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GEK: Gesundheitsreform wirbelt Arzneimittelmarkt auf

BERLIN (ks). Knapp drei Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GMG) zog der Bremer Pharmakologe Prof. Dr. Gerd Glaeske aus der Arzneimitteldatenbank der Gmünder Ersatzkasse (GEK) eine erste Bilanz: In den Arzneimittelmarkt ist Bewegung gekommen Ų zu beobachten sind positive sowie einige negative Auswirkungen. Insgesamt glaubt Glaeske jedoch, dass die Reform die Arzneimittelausgaben 2004 in Grenzen halten wird. Der GEK-Vorstandsvorsitzende Dieter Hebel zeigte sich erfreut über die Entwicklungen im Arzneimittelversand: Für Ende 2004 rechnet er bei seiner Kasse mit einem Umsatzanteil von fünf Prozent.

Bei einem Pressegespräch am 24. März in Berlin erklärte Hebel, er wolle nun nicht mehr am GMG "rummäkeln", sondern die Entscheidung der Politik akzeptieren. Es zeichne sich ab, dass die Reform in die richtige Richtung gehe. So könne die GEK zum 1. Mai ihren Beitragssatz auf 13,5 Prozent senken. Besonders gefällt Hebel der Trend beim Arzneimittelversandhandel – für diesen machte sich der GEK-Chef bereits in der Vergangenheit stark.

"Der Bedarf ist sehr groß", erklärte Hebel. Mit drei Versandapotheken – zwei holländischen und einer deutschen – hat die GEK bereits Verträge abgeschlossen. 2003 lag der Versandhandelsanteil in der GEK bei zwei Prozent – Ende Februar lag er mit DocMorris und der Europa-Apotheek bereits bei 3,3 Prozent. Mit einem Anteil von 4,5 bis 5 Prozent am Arzneimittelgesamtumsatz rechnet Hebel zum Jahresende.

Verordnungsrückgang im Januar gleicht Dezemberbauch aus

Weitere Entwicklungen im Arzneimittelmarkt erläuterte der Bremer Arzneimittelexperte Glaeske, der bereits seit einigen Jahren die Arzneimitteldaten der GEK auswertet. Die Zahlen der GEK bestätigen: Nach einem Verordnungsbauch im Dezember 2003 – hier stiegen die Ausgaben gegenüber dem sonstigen Monatsmittel des vergangenen Jahres um 40 Prozent an – waren im Januar 2004 die Ausgaben für Arzneimittel rückläufig.

Rechnet man aber die Dezember und Januar-Zahlen zusammen, ergeben sich im Schnitt wiederum die typischen Ausgaben der GEK für Medikamente, erklärte Glaeske. Insofern seien die Verordnungsrückgänge im Januar noch wenig aussagekräftig – Zahlen für Februar und März lagen dem Pharmakologen noch nicht zur Auswertung vor.

Rezeptfreie Arzneimittel: Hersteller empfehlen zweifelhaften Ersatz

Zu Unsicherheiten auf Ärzte- und Patientenseite führte Glaeske zufolge der Ausschluss nicht-verschreibungspflichtiger Arzneimittel aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Er kritisierte, dass einige Pharmafirmen bereits frühzeitig versucht hätten, Ärzten eine Substitution nicht-verschreibungspflichtiger Mittel nahe zu bringen.

So habe die Firma Ratiopharm empfohlen, statt Paracetamol das rezeptpflichtige Metamizol zu verordnen – ein umstrittener und wenig empfehlenswerter Wirkstoff, so Glaeske, weil er zu Blutschäden und Schockreaktionen führen könne. Zudem ist Paracetamol das Mittel der Wahl für Kinder – und dort ohnehin weiter zu Lasten der GKV verordnungsfähig.

Doch die Strategie des Herstellers ging bei den GEK-Versicherten offenbar auf: Der Umsatz für Arzneimittel mit Metamizol kletterte von 25 000 bis 27 000 Euro im Jahresschnitt 2003 auf über 32 000 Euro im Dezember und erreichte im Januar einen Spitzenwert von 57 000 Euro.

Einen anderen "besonders gravierenden Fall von gezielter Fehlinformation" habe die Firma UCB Pharma betrieben, so Glaeske weiter. Sie empfahl den Ärzten von den rezeptfreien Wirkstoffen Cetirizin oder Lorazadin auf das verschreibungspflichtige und doppelt zu teuere Levocetiricin (Xusal®) auszuweichen – eine "Pseudoinnovation" ohne therapeutische Vorteile, so Glaeske. Dabei habe die Herstellerfirma wissen müssen, dass Cetirizin und Loratadin bereits im Dezember auf der Ausnahmeliste weiterhin erstattungsfähiger OTC-Präparate standen.

