Meinung

B. ClementWas die Pharmazie braucht und was nicht

Unter der Überschrift "Was braucht die Pharmazie zum Überleben?" ist in der DAZ 2004, Nr. 1/2, S. 52 f., ein Meinungsbeitrag von den Professoren Krieglstein und Klumpp veröffentlicht worden, in dem die beiden Autoren heftige Kritik an der universitären Ausbildung von Pharmazeuten üben und ihren eigenen Kollegen mangelnde Erfolge in der Forschung vorwerfen.

Die Autoren stellen weiter fest, dass die Beratung der Patienten und Kunden in der Apotheke häufig unzureichend sei. Somit wird auch allen Offizinpharmazeuten ein schlechtes Urteil ausgestellt. Schuld an der letzten Misere trügen allerdings in erster Linie die Hochschullehrer der Pharmazeutischen Chemie und die Politiker, die "insuffiziente Diskussionspapiere als Bundesverordnungen verabschieden würden".

Insgesamt kommt also kaum ein deutscher Pharmazeut ungeschoren davon, bis auf "einzelne, aber eben zu wenige, die Weltniveau erreicht hätten". Zur letzteren Gruppe zählen sich wahrscheinlich auch die beiden Verfasser. Anlässlich einer Mitgliederversammlung der Fachgruppe Pharmazeutisch/Medizinische Chemie der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) in Erlangen am 16. März 2004 wurde der Meinungsbeitrag diskutiert und dieser Stellungnahme zugestimmt.

Pharmazeutische Ausbildung

Die Sitzungsteilnehmer hielten noch einmal fest, dass die Novellierung der letzten Approbationsordnung im Konsens mit allen Vertretern der pharmazeutischen Ausbildung geschlossen wurde und sowohl Frau Klumpp als auch Herr Krieglstein die Möglichkeit gehabt hätten, ihre Vorstellungen in die Diskussion im Vorfeld einzubringen.

Leider haben weder Frau Klumpp noch Herr Krieglstein an den Diskussionen im Verband der Pharmazeutischen Hochschullehrer Deutschlands aktiv teilgenommen. Frau Klumpp hätte darüber hinaus als Pharmazeutische Chemikerin jederzeit die Möglichkeit gehabt, an allen innerhalb der Fachgruppe abgehaltenen Veranstaltungen zu diesem Thema teilzunehmen.

Dass die Autoren nun zu diesem Zeitpunkt, nachdem im Anschluss an sehr lange und intensive Diskussionen ein Konsens gefunden worden ist, versuchen, wieder alte Gräben aufzureißen, wird als sehr befremdlich angesehen. Gerade die neuen von Frau Klumpp und Herrn Krieglstein so intensiv geforderten Lehrinhalte im Bereich der Beratungstätigkeit sind u. a. Bestandteile der "Klinischen Pharmazie", die ja erst jetzt als Pflichtveranstaltung etabliert wird.

Hier haben Frau Klumpp und Herr Krieglstein die Möglichkeit, sich an der Gestaltung zu beteiligen und ihre Wünsche in die Tat umzusetzen. Die neue Ordnung, die ja gerade mal bis in das 6. Semester (Sommersemester 2004) vorgedrungen ist, schon im Vorfeld wieder zu verteufeln, schadet dem Image der Pharmazie ungemein.

In der Arbeitsgruppe "Apothekerausbildung" des Bundesministeriums für Gesundheit, die die novellierte Approbationsordnung vorbereitet hat, wurde zwischen den darin vertretenen Fachkreisen – Hochschullehrer, Berufsverbände, Studierende und oberste Landesgesundheitsbehörden – Konsens über die künftige Ausgestaltung der Apothekerausbildung erzielt. Die Pharmazeutische Chemie war dabei mit einem Sitz von insgesamt 17 vertreten. Eine Majorisierung durch die Pharmazeutische Chemie zu unterstellen, ist also geradezu grotesk.

