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Wie die Reform den Arzneimittelmarkt verändert

BERLIN (ks). Die Euroforum-Konferenz "Gesundheitsreform" am 29. April in Berlin widmete sich in einem Themenblock den Veränderungen im Bereich der Arzneimittel: Der Heidelberger Pharmakologe und Mitherausgeber des Arzneiverordnungs-Reports, Prof. Dr. Ulrich Schwabe, referierte zur Qualität der Arzneimitteltherapie sowie ihren Sparpotenzialen. Jürgen Petersen vom Institut für Medizinische Statistik IMS Health erläuterte die Folgen der Preisfreigabe für rezeptfreie Arzneimittel. Aus dem Blickwinkel der pharmazeutischen Industrie berichtete Stefan Seeger über die Auswirkungen der Reform auf die Arzneimittelversorgung.

Würden Ärzte weniger Analoga und umstrittene Arzneimittel, dafür aber mehr Generika verordnen, könnte die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) viel Geld einsparen – dies ist das alljährliche Fazit Schwabes bei der Vorstellung des Arzneiverordnungs-Reports. Auch auf der Euroforum-Veranstaltung zeigte er auf, wie viel sich in diesen drei Bereichen sparen ließe.

Allein bei Statinen könnten die Kassen Schwabe zufolge mehr als 565 Mio. Euro einsparen: Voraussetzung ist, dass die Originalpräparate mit den Wirkstoffen Atorvastatin, Simvastatin, Pravastatin und Fluvastatin konsequent durch ein Simvastatin-Generikum ersetzt werden. Dies ist das bislang einzige Statin, dessen Patent abgelaufen ist – die anderen Statine haben sich in Studien nicht als evident wirkungsvoller erwiesen, so Schwabe.

Ein derart hohes Einsparvolumen in nur einer Präparatgruppe erstaunt selbst Schwabe: "Das gab es noch nie". Um der GKV längerfristig die Erstattung von teuren Analogpräparaten zu ersparen, schlägt Schwabe vor, in öffentlichen Apotheken und in Krankenhausapotheken einheitliche Preise einzuführen. Denn über die Kliniken würden die meisten Patienten an die Analoga gewöhnt: Bei der Entlassung werde ihnen empfohlen, die Präparate weiter einzunehmen, die die Krankenhausapotheken mit hohen Rabatten von den Pharmafirmen erhalten.

Positive Entwicklung bei Generika und umstrittenen Arzneimitteln

Wohlwollender betrachtet Schwabe die Entwicklung des Generika-Anteils am GKV-Gesamtmarkt. Bei sinkendem Umsatz wächst ihr Verordnungsanteil langsam aber beständig. 2002 waren bereits 52,2 Prozent der Verordnungen Generika-Verordnungen. Im generikafähigen Markt lag der Umsatzanteil gar bei 75,3 Prozent – damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich an der Spitze.

Um den generischen Wettbewerb noch mehr zu stärken, fordert Schwabe, die prozentuale Zuzahlung konsequenter umzusetzen, als es mit der Gesundheitsreform geschehen ist. Statt einer Mindestzuzahlung von fünf Euro sollte die Zuzahlung einheitlich zehn Prozent betragen – von einem bis zu maximal zehn Euro. Dies motiviere Patienten eher, sich für ein preiswertes Arzneimittel zu entscheiden, so der Arzneimittelexperte.

Die Verordnung umstrittener Arzneimittel nahm bereits in den vergangenen Jahren beständig ab. Machten diese Medikamente 1991 noch fast 30 Prozent des Gesamtumsatzes mit Arzneimitteln aus, so lag dieser Anteil 2003 nur noch bei 6,6 Prozent, so Schwabe. Die Gesundheitsreform werde diesen Trend unterstützen, da die meisten dieser Präparate nicht-verschreibungspflichtig und damit in der Regel nicht mehr erstattungsfähig sind.

Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss beschlossenen Ausnahmen sind Schwabe aber bereits zu viel. Für ihn sind auch die in der Ausnahmeliste aufgezählten Ginkgopräparate, Homöopathika und Anthroposophika umstrittene Arzneimittel. Daher plädiert der Pharmakologe nach wie vor für die Einführung einer Positivliste – doch diese von der Regierungskoalition geplante Liste fiel bei den Konsensverhandlungen zur Gesundheitsreform bekanntlich unter den Tisch.

Wegbrechende OTC-Verordnungen werden nicht aufgefangen

Die Auswirkungen der geänderten Arzneimittelpreisverordnung auf den OTC-Markt erläuterte Jürgen Petersen, Leiter des Geschäftsbereichs Consumer Health bei IMS Health. Im Jahr 2003 betrug der OTC-Gesamtmarkt 6,76 Mrd. Euro zu Apothekenverkaufspreisen, 58 Prozent des Umsatzes fielen auf die Selbstmedikation, 42 Prozent auf Verordnungen.

Seit der Preisfreigabe für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel ist es einer IMS-Studie zufolge bei 62 Prozent der führenden 1000 OTC-Präparate zu höheren Preisen gekommen (Vergleich Februar 2004 zu Februar 2003). 13 Prozent der untersuchten Handelsformen blieben stabil im Preis, 18 Prozent wurden billiger. Selten zu beobachten waren Apotheken, die mit "Schockwirkung" arbeiteten, erklärte Petersen.

Eine Frankfurter Apotheke, die die Preise z. B. für Wick Daymed, Thomapyrin, Aspirin plus C oder Agiolax zeitweise um bis zu 49 Prozent senkte, sei sicher ein Einzelfall gewesen. Insgesamt, so der Marktforscher, sei der "große Erdrutsch" infolge der Preisfreigabe ausgeblieben.

