Feuilleton

Jubiläum: 150 Jahre S. Hirzel Verlag

Einer der ältesten Verlage Deutschlands feiert Geburtstag. Der S. Hirzel Verlag, ein Schwesterunternehmen des Deutschen Apotheker Verlags in Stuttgart, ist 150 Jahre alt geworden. Seine Wurzeln liegen aber in noch älteren Schichten der deutschen Philologiegeschichte. Der Verlag und sein Gründer Salomon Hirzel sind untrennbar mit dem Wirken der Gebrüder Grimm und der deutschen Sprache verbunden. Die wechselvolle deutsche Geschichte spiegelt sich im Schicksal des Verlages wider. S. Hirzels Geisteshaltung ist Programm für den Verlag.

Salomon Hirzel (1804 – 1877) gründete seinen gleichnamigen Verlag am 1. Januar 1853 in der Bücherstadt Leipzig. Der große Goetheforscher entstammte einem angesehenen Zürcher Patriziergeschlecht, deren Angehörige sich intensiv mit Wissenschaft und Literatur beschäftigt hatten.

Schon Hans Caspar Hirzel (1725 bis 1803) begeisterte sich für deutsche Literatur. Kleist hatte einige Wochen bei ihm gelebt. Und die von Klopstock besungene "Fahrt auf der Zürcher See" war von ihm geleitet worden. Eine seiner überkommenen Schriften aus dem Jahre 1761 lautet: "Die Wirtschaft eines philosophischen Bauern".

Damit scheint das Programm des späteren S. Hirzel Verlages schon vorgegeben. Denn die Schwerpunkte liegen bis heute in den Bereichen Germanistik, Philosophie und Chemie.

Wurzeln in der Schweiz

Salomon Hirzels Verlagsgründung stand unter einem guten Stern. Denn er konnte einen großen Teil des Verlagswerkes der weltberühmten Weidmannschen Verlagsbuchhandlung übernehmen. Dieser von Moritz Georg Weidmann (1658 – 1693) 1680 in Frankfurt am Main gegründete und bald darauf in Leipzig ansässig gewordene Verlag ist immerhin einer der ältesten der Welt.

Viele bis heute weltbekannte Autoren hatten bei Weidmann publiziert. Dazu zählen Arndt, Chamisso, Herder, Lavater, Freiherr vom Stein und die Brüderpaare Grimm, Humboldt und Schlegel. Unter Philipp Erasmus Reich (1717 – 1787), dem "ersten Buchhändler der Nation", wie es Wieland formuliert hatte, entwickelte sich der Weidmannsche Verlag zu einem der größten und wohl auch reichsten deutschen Originalverlage des 18. Jahrhunderts. Das geistige Deutschland schrieb hier.

Der Inhaber Georg Andreas Reimer (1776 – 1842) vertraute 1832 seinem Sohn Karl und seinem Schwiegersohn Salomon Hirzel die Weidmannsche Verlagsbuchhandlung an. Die beiden leiteten zwei Jahrzehnte lang gemeinsam und harmonisch das große Projekt der deutschen Literatur, doch 1851 trennten sich ihre Wege einvernehmlich:

  • Karl Reimer übersiedelte mit der Weidmannschen Verlagsbuchhandlung nach Berlin. Heute besteht sie in Hildesheim als Teil der Georg Olms Verlag AG fort.
  • Salomon Hirzel blieb in Leipzig mit einem großen Teil der verlegten Werke zurück und gründete seinen eigenen Verlag. Theologische, medizinische und altertumswissenschaftliche Werke gingen ebenso in den neuen Verlag über wie die Publikationen der Sächsischen Gesellschaft und vor allem und über allem das wachsende Werk des Deutschen Wörterbuches der Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm.

Das Wörterbuch der Deutschen

Salomon Hirzel erfüllte sich mit der Gründung des Verlages einen Jugendtraum. Schon mit 15 hatte er Buchhändler werden wollen. Ob er das Deutsche Wörterbuch der Grimms wirklich verlegt hätte, wenn er um die titanische Dimension der Aufgabe gewusst hätte, ist nicht bekannt.

Immerhin bemühten sich auch der Verleger Perthes und die Diederichsche Verlagsbuchhandlung mit höheren Honoraren darum. Den Ausschlag gab die tätige Unterstützung durch Hirzel und Reimer nach der Entlassung der Grimms als Professoren der Göttinger Universität (1837). Die beiden Verleger hatten den "Göttinger Verein" mitbegründet, der für die "Göttinger Sieben" eintrat.