Bei der Novellierung der Approbationsordnung hat man bewusst an einer einheitlichen Approbation mit breiter Ausbildung festgehalten. Eine zu starke Spezialisierung, zum Beispiel in Richtung der Ausbildung für die Offizinpharmazie, beinhaltet heute die Gefahr der Verbannung von der Universität.

Dies ist keine Schwarzmalerei, sondern Realität, wie der Unterzeichner dieses Papiers aus langen Diskussionen weiß, die er zum Beispiel kürzlich mit Vertretern von Mitgliedern einer Kommission führte, die vom Wissenschaftsrat eingesetzt worden war, um Vorschläge für die Bundesregierung zur Verlagerung von Studiengängen zwischen Universität und Fachhochschule zu unterbreiten.

Das auch oft vorgeschlagene "Splitting" in der Ausbildung im zweiten Abschnitt birgt ebenfalls die große Gefahr der Ausgliederung von Teilen der Ausbildung von Pharmazeuten an die Fachhochschule. Auf verbliebene Teile würden sicherlich schnell andere Fächer wie Biologie, Organische Chemie und Physikalische Chemie Ansprüche erheben, sodass die Pharmazie als Ganzes leicht verschwinden könnte.

Ein Pharmaziestudium auf breiter wissenschaftlicher Basis und mit ausgezeichneten Möglichkeiten in alle Richtungen wird von den meisten als großer Vorteil angesehen. Es ist auch politischer Wille, nur solche Ausbildungsgänge an der Universität zu belassen. Auch im Detail sind die Vorschläge der Autoren Klumpp und Krieglstein nur schwer nachzuvollziehen.

Das starke Plädoyer für die Biochemie als Ersatz für die Pharmazeutische/Medizinische Chemie ("aus Pharmazeutischer Chemie wird Biochemie") kann es wohl kaum sein, da man dann z. B. Forschung und Lehre im Bereich der präklinischen Entwicklung von Arzneistoffen zum großen Teil fallen lassen würde.

Andere Fächer würden sich freuen (siehe oben). Wenn man Biochemie betreiben will, sollte man auch wissen, dass es eigenständige Studiengänge Biochemie gibt. Zukünftige Biochemiker lernen dabei weitaus mehr an Allgemeiner Chemie als Pharmazeuten und machen all die Praktika im Grundstudium, die Frau Klumpp und Herr Krieglstein aus dem Curriculum der Pharmazeuten verbannen wollen.

Biochemie genauso wie Medizinische Chemie und Analytische Chemie bauen auf der Chemie auf, die man erst einmal beherrschen muss. Sehr fragwürdig ist auch der Vorschlag, ganz auf die klassische Analytische Chemie zu verzichten. Hier sind bei der Novellierung auch Einschränkungen vorgenommen worden; aber sollte ein Pharmazeut die klassischen Arzneibuchmethoden nicht mehr verstehen und selbst durchführen können?

Pharmazeutische Forschung

Erfolge in der Forschung zu messen, ist sehr schwierig. Viele sagen, dass dies nahezu unmöglich sei, auch wenn Daten sehr viel besser als früher zur Verfügung stehen. Frau Klumpp und Herr Krieglstein maßen sich dies an. Die Anzahl von DFG-Anträgen ist hier nicht allzu aussagekräftig. Wenn man diese heranzieht, muss man gerade bei dem interdisziplinären Fach Pharmazie sehr vorsichtig sein, da viele Pharmazeuten ihre Anträge nicht unter den Titel Pharmazie stellen.

Wir verweisen hier auf den Artikel "Pharmazieforschung an Universitäten" des Vorstandes des DPhG und des Vorsitzenden des Verbandes der Professoren an Pharmazeutischen Instituten der Bundesrepublik Deutschland (PZ, 149, S. 523). Hieraus ergibt sich ein weitaus positiveres Bild als die Darstellung von Frau Klumpp und Herrn Krieglstein.