Verordnungsrückgänge bei notwendigen Arzneimitteln

Eine weitere negative Entwicklung machte Glaeske bei einigen notwendigen rezeptfreien Arzneimitteln aus: So gab es bei der GEK einen erkennbaren Einbruch bei Pankreatin-haltigen Mitteln, die z. B. für Patienten mit Insuffizienz der Bauchspeicheldrüse oder mit Mukoviszidose notwendig sind. Hier sanken die Verordnungskosten von zuvor durchschnittlichen 70 000 bis 120 000 Euro auf 31 600 Euro im Januar ab.

Eine ähnliche Entwicklung sei bei Eisenpräparaten zu beobachten. Positiv bewertete der Arzneimittelexperte hingegen, dass es bei einigen umstrittenen rezeptfreien Arzneimitteln zu deutlichen Verordnungsrückgängen gekommen ist: So sei etwa der Umsatz bei durchblutungsfördernden Mitteln, Venen- und Abführmitteln im Januar deutlich gesunken – zum Teil um bis zu 70 Prozent.

Ausnahmeliste: Weitgehend akzeptabel

Auch die Ausnahmeliste des Gemeinsamen Bundesausschusses für weiterhin erstattungsfähige rezeptfreie Arzneimittel ist für den Pharmakologen weitgehend akzeptabel. So kann er mit der Aufnahme anthroposophischer und homöopathischer Arzneimittel leben – auch wenn nicht bei all diesen Mitteln von einer nachgewiesenen Evidenz der Wirksamkeit ausgegangen werden könne.

Doch angesichts der GKV-Gesamtausgaben von rund 60 Mio. Euro (0,3 Prozent der gesamten GKV-Arzneimittelausgaben) für diese Präparate kann er verstehen, dass die Politik hier lieber die Systematik leiden ließ, statt große Schlagzeilen zu riskieren. Glaeske regte allerdings an, nochmals über die Aufnahme von Phytopharmaka zur Behandlung von Prostatabeschwerden nachzudenken. Ebenso über pflanzliche Schlaf- und Beruhigungsmittel – gerade hier fürchtet er, dass es anderenfalls zu einem verstärkten Verordnungsanstieg chemisch-synthetischer Schlafmittel kommen könne.

Auch Zuzahlungen entlasten Kassen

Insgesamt, so Glaeske, wird das GMG dazu beitragen, die GKV-Arzneimittelausgaben zu senken. Neben Herstellerrabatten, neuer Arzneimittelpreisverordnung und der Herausnahme nicht-verschreibungspflichtiger Arzneimittel aus dem Leistungskatalog trage auch die erhöhte Zuzahlung der Patienten zur Entlastung der Kassen bei.

Im Januar und Februar entfielen rund 11,5 Prozent der Arzneimittelausgaben der GEK auf Patientenzuzahlungen – im Vergleichszeitraum 2003 waren es noch sieben Prozent. Auch die Praxisgebühr führe zu sinkenden Ausgaben: Weniger Arztbesuche bedeuten bekanntlich auch weniger Verordnungen.

Apotheker fahren gut mit der Reform

Glaeske räumte ein, dass Großhändler und Hersteller durch abgesenkte Margen und Rabattvergütungen teilweise erheblich belastet seien. Bei Apotheken halte sich die Belastung hingegen in Grenzen. Sie haben mit dem dreiprozentigen Aufschlag auf den Einkaufspreis im Kombimodell eine "gute Regelung" erreicht, die nicht unterschätzt werden dürfe.

Der Arzneimittelexperte verwies etwa auf die Niederlande, wo Apothekern ebenfalls ein Fixum gezahlt werde, aber kein prozentualer Aufschlag hinzukomme. Offenbar habe die Apothekerschaft schon im vergangenen Jahr verstanden, dass es ihr mit dem GMG vergleichsweise gut ergangen ist. Sonst wäre es auf dem vergangen Apothekertag in Köln sicherlich nicht so ruhig zugegangen, so Glaeske.

Knapp drei Monate nach Inkrafttreten des GMG zog der Bremer Pharmakologe Glaeske ausgehend von der Arzneimitteldatenbank der Gmünder Ersatzkasse (GEK) eine erste Bilanz: In den Arzneimittelmarkt ist Bewegung gekommen - zu beobachten sind positive sowie einige negative Auswirkungen. Insgesamt glaubt Glaeske jedoch, dass die Reform die Arzneimittelausgaben 2004 in Grenzen halten wird.

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