Am 10. Oktober 1838 unterzeichneten die Gebrüder Grimm den Vertrag zur Lieferung des Deutschen Wörterbuches. 123 Jahre später war das Werk fertig. Alle Wörter der neuhochdeutschen Sprache von A bis Zypressenzweig stehen nun in 66 000 Lexikonspalten, aufgeteilt in 32 Bände mit jeweils mehr als 1000 Seiten, beisammen.

109 Jahre nach der ersten Lieferung vom 1. Mai 1852, die von A bis Allverein reichte, meldete der Berliner Germanist Bernhard Beckmann am 10. Januar 1961 Vollzug mit dem Wort: "Gaudeamus".

Ein Werk war entstanden, dem sogar die deutsche Teilung nichts hatte anhaben können. Die letzten elf Bände hatten die Deutsche Akademie der Wissenschaften und die Deutsche Forschungsgemeinschaft über die deutsch-deutsche Mauer hinweg gemeinsam erschaffen.

Über alle Fährnisse hinweg ...

Die Geschichte des Wörterbuchs der Deutschen klingt beinahe wie ein Grimmsches Märchen. Denn die Idee zur Bestandsaufnahme der deutschen Sprache war zu Beginn wie am Ende ein Produkt der deutschen Teilung. Das Jahrtausendwerk begann in der Zeit des Vormärz und endete mitten im Kalten Krieg.

Jacob Grimm schrieb dazu im Vorwort zum ersten Band des Wörterbuches: "was haben wir denn gemeinsames als unsere sprache und literatur?" Und in diesem Sinne wird der Verlag das Werk weiter betreuen.

2004 wird eine CD-ROM-Version erscheinen, bis 2017 sollen die Wörter mit den Anfangsbuchstaben A bis F überarbeitet sein.

Die politischen Folgen des letzten Weltkrieges wirkten sich auch auf die Geschichte des Verlags aus: 1945 wurden in Zürich und Stuttgart zwei neue Zweige des Verlages gegründet. Sie verselbstständigten sich, als das Leipziger Stammhaus 1952 unter staatliche Verwaltung der DDR geriet.

1962 vereinigten sich die beiden Häuser in Stuttgart und Zürich, und weitere sieben Jahre später gliederte sich der Stuttgarter S. Hirzel Verlag der Verlagsgruppe des Deutschen Apotheker Verlags und der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft ein. 1992 schließlich kaufte die S. Hirzel GmbH & Co. ihr "Stammhaus" in Leipzig zurück.

... für die Freiheit des Schreibens

Salomon Hirzel bekannte sich zur Pressefreiheit. Das bewies er nicht nur bei den Grimms, sondern auch im Falle von Gustav Freytag (1816 – 1895). Dieser war für jeweils kurze Zeit Abgeordneter des Norddeutschen Bundes und Professor der Universität Breslau, war aber vor allem als Journalist tätig und hatte immer wieder Probleme mit Hinkeldey, dem Chef der politischen Polizei in Berlin. Die nationalliberale Zeitschrift "Der Grenzbote", in der er schrieb, war sogar in Österreich verboten.

Obwohl Freytag ein Preuße aus Leidenschaft war, ging er ins "Ausland", um der Verfolgung durch die preußische Polizei zu entkommen: Ernst II., Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha, nahm ihn in seine Dienste.

Freytag schrieb damals an Salomon Hirzel: "Ich habe dem Herzog vorgeschlagen mich entweder bei seinen Cigarren anzustellen, oder zum Büchsenspanner zu machen. … Da es möglich ist, dass Sie in diesen Tagen durch die Zeitungen erfahren, dass ich in irgendeiner Qualität Höfling geworden bin, so bitte ich Sie, mein treuer Freund, mir bei Lectüre dieser Notiz alle Gefühle zu gönnen, welche bei solcher Veranlassung einem Menschen nicht versagt werden dürfen."

Der treue Freund Salomon Hirzel gab ab 1871 die Zeitschrift "Im neuen Reich" heraus, damit Freytag in ihr publizieren konnte. Denn der unbequeme Geist hatte sich wegen konfessioneller Fragen vom "Grenzboten" getrennt.

Auch heute publiziert der S. Hirzel Verlag Bücher, die für Diskussionen sorgen. Als Beispiel sei stellvertretend das "Schwarzbuch Wundermittel" von dem streitbaren Apotheker Gregor Huesmann genannt. Kurzum: Hirzel schafft Wissen, und das ist gut so.