Der effektive Apothekenverkaufspreis ist bei einem Vergleich zwischen Dezember 2003 und Januar 2004 lediglich bei Schmerzmitteln und Antirheumatika leicht um zwei Prozent angestiegen. Der Durchschnittspreis der Top 50-OTCs blieb IMS-Berechnungen zufolge unverändert bei 5,29 Euro. 95 Prozent der Apotheken hielten in diesem Zeitraum ihre Preise stabil, drei bis vier Prozent erhöhten einzelne Preise.

Für Petersen ist dieses Ergebnis nicht verwunderlich: Wie sollten es die Apotheken auch leisten, ihre Preise so deutlich zu senken? Die Verordnungen rezeptfreier Arzneimittel bleiben seit Jahresbeginn auf niedrigem Niveau – sie sind in diesem Jahr (Januar bis Mitte April) gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als zwei Drittel zurückgegangen.

Ein Verlust, der über die eher stagnierende Selbstmedikation nicht aufgefangen werden kann. Vielmehr zeige sich, dass der OTC-Markt insgesamt rückläufig sei, so Petersen. Nur in wenigen Bereichen – insbesondere bei urologischen Produkten für Männer und Mitteln gegen Wechseljahresbeschwerden – habe die Selbstmedikation die wegbrechenden Verordnungen weitgehend auffangen können.

Der Wunsch nach kurzfristigen Einspareffekten könnte laut Petersen viele pharmazeutische Unternehmen und auch die Apotheken zu den Verlierern der Preisreform machen: Apotheken fallen durch die Streichung der rezeptfreien Arzneimittel aus der GKV-Erstattung eine Mrd. Euro weg. "Das mit Selbstmedikation zu kompensieren, muss ein Apotheker erst einmal leisten".

Forschende Industrie sieht "dramatische Veränderungen" kommen

Stefan Seeger, Europa-Chef der Schering AG, befasste sich anschließend mit den Auswirkungen der Gesundheitsreform auf die Industrie und die Arzneimittelversorgung. Der Generikaanteil bei den Verordnungen ist in Deutschland besonders hoch – zugleich sorgt die Festbetragsregelung für stabile Preise. Doch die Gesundheitspolitik hat die patentgeschützten Arzneimittel im Visier.

Den hohen Preisen in diesem Segment sollen nun neue Festbeträge auch für patentgeschützte Analoga Einhalt gebieten. Doch "was ist der Patentschutz dann noch für die Pharmaindustrie wert?", fragt Seeger. Das neue Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen soll künftig bewerten, ob Arzneimittel gegenüber bereits auf dem Markt befindlichen Produkten eine Innovation darstellen.

Bislang galt es für die Firmen, die Hürden des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte oder der europäischen Zulassungsbehörde EMEA zu nehmen – nun komme das Institut hinzu, bei dem es noch viele ungeklärte Fragen gebe, so Seeger. Solange die Festbeträge noch nicht gelten, müssen die Hersteller den gesetzlichen Kassen einen 16-prozentigen Rabatt gewähren.

Für Schering bedeute allein dies einen Verlust von 38 Mio. Euro, erklärte Seeger. Dies sei nicht ohne Gegenmaßnahmen im personellen Bereich und bei Investitionen zu verkraften. Vor allem Unternehmen, die ihr Head-Quarter nicht in Europa, sondern in den USA haben, bekämen Schwierigkeiten, der Firmenleitung zu vermitteln, was im deutschen Arzneimittelmarkt geschehe.

So werde es bei vielen großen Firmen – allen voran bei Pfizer – zu "dramatischen Veränderungen" kommen. Die Folge: der Forschungsstandort Deutschland ist in Gefahr, wenn ein Patentschutz keine Marktvorteile mehr bringt. Amerikanische Hersteller werden Deutschland nicht mehr als Ersteinführungsmarkt betrachten – Innovationen werden somit vorenthalten.

Notwendig sei nun, den Blick verstärkt auf Europa zu richten. "Hier wurde im Arzneimittelmarkt bereits vieles erreicht", sagte Seeger. So etwa die Einführung des Orphan-Drug-Status, das zentralisierte Zulassungsverfahren oder das Verfahren der gegenseitigen Anerkennung. Wo Europa allerdings wenig geschafft habe, sei das Sozialrecht, erklärte Seeger weiter.

Die Entscheidung über die Erstattungsfähigkeit von Arzneimitteln oder die Bewertung des gesundheitsökonomischen Zusatznutzens liege in den Händen der Mitgliedstaaten. Mit dem vorliegenden Regel-Flickwerk "verlieren wir die Wettbewerbsfähigkeit im globalen Markt", betonte Seeger.

Die Strategieoptionen für die forschenden Arzneimittelhersteller sind begrenzt: Eine ausschließliche Konzentration auf Sprunginnovationen sei praktisch nicht möglich und ein Shift zu generischen Produkten nicht der Geschäftszweck der forschenden Industrie, erklärte der Schering-Manager. Es bleibe ein Ausweichen in Staaten mit geringeren Regulierungen. Letztlich aber, so Seeger, werde man so weitermachen, wie es bisher geschehen ist.

Die Euroforum-Konferenz "Gesundheitsreform" am 29. April in Berlin widmete sich den Veränderungen im Bereich der Arzneimittel: Der Heidelberger Pharmakologe und Mitherausgeber des Arzneiverordnungs-Reports, Prof. Dr. Ulrich Schwabe, referierte zur Qualität der Arzneimitteltherapie sowie ihren Sparpotenzialen. Jürgen Petersen vom Institut für Medizinische Statistik IMS Health erläuterte die Folgen der Preisfreigabe für rezeptfreie Arzneimittel. Aus dem Blickwinkel der pharmazeutischen Industrie berichtete Stefan Seeger über die Auswirkungen der Reform auf die Arzneimittelversorgung.

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