Kammern und Verbände

Pharmaziegeschichte: Preußen und die Pharmazie

"Preußen und die Pharmazie" lautete das Tagungsthema der Pharmaziehistorischen Biennale, die vom 23. bis 26. April 2004 in Potsdam stattfand. Die Themen der Referate reichten von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart.

Ausbildung der Apotheker

Wolf-Dieter Müller-Jahncke berichtete über die Medizinalpolitik und Apothekenreform unter Herzog Albrecht von Preußen (1490 –1568). Unter dem Einfluss der Reformation hatte Albrecht, der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens, den Ordensstaat 1525 in ein weltliches und erbliches Herzogtum unter polnischer Lehenshoheit umgewandelt. Danach begann er weitreichende und vorausschauende Reformen, unter anderem der Medizinalverwaltung und des Apothekenwesens. An die 1544 gegründete Universität Königsberg, die "Albertina", berief er die besten Ärzte seiner Zeit.

Karl-Heinz Beyer stellte die Entwicklung der Pharmazie an der Universität Königsberg vor. Ihr Begründer war Carl Gottfried Hagen, der 53 Jahre lang als Hochschullehrer tätig war. Nach Hagens Tod 1829 wurde Friedrich Dulk sein Nachfolger. Seine herausragende Leistung bestand in der Übersetzung und Kommentierung der "Pharmacopoea Borussica". Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude des pharmazeutischen Instituts durch Bomben zerstört.

Wegen "kriegswichtiger Versuche" wurde das Institut zunächst nach Ilmenau in Thüringen, dann nach Heidenheim an der Brenz ausgelagert. Heute steht in Königsberg kein historisches Universitätsgebäude mehr; es wird dort auch nicht mehr Medizin oder Pharmazie gelehrt. Doch die Russen besinnen sich auf die Tradition und haben das Universitätsjubiläum 1994 gemeinsam mit den Deutschen gefeiert.

Das Referat von Christoph Friedrich beschäftigte sich mit der pharmazeutischen Ausbildung in Preußen allgemein und konzentrierte sich auf das Collegium medico-chirurgicum in Berlin, bei dem alle Apotheker Erster Klasse ihre Prüfungen ablegen mussten. Erst 1854 wurde der Apotheker Zweiter Klasse, der seine Prüfung nicht in Berlin bestehen musste, abgeschafft. 1875 wurde reichseinheitlich ein dreisemestriges Studium der Pharmazie eingeführt. Günter Bergmann präsentierte in seinem Vortrag die Entwicklung der Arzneibücher von den Brandenburg-Preußischen Dispensatorien zur "Pharmacopoea Borussica".

Anfänge der chemisch-pharmazeutischen Industrie

Christoph Schümann, Rostock, berichtete über Beiträge von Apothekern zur technischen Chemie um 1800. Das chemische Gewerbe war damals rückständig und noch zünftig organisiert. Für den sich entwickelnden Massenmarkt waren diese Strukturen untauglich. Hier bot sich für Apotheker, die selbst forschten, ein weites Betätigungsfeld. Sie gründeten private Bildungseinrichtungen und stellten in Fabriken chemische Grundstoffe wie Soda her. Auf Anregung des Apothekers Karl Samuel Lebe-recht Hermann (1765 – 1846) begann man in der Saline Schönebeck/Elbe Glaubersalz und Magnesia aus der Mutterlauge zu gewinnen. Johann Gottfried Dingler (1778 – 1855), der eine Zeitlang preußischer Feldapotheker gewesen war, errichtete in Augsburg eine Kattundruckerei und gab das "Polytechnische Journal" heraus.

In Tilsit an der Memel wirkte der bedeutendste ostpreußische Offizinapotheker seiner Zeit, Johann Wächter (1786 – 1853). Peter Hartwig Graepel stellte das bedeutende industrielle Wirken dieses Mannes sowie sein soziales und kommunales Engagement vor. Wächter wurde durch Heirat mit der Apothekerwitwe Jabs Besitzer der Grünen Apotheke in Tilsit, erweiterte bald das dazugehörige Kolonialwarengeschäft und gründete eine Zuckersiederei, die erste Zuckerfabrik in Ostpreußen. Der Verlust seiner Gebäude und Warenvorräte durch einen Brand lähmte den Tätigkeitsdrang Wächters nicht: Er baute die Zuckersiederei wieder auf und erweiterte seinen Betrieb sogar um zwei Ölmühlen, eine Knochenbrennerei, Anlagen zur Herstellung von Essig und eine Färberei.

Gerhard Alcer referierte über Carl August Ferdinand Kahlbaum (1794 – 1872) und seine Nachfolger. Sie betrieben in Berlin eine Spritfabrik, eine Likör-fabrik und einen Betrieb zur Herstellung chemischer Grundstoffe für die Industrie. Später wurden Arzneichemikalien, Pflanzenschutzmittel und andere chemische Erzeugnisse hergestellt. Teile der Firma gingen in den 1920er-Jahren an die Oberschlesischen Kokswerke, andere an die Fabrik E. Schering. Nach 1945 gingen die Firmen eigene Wege, ein Teil wurde zur Basis des VEB Berlin-Chemie.

Entwicklung des Apothekenwesens

Manfred Stürzbecher, Berlin, gab Einblick in seine Forschungen zur Geschichte der Berliner Hofapotheke und der Hofapotheken-Kommission. Frank Leimkugel resümierte die Geschichte jüdischer Apotheker, beginnend mit dem 1812 ergangenen "Preußischen Emanzipationsgesetz" und endend mit den Berufsverboten und der physischen Vernichtung unter der Herrschaft der Nationalsozialisten.

Ansgar Schockmann berichtete über den preußischen Apothekerrat und die Apothekenbetriebsordnung von 1902. Der Apothekerrat hatte damals bestimmte Punkte im Entwurf der Apothekenbetriebsordnung zu begutachten. Dabei ging es unter anderem um die Residenzpflicht, die Arzneitaxe im Nachtdienst, die Sonntagsruhe vor allem bei allein arbeitenden Landapothekern, die Vereinfachung der Dokumentationspflicht und die Beaufsichtigung tierärztlicher Handapotheken – Probleme, die auch heute noch aktuell sind. Viele Vorschläge des Apothekerrats flossen in die Apothekenbetriebsordnung ein, obwohl dieser nur eine beratende Funktion hatte. Teile der Apothekenbetriebsordnung waren in der Bundesrepublik bis 1969 gültig.

Doktorandenform

Mit elf Postern präsentierte sich das Doktorandenform auf der Biennale. Besonders schön gelungen war das Poster von Antje Mannetstätter über den intriganten Apotheker "Vitriolo" in Hugo Wolfs Opernfragment "Manuel Venegas" (1897). Die anderen Poster thematisierten die Firmengeschichte von Merck, Morphin, die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA), Wasserstoffsuperoxid als Desinfektionsmittel und Brom als Antiepileptikum. Auch der Arbeitskreis "Artemis – Frauen in der Pharmaziegeschichte" stellte sich mit einem Poster vor.

Mitgliederversammlung der DGGP

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie (DGGP), Dr. Klaus Meyer, berichtete über die Gestaltung der Internet-homepage (www.dggp.de), über personelle Veränderungen in den Regionalgruppen, über die neuen Professoren der Pharmaziegeschichte – Prof. Dr. Marcus Plehn in Freiburg/Breisgau, Prof. Dr. Horst Remane an der Universität Halle – und über die Umhabilitierung von Priv.-Doz. Dr. Frank Leimkugel an die Universität Düsseldorf. Die Betreuung der Pharmaziehistorischen Zentralbibliothek in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart ist nun endgültig an die DGGP übertragen worden. Der Band mit den Beiträgen der letzten Biennale in Karlsruhe mit dem Titel "Apotheke und Publikum" ist erschienen; der nächste Ergänzungsband der "Deutschen Apotheker-Biographie" wird voraussichtlich 2006 oder 2007 erscheinen. Mit derzeit 669 Mitgliedern ist die DGGP für die Zukunft gut aufgestellt.

Nach verschiedenen Satzungsänderungen wurde der neue Vorstand gewählt. Prof. Dr. Christoph Friedrich, Marburg, wurde ohne Gegenkandidaten zum Ersten Vorsitzenden, Dr. Antje Mannetstätter zur Stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Ansonsten ergab sich keine Änderung: Dr. Gabriele Beisswanger bleibt Schriftführerin, Dr. Michael Michalak Schatzmeister der DGGP.

Ehrungen

Die Johannes-Valentin-Medaille wurde viermal vergeben: Die Medaille in Bronze für das Jahr 2003 erhielt Frau Almut Binkert aus Weißenburg für die langjährige Geschäftsführung der 1979 gegründeten Stiftung Kohl'sche Einhornapotheke Weißenburg, die ein eigenes Apothekenmuseum unterhält. Prof. Dr. Werner Dressendörfer erhielt die Medaille in Silber für das Jahr 2003 in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen, bei denen die mittelalterliche Pharmaziegeschichte im Vordergrund steht.

Für die Einrichtung einer pharmaziehistorischen Abteilung am Museum in Schloss Burg an der Wupper und viele weitere Verdienste erhielt Dieter Fuxius die Medaille in Bronze für das Jahr 2004. Die Medaille in Silber für 2004 erhielt Dr. Gerald Schröder, der mit seinem Buch zur NS-Pharmazie ein Standardwerk der Pharmaziegeschichte verfasste. Die Schelenz-Plakette für 2003 wurde Dr. Karlheinz Bartels in Würdigung seiner weitgespannten pharmaziehistorischen Untersuchungen zuerkannt.

Die Nachkongressfahrt am 26. April führte zum Brandenburgischen Apothekenmuseum in Cottbus. Die nächsten pharmaziehistorischen Tagungen finden 2005 in Edinburgh (IGGP) und 2006 in Weimar (DGGP) statt.

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