Brüder Grimm Die Grimms begannen ihr Deutsches Wörterbuch allein. Doch schon bald durchforsteten 80 Exzeptoren die Literatur von Luther bis Goethe und hoben den Wort-"Schatz", indem sie unzählige Belegzettel, deren Format und Schema vorgegeben war, schrieben. Die Wörter wurden definiert, historisch kommentiert und chronologisch nachgewiesen.

www.dav-buchhandlung.de/ download/Grimm_150_Jahre.pdf

Verlagsprogramm

Schwerpunkte: Germanistik, Philosophie, Chemie

Langjährige Erfolgstitel: Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm; Lexers Mittelhochdeutsches Handwörterbuch von 1878; Geschichte der deutschen Sprache von Wilhelm Schmidt; Lehrbuch der organischen Chemie von Beyer und Walter.

Zeitschriften: Acta Acustica; Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur; Universitas

Hirzel – ein uraltes Geschlecht Die Familie Hirzel ist ein Musterbeispiel für das, was man etwas altmodisch ein "Geschlecht" nennt. Ihre Angehörigen hatten ein Standesbewusstsein, das sich nicht nur auf die persönlichen Lorbeeren, sondern auch auf den Ruhm der vielen Vorfahren gründete. Symbol der gemeinsamen Abstammung war das Familienwappen.

Die Wurzeln der Familie Hirzel liegen im Zürcher Oberland, wo sie bereits im 14. Jahrhundert nachweisbar ist. Ihr "Stammbaum" begann aber erst so richtig in die Höhe und in die Breite zu wachsen, nachdem er verpflanzt worden war: 1542 wurde Peter (I.) Hirzel, Tuchhändler aus Pfäffikon, Bürger von Zürich.

Er ist der Stammvater der namhaftesten Hirzel-Familie, die auf lange Zeit die Zürcher Politik wesentlich mitbestimmen sollte und auch darüber hinaus für den mittel- und westeuropäischen Raum von großer Bedeutung war.

Bereits in der zweiten Generation nahmen die Brüder Salomon und Peter (II.) Hirzel, die die beiden Hauptstämme der Zürcher Patrizierfamilie gründeten, hohe Ämter in der oligarchisch strukturierten Stadtrepublik ein. Während des 17. und 18. Jahrhunderts waren die Hirzel dort das am stärksten in den Räten – den damaligen parlamentarischen Gremien – vertretene Geschlecht.

Auffallend viele Nachkommen schlugen die Offizierslaufbahn ein und kommandierten auch außerhalb ihrer Heimat die damals recht zahlreichen Schweizerregimenter.

Ein Ururur-Enkel von Peter (II.) war der Zürcher Stadtarzt und Philanthrop Hans Caspar Hirzel (1725 –1803). Er war das erste Familienmitglied, das sich beruflich der Medizin widmete; darüber hinaus förderte er die Naturwissenschaften und die schöngeistige Literatur, pflog Kontakte zu Dichtern und Gelehrten und versuchte durch eigene Publikationen im Sinne der Aufklärung zu wirken.

Ab dem 18. Jahrhundert finden sich auch vereinzelt Theologen in der Großfamilie. Heinrich Hirzel (1766 –1833), ein Ururururur-Enkel von Salomon Hirzel (s. o.), war Professor für Kirchengeschichte an der Universität Zürich. Drei seiner Söhne wurden in Leipzig ansässig: Heinrich als Pastor, Caspar als Kaufmann und Schweizerischer Generalkonsul, schließlich Salomon (1804 –1877) als Verlagsbuchhändler:

Er gründete dort 1851 den S. Hirzel Verlag. Darüber hinaus machte er sich einen Namen durch das Sammeln von Goetheana (heute in Leipzig) und von seltenen Drucken der deutschen Literatur (heute in Frankfurt/M.).

Als erster Zürcher Hirzel hatte wahrscheinlich der Mineraloge und Hüttenunternehmer Hans Caspar (1792–1851), ein Vetter 3. Grades des Verlegers Salomon, eine intensive Beziehung zu Sachsen geknüpft, denn er hatte 1811/12 an der Bergakademie Freiberg studiert.

Sein Schwiegersohn und zugleich ein Großneffe des Theologen und Goethe-Freundes Johann Caspar Lavater (1741 – 1786) war der Zürcher Apotheker und Standespolitiker Johannes Lavater-Hirzel (1812 – 1888).

Hans Caspars Neffe Heinrich Hirzel (1828 –1908) studierte Chemie in Zürich und Leipzig, wurde hier 1853 Assistent und lehrte von 1865 bis 1891 als außerordentlicher Professor für pharmazeutische Chemie. Zudem gründete er 1868 in Leipzig-Plagwitz eine chemische Fabrik und Petroleumraffinerie, die er allmählich in eine Maschinenfabrik zum Bau chemisch-technischer Anlagen umgestaltete. W. