Feuilleton

Zum Jahr der Chemie: Apotheker und Fotografie

Die Fotografie ist eine Kunst, die es ohne die Chemie nicht gäbe. Denn bevor das elektronische Zeitalter begann, war sie auf Chemikalien für die Belichtung, Entwicklung und Fixierung angewiesen. Auch einige Apotheker haben ihren Beitrag zum technischen Fortschritt der Fotografie geleistet oder haben sie sogar zu ihrem Beruf erwählt. An sie sei hier zum Ende des Jahres der Chemie erinnert.

Seit jeher haben Künstler mit Hilfe ihrer Hände abgebildet, was sie mit ihren Augen gesehen haben. Die Bilder, die das Licht in ihrem Hirn erzeugte, schufen sie mit dem Pinsel oder dem Zeichenstift nach und hatten damit ein mehr oder weniger subjektiv geprägtes Abbild der Wirklichkeit. Doch zu Beginn des 19. Jahrhunderts schien mehreren Künstlern die Zeit gekommen zu sein, das Licht selbst als graphisches Werkzeug einzusetzen.

Mit Silber und Salz

Das erste erfolgreiche fotografische Verfahren war die Daguerreotypie: Der Maler Louis Jacques Daguerre (1787 - 1851) verwendete seit 1837 als lichtempfindliches Material silberbeschichtete, polierte Kupferplatten, die er zuvor bei Dunkelheit mit Iod bedampft hatte, sodass sie mit einer dünnen Schicht Silberiodid (AgI) bedeckt waren.

Diese Verbindung löst sich bei Lichteinwirkung wieder auf, das heißt: Die AgI-Schicht verschwindet bei der Belichtung der fotografischen Platte in der Kamera in verschieden starkem Ausmaß.

Nach der Belichtung entwickelte Daguerre die Platten in einer Dunkelkammer mit Quecksilberdampf, der sich mit dem elementaren Silber (nicht mit AgI) zu einem weißlich-matten Amalgam verbindet, und entfernte anschließend mit einer starken Kochsalzlösung das unbelichtete Silberiodid, um eine weitere Lichtreaktion und eine Veränderung des Bildes auszuschließen (Fixierung).

Am 7. Januar 1839 machte der Physiker Dominique Franćois Arago (1786 - 1853) Daguerres Erfindung in den Grundzügen öffentlich bekannt, ohne jedoch auf die dabei verwendeten Chemikalien einzugehen, und sogleich meldeten sich einige Personen mit dem Anspruch zu Wort, sie hätten bereits eigene fotografische Verfahren erfunden.

Pioniere in Deutschland

Andere Personen, insbesondere solche mit chemischen Kenntnissen, zu denen Mitte des 19. Jahrhunderts an vorderster Stelle die Apotheker zu zählen sind, fühlten sich geradezu herausgefordert, das in der ersten Bekanntmachung nur vage angedeutete Verfahren der Fotografie auszuprobieren.

Die Lichtempfindlichkeit von Silbersalzen, die der Belichtung zugrunde liegt, war ja schon vor längerer Zeit entdeckt worden und in Fachkreisen allgemein bekannt. Bezüglich der weiteren Arbeitsschritten war allerdings das meiste ungewiss.

Noch im Januar 1839 meldete der Dillinger Apotheker Ignaz Paul Keller (1803 - 1849), er habe aus seiner Wohnung die "Aussicht auf das Haus gegenüber wie die schönste zarteste Tuschzeichnung auf das Papier fixiert" und das Experiment mehrmals mit Erfolg wiederholt [4, 9].

In dem Bericht ließ er offen, welche lichtempfindliche Chemikalie er verwendet hat (vermutlich AgI), ob er sie nach der Belichtung entwickelt hat (vermutlich nicht) und wie er das Bild fixiert hat. Die Tatsache, dass Keller statt einer Metallplatte ein "präpariertes" Papier verwendete, dürfte jedenfalls die Qualität des Bildes gemindert haben. Später hören wir nichts mehr von irgendwelchen Fotografien Kellers.

Ebenfalls noch im Januar 1839 will der Rektor der Münchner Kreislandwirtschaftsschule Dr. Heinrich Alexander zusammen mit seinem Freund Dr. Buchner fotografische Versuche mit Iodstärkepapier durchgeführt haben, was er allerdings erst später publik machte [4].

Auch hier scheint der anfänglichen Begeisterung bald eine Ernüchterung gefolgt zu sein. Bei dem genannten Freund dürfte es sich übrigens um den Apotheker Ludwig Andreas Buchner (1813 - 1897) gehandelt haben, der später als Professor an der Münchner Universität lehrte.

Nicht immer führte die Umsetzung des theoretischen Wissens zum praktischen Erfolg. So bekannte der Dresdner Arzt Georg Petzhold (1810 - 1889), dass ihm seine ausgiebigen fotografischen Versuche sämtlich misslungen waren [2]. Manch anderer, der über erfolgreiche Versuche berichtete, mag seine Ergebnisse überbewertet haben. Ein Urteil darüber ist in der Regel nicht möglich, weil die Fotografien nicht mehr vorhanden sind.

Ein Apotheker als Wanderfotograf

In dem Maße, wie die neue Technik den Reiz des Sensationellen verlor, vollzog sich ein Wandel vom Dilettantismus zur Professionalisierung. Es entstanden die ersten Fotoateliers, und in einem Überganszeitraum bedienten insbesondere reisende Daguerreotypisten oder Wanderfotografen den schnell wachsenden Markt.

Einer von ihnen war der Apotheker Carl Reisser, über dessen pharmazeutische Ausbildung und Tätigkeit wir allerdings nichts wissen. Aus Wien kommend, tauchte er im Oktober 1841 in München auf, stellte im Kunstverein aus und fotografierte seine Kunden im Botanischen Garten [4].

Carl Reisser stellte 1842 auf der ersten deutschen Industrieausstellung in Mainz einige seiner Daguerreotypien aus - und zwar als einziger neben der Firma Voigtländer und Sohn in Wien -, reiste dann nach Paris, hielt nach der Rückkehr im Frankfurter "Physikalischen Verein" einen Vortrag über die neuesten Verbesserungen der Fotografie [5] und kam 1843 nach Gießen, in das damalige Mekka der Chemie.

Dort fotografierte er u. a. eine Gruppe von Studenten und Doktoranden der Pharmazie und der Chemie, porträtierte auch ihren Professor Justus Liebig (1803 - 1873) und überzeugte diesen vollkommen von seiner Kunst. Liebig publizierte in den Annalen der Chemie und Pharmacie noch Mitte 1843 einen Aufsatz von Reisser über die "Anfertigung von Lichtbildern" [8] und bemerkte dazu in einer Fußnote:

"Der Herr Verfasser, welcher durch seine Reisen in Deutschland und Frankreich als ein vollendeter Künstler in der Verfertigung von Lichtbildern bekannt ist, hat sich, aus rein wissenschaftlichem Interesse, entschlossen, zum Nutzen aller Liebhaber des Schönen, sein Verfahren in allen seinen Theilen bekannt zu machen.

Ich selbst habe Gelegenheit gehabt, durch ihn selbst seine Methode genau kennen zu lernen, sie giebt die schönsten Bilder, die man nur sehen kann, von den mannigfaltigsten hellen und dunkeln Farbentönen [...] die Bilder sind den schönsten Stahlstichen gleich."

Über Reissers weiteres Leben ist nichts bekannt - er ist nach 1843 nicht mehr nachzuweisen, aber es gibt auch keine Nachricht von seinem Tod.

Vermutlich war es auch ein Wanderfotograf, der um 1845 die erste bekannte Daguerreotypie einer deutschen Apothekerfamilie anfertigte: Sie zeigt den Senator Gotthilf Wittrin (gest. 1852), Inhaber der Grünen Apotheke in Prenzlau, mit seiner Frau Charlotte geb. Oertel, seinen sieben Töchtern und seinem Sohn Hugo und hat sich bis heute erhalten [1].

Um die gleiche Zeit fotografierte der Berliner Daguerreotypist Friedrich Wilhelm Dost (1816 -1853) die Adler-Apotheke im schlesischen Langenbielau [6]. Man sollte meinen, dass schon vorher Fotografien von Apotheken in Städten angefertigt worden sind, doch erhalten haben sie sich nicht.

Förderer der Fotografie

Einige Apotheker förderten die Fotografie aufgrund ihrer einflussreichen Stellung in Wirtschaft und Gesellschaft. Hier ist insbesondere Karl Jacob Vohl (1782 - 1853), seinerzeit Präsident des Gewerbe-Vereins zu Köln, zu nennen, der sich seit dem ersten Anblick einer französischen Daguerreotypie dafür einsetzte, diese Kunst auch in Deutschland zu verbreiten und fortzuentwickeln [6].

In Hamburg setzte sich Georg Ludwig Ulex (1811 - 1883), Inhaber der Hafen-Apotheke auf dem Stubbenhuk, im Jahr 1842 dafür ein, dass der Historische Verein eine Anzahl von Aufnahmen des Meisterfotografen Hermann Biow (1804 - 1850) erwerben sollte.

Der Verein fürchtete aufgrund eines Gutachtens um die Haltbarkeit der Daguerreotypien, doch Ulex verwies auf eigene Versuche, in denen weder Sonnenlicht noch Hitze noch verschiedene Gase irgendwelche Veränderungen an den Bildern hervorgerufen hatten. Er konnte zwar mit seinen Argumenten überzeugen, doch der Ankauf der Sammlung scheiterte am Geiz der Hanseaten - heute wäre sie ein Vermögen wert [6].

Fotografische Chemikalien und Präparate

Während anfangs alle fotografischen Platten und die zu ihrer Behandlung notwendigen Chemikalien aus Frankreich importiert wurden, konnten sich bald auch einige deutsche Unternehmer in diesem Markt etablieren, wobei sie freilich einige Zeit dem technologischen Vorsprung der Franzosen hinterherhinkten.

In Berlin bot bereits 1839 Ferdinand Beyrich (1812 - 1869), Inhaber der Apotheke zum schwarzen Adler, Fotochemikalien an. Zu ihm gesellten sich ein Jahr darauf Julius Edmund Schacht (1804 - 1871) aus der Ponischen Apotheke und J. E. Simon aus der Apotheke zum goldenen Löwen [3].

Nachdem die Fotografie um 1850 durch die Erfindung des Kollodiums und des Albuminpapiers große Fortschritte gemacht hatte - es waren nun auch Abzüge ("Positive") in guter Qualität herstellbar -, nahm Beyrichs Fotogeschäft einen so großen Aufschwung, dass er sich ihm voll widmete und seine Apotheke aufgab.

In Berlin machte ihm bald Apotheker Ernst Schering (1824 -1889) Konkurrenz, der 1854 begann die ganze Palette fotografischer Chemikalien wie diverse Iod- und Bromsalze, Pyrogallol, Kollodium, Eisessig und Fixiernatron zu produzieren.

1855 präsentierte er seine Erzeugnisse auf Weltausstellung in Paris, kehrte mit einigen neuen Anregungen heim und gründete noch im selben Jahr eine chemische Fabrik, um seine Produktion auszuweiten. Erst mit der Neugründung der Scheringschen Fabrik im Jahr 1864 traten die Fotochemikalien in ihrer Bedeutung hinter die Arzneimittel zurück.

