und Unternehmer in einer Person. Er war der reichste Immobilienbesitzer in Wittenberg und besaß dort neben seiner Malerwerkstatt auch die Apotheke und das Recht zum Ausschank von importiertem Wein. Zwei Urkunden, die erst jetzt der Öffentlichkeit bekannt wurden, zeugen davon, wie Lucas Cranach und sein gleichnamiger Sohn erfolgreich für den Erhalt des Schankrechts stritten.

Wittenberg war im Schmalkaldischen Krieg 1547 arg zerstört worden. Um das klamme Stadtsäckel aufzufüllen, fasste der Rat der Stadt 1548 den Beschluss, von nun an selbst das alleinige Schankrecht für Importweine auszuüben. Zwar willigte Lucas Cranach der Jüngere (1515 bis 1586) – wie auch die anderen betroffenen Bürger – zunächst ein, doch nicht sein Vater, der damals bei dem besiegten und gefangen gehaltenen Kurfürsten Johann Friedrich weilte: Als er von dem Ratsbeschluss erfuhr, pochte er auf sein Recht und veranlasste Lucas Cranachs d. J., in diesem Sinne ein Schreiben an den Rat zu richten – mit dem Ergebnis, dass er den Weinausschank weiterhin betreiben durfte.

Ein Maler als Apotheker

Cranach d. Ä. war seit 1505 in Wittenberg, der Residenzstadt des sächsischen Kurfürsten Friedrichs des Weisen (reg. 1486 bis 1525), ansässig gewesen. Nach seiner Eheschließung 1512 hatte er am Markt zwei benachbarte Immobilien erworben und in einem der Häuser seine Malerwerkstatt eingerichtet. Nur sechs Jahre später verkaufte Cranach d. Ä. die beiden Anwesen wieder, um den Erlös in das größte bebaute Grundstück der Stadt in der Schlossstraße 1 als endgültigen Wohnsitz der Familie zu investieren.

Schon zuvor, 1515, hatte er sich um den Erwerb der Wittenberger Apotheke bemüht. Sie war eine Gründung des 1513 verstorbenen Mediziners Martin Pollich, des ersten Rektors der Universität Wittenberg, der zugleich Leibarzt des Kurfürsten gewesen war. 1520 endlich wurde Cranach mit Pollichs Erben einig, kaufte die Apotheke und erhielt das landesherrliche Apothekenprivileg. Dieses war insofern besonders lukrativ, als es nicht nur ein Monopol auf die Abgabe von Arzneien, sondern auch für den Handel mit Gewürzen, Konfekt, Zucker, Wachs und anderen hochpreisigen Waren gewährte.

Den praktischen Apothekenbetrieb überließ Cranach fachlich ausgebildetem Personal, unter anderem dem fähigen Apothekergehilfen Caspar Pfreundt (1517 – 1574), der später Cranachs Tochter Anna heiratete, Ratsherr und schließlich Bürgermeister wurde.

Auch mit dem Ausschank von importierten Weinen – hauptsächlich Rheinwein und Frankenwein – machte der geschäftstüchtige Hofmaler Geschäfte. Für das Jahr 1512 ist die Abgabe von Steuern für Weinfässer belegt; drei Jahre später entrichtete Cranach erstmals ein "Ohmgeld" für den Ausschank von Wein. Eine Quittung über zwei Strafgelder für einen beschäftigten Weinschenk aus dem Jahr 1519 lässt auf Unregelmäßigkeiten schließen. Es ist zu vermuten, dass Cranach den Weinausschank später der Apotheke angliederte, wie es auch andernorts üblich war.

Aus Neid am Hof "angeschwärzt"

1522 – der Kredit für das Haus in der Schlossstraße war noch nicht abgetragen – erwarb der Hofmaler sein ehemaliges Haus am Markt 4 (heute "Cranachhaus") zurück, um hier in die Einrichtung einer Druckerei zu investieren. Der Kauf weiterer Häuser und Ländereien belegt, dass Cranach d. Ä. in geschäftlichen Angelegenheiten eine glückliche Hand hatte. 1528 wurde sein Immobilienvermögen auf 4000 Gulden geschätzt; das war das Vierzigfache seines Jahresgehalts im Dienst des Kurfürsten.

Kein Wunder, dass der zunehmende Besitz Cranachs in der Stadt mit Argwohn und Missgunst registriert wurde. Wenngleich sich der Hofmaler mit der Annahme des Apothekenprivilegs verpflichtet hatte, ausschließlich frische und qualitativ einwandfreie Waren zu verkaufen und die Offizin regelmäßig durch Ärzte visitieren zu lassen, gingen am Hof immer wieder Beschwerden über Unregelmäßigkeiten ein. Der Kurfürsten ließ 1522 die angeblichen Missstände untersuchen, doch konnten sie nicht bestätigt werden.

Als die Apotheke 1547 von der Schlossstraße in das Cranachhaus verlegt wurde, blieb der umstrittene Weinausschank im Haus in der Schlossstraße. Bald wurden auch die Besitzrechte geteilt: Nachdem Cranach d. Ä. 1553 gestorben war, übernahm sein Schwiegersohn Pfreundt die Apotheke, während Lucas Cranach d. J. das Schankrecht erhielt. Als ihm der Stadtrat dieses Recht abermals nehmen wollte, bestätigte es ihm Kurfürst August in einer am 13. Juni 1569 gesiegelten Urkunde.

Mit dem Verkauf des Cranachhauses an Dr. Caspar Ziegler endeten 1676 die Eigentumsrechte der Nachkommen Cranachs an der Apotheke. August Ferdinand Ludwig Dörrfurt, Inhaber der Apotheke von 1789 bis 1818, verlegte die Offizin 1799 an ihren ursprünglichen Ort in die Schlossstraße 1 zurück, wo sie auch heute noch steht. Nachfahren von ihm haben der Stadt Wittenberg unlängst ein Konvolut mit Urkunden und Dokumenten zur Apothekengeschichte und zum Streit um das Schankrecht übereignet, die auch die Biographien der beiden Maler Cranach um eine Nuance bereichern.

Literatur

Hufnagel, Gerhard: Beiträge zur Geschichte der Adler-Apotheke in Wittenberg. Dtsch. Apoth. Ztg. 107, 1563 – 1565 (1967). Böhmer, Wolfgang, und Ronny Kabus: Zur Geschichte des Wittenberger Gesundheitswesens, Teil I. Schriftenreihe des Stadtgeschichtlichen Museums Wittenberg, 5, 1981. Caesar, Wolfgang: Lucas Cranach d. Ä. – Maler und Apotheker. Dtsch. Apoth. Ztg. 134, 1697 – 1700 (1994).

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