Vergessen sollte man dabei auch nicht, dass die Zahl der pharmazeutischen Hochschullehrer nur einen Bruchteil derer ausmacht, die z. B. im Bereich der Chemie und Biologie tätig sind. Es gibt ungefähr zehnmal soviel Hochschullehrer der Chemie wie in der gesamten Pharmazie.

Im Einzelnen sparen die Autoren auch nicht mit Vorschlägen, was gerade pharmazeutische Chemiker nicht erforschen sollten. Im Detail kann man dies in aller Kürze gar nicht kommentieren. Nur ein Beispiel aus der Kategorie: "Viele Kollegen haben ein ganzes Leben lang versucht, ein neues Arzneimittel (gemeint ist wohl ein neuer Arzneistoff) zu synthetisieren, und haben doch nie eines gefunden."

Dies war auch nicht unbedingt deren Ziel, sondern sie entwickelten Grundstrukturen, die dann sehr häufig industriell weiter optimiert worden sind. Vielen Kollegen ist es allerdings auch gelungen, eigene neue Wirkstoffe direkt in die klinische Prüfung zu bringen und manchmal sogar darüber hinaus.

Hätten Frau Klumpp und Herr Krieglstein z. B. häufiger an Veranstaltungen der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft und an denen der Fachgruppe Pharmazeutische/Medizinische Chemie wie der in Erlangen teilgenommen, wäre ihnen alles dies nicht verborgen geblieben.

Insgesamt weisen wir die heftigen Anfeindungen, wie z. B. "man weiche dem internationalen Qualifikationsdruck aus", zurück. Natürlich braucht die Pharmazie eine wissenschaftliche Forschung auf hohem Niveau. Dies setzt allerdings auch eine breite naturwissenschaftliche Ausbildung der Pharmazeuten voraus, die in Form von Diplom- und Doktorarbeiten diese Forschung in entscheidender Weise prägen.

Fazit

Was die deutsche Pharmazie nicht braucht, ist Querulantentum und ein ständiges Schlechtreden ihrer eigenen Ausbildungen und Forschungserfolge. So sollte man der novellierten Approbationsordnung eine Chance geben. Die optimale Umsetzung bindet sehr viele Kapazitäten.

Es ist mehr als demotivierend, wenn alle diese Bemühungen schon wieder von vielen als falsch angesehen werden. Entscheidend ist letztlich nicht die Formulierung einer Approbationsordnung auf dem Papier, sondern die engagierte Umsetzung aller beteiligten Lehrenden und Studierenden. Eine Ausbildung steht und fällt mit dem Engagement der beteiligten Personen.

Nach außen hin braucht die Pharmazie eine sehr gute Selbstdarstellung. Man sollte herausstellen, dass Pharmazie sehr hinterfragt ist, als fast einziges Fach die Regelstudienzeit einhält, nach Medizin die geringste Abbruchquote hat, die Arbeitslosenquote im Bereich der Pharmazie nach wie vor im Bereich der Orientierungsarbeitslosigkeit liegt und alle eine entsprechende Anstellung im erlernten Beruf erhalten.

Hierum beneiden uns andere Fächer, weil die meisten dies nicht von sich behaupten können. Dies alles zu erhalten und entsprechend darzustellen, das braucht die Pharmazie. Wir sollten aktiv Werbung für unser Studium machen, um ein Wegbrechen der Bewerberzahlen zu verhindern, was gerade für die universitäre Pharmazie sehr gefährlich wäre.

So schlecht kann es doch um die Pharmazeutenausbildung nicht bestellt sein, wenn man sich die harten Daten ansieht. Dies beeindruckt Politiker und hilft den Kollegen, die immer wieder um das Überleben der pharmazeutischen Institute kämpfen müssen (zur Zeit z. B. Hamburg, Berlin). Das eigene Schlechtreden muss diesen Kollegen wie der blanke Hohn vorkommen, denn Politiker und Kollegen anderer Fächer greifen so etwas gerne auf.

Dies gilt in besonderem Maße auch für die vernichtende Darstellung der Forschungsleistung der Pharmazie durch die Autoren Klumpp und Krieglstein. Wenn sie so mit der Pharmazie umgehen, dürfen sie sich nicht wundern, wenn andere Kollegen auf sie herabsehen, wie von ihnen behauptet wird. Die Hinwendung vieler Fächer zu "Life Sciences" macht die Pharmazie für viele zu einem attraktiven Partner. Dies sollten wir nützen.

Natürlich müssen die Diskussionen um die richtige Ausbildung weitergehen. Diese sollten aber in positiver Form und auch visionär geführt werden. In diesem Zusammenhang sehen wir das Papier des Ausbildungsausschusses der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg als äußert ermutigend an (siehe DAZ 2004, Nr. 10, S. 34 bis 41).

Doch auch hier gilt unser Appell, dass wir an den Hochschulorten nicht ständig neue Approbationsordnungen umsetzen können. Vieles, was uns in diesem Papier vorgeschlagen wird, lässt sich aber auch schon innerhalb der neuen Ordnung umsetzen.

Der Vorschlag, "sieben bis zehn Hochschulen der Pharmazie mit je circa 1000 Studierenden und 30 Hochschullehrern einzurichten", ist allerdings in der heutigen Zeit äußerst gefährlich. Die Konsequenz daraus, 11 bis 14 Institute zu schließen, würde sicherlich dankbar angenommen werden. Doch würden die Kapazitäten der verbliebenen Institute bestimmt nicht entsprechend aufgerüstet werden.

Momentan erscheint vor allen Dingen eine Anhebung des Curricularnormwertes für die Pharmazie eventuell realisierbar. Dies würde die dringend notwendige bessere Betreuungsrelation (Anzahl Lehrende je Studierende) verbessern und auf die Relation anderer naturwissenschaftlicher Fächer anheben. Das braucht die Pharmazie.

Ausgangspunkt des Papiers von Frau Klumpp und Herrn Krieglstein war die Beratungstätigkeit des Apothekers in der Apotheke. Hierfür die Basis zu legen, ist sicherlich die Aufgabe der universitären Ausbildung. Ob man Beraten an der Uni lernen kann, darüber kann man in der Tat philosophieren (siehe ebenfalls Papier des Ausbildungsausschusses). Beraten muss in der Praxis geübt werden.

Aus der Einleitung des Artikels von Frau Klumpp und Herrn Krieglstein könnte man ableiten, dass Fort- und Weiterbildung im Bereich der Beratungstätigkeit überflüssig würden, wenn man denn die Pharmazeuten nur richtig dafür an der Universität ausbildete. Auf Fort- und Weiterbildungen werden jedoch Apotheker und Apothekerinnen nie, egal welche Ausbildung sie an der Universität genossen haben, verzichten können.

Auch Frau Klumpp und Herrn Krieglstein dürfte doch klar sein, dass die Pharmakotherapie von heute in kürzester Zeit überholt sein wird. Lebenslanges Lernen ist hier angesagt. Dies ist aber längst erkannt worden, wie die zahlreichen Fort- und Weiterbildungsangebote der Kammern und zum Beispiel die punktebewertete Fortbildung zeigen. Auch das braucht die Pharmazie.

Unter der Überschrift "Was braucht die Pharmazie zum Überleben?" war in DAZ 2004, Nr. 1/2 ein Meinungsbeitrag von den Professoren Krieglstein und Klumpp veröffentlich worden, die heftige Kritik an der universitären Ausbildung von Pharmazeuten übten. In dieser Ausgabe der DAZ gibt Bernd Clement von der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) eine nicht weniger gepfefferte Antwort.

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