Löcherer und Linde

Abschließend seien noch kurz zwei Apotheker erwähnt, die in der Ausübung der Fotografie aus künstlerischer Berufung ihren Beruf fanden:

  • Alois Löcherer (1815 - 1862) in München machte sich vor allem durch seine Porträts von Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Politik einen Namen [2, 4, 7, 10].
  • Hermann Linde (1831 - 1918), von dessen Werken freilich kaum etwas überliefert ist, galt als bester Fotograf in der Hansestadt Lübeck [4].

Danksagung:

Für Auskünfte danke ich Herrn Dr. Günther K. Judel, Gießen, und Herrn Prof. Dr. Otto Nowotny, Wien.

Ausstellung Die Gelegenheit, Daguerreotypien im Original zu sehen, ist äußerst selten. Sie bietet sich noch bis zum 4. Januar 2004 im Frankfurter Haus Giersch in einer sehenswerten Ausstellung. Weniger als alle anderen zweidimensionalen Kunstwerke lassen sich Daguerreotypien adäquat kopieren: Die Reproduktionen in Büchern sind eigentlich zu gut im Vergleich zur Wirklichkeit.

In realiter erscheinen Daguerreotypien dem Betrachter zunächst als matt glänzende Oberflächen, und dieser muss bei den jeweiligen Lichtverhältnissen erst einmal den passenden Blickwinkel herausfinden, um das Bild mit alle seinen Details klar zu erkennen.

Die Frankfurter Ausstellung dokumentiert sehr gut die Weiterentwicklung der fotografischen Techniken und dokumentiert zugleich das Leben einer vergangenen Zeit. Motive der Fotos sind vor allem Porträts von einzelnen Personen und Ehepaaren, Stadtansichten und sehenswerte Gebäude sowie besondere Ereignisse wie Feste oder Katastrophen.

Gemischte Gefühle ruft die Fotografie der Sektion eines menschlichen Leichnams im Rahmen eines Anatomiekurses hervor (1872): Zwei Studenten führen mit konzentrierten Blicken die Schnitte aus, einige Personen schauen ihnen kritisch über die Schultern, einer sitzt vor dem Sektionstisch lässig auf einem Stuhl und schmaucht genussvoll eine lange Pfeife.

"Bromkalium und Iodkalium, welche die sich wunderbar entfaltende Photographie in großen Quantitäten verbrauchte, wurden von Schering in Krystallen gewonnen, wie sie von ähnlicher Schönheit früher nicht gesehen worden waren."

August Wilhelm Hofmann, 1. Präsident der Deutschen Chemischen Gesellschaft

Haus Giersch, Museum Regionaler Kunst, 60596 Frankfurt, Schaumainkai 83, Tel. (0 69) 63 30 41 28 www.haus-giersch.de Geöffnet: Dienstag bis Freitag 12 bis 19 Uhr, Samstag/Sonntag 11 bis 17 Uhr. 24./25./31. 12. geschlossen. Katalog: 296 Seiten, 325 Abb., 23,- Euro zzgl. Versandkosten. ISBN 3-935283-05-9

Berufskrankheit Viele Daguerreotypisten starben im jungen Alter. Als Todesursache muss wohl in vielen Fällen die chronische Vergiftung mit Fotochemikalien, insbesondere mit Quecksilber, Halogenen und ihren Verbindungen, angenommen werden. Gewissermaßen als Berufskrankheit galt die Luftröhrenschwindsucht.

Seltene Unikate

Eine Daguerreotypie ist ein seitenverkehrtes Unikat, da die belichtete Platte selbst das Bild ist. Man muss sie so betrachten, dass die Silberschicht sich in einer dunklen Fläche spiegelt - andernfalls erscheinen die unbelichteten Stellen hell wie auf einem Negativ.

Früher dienten Daguerreotypien häufig als Vorlagen für Druckgrafiken, die dann wiederum seitenrichtig waren. Die Vorlagen hatten nach dem Druck ihren Zweck erfüllt - dies ist ein Grund dafür, dass sich nur so wenige Daguerreotypien erhalten haben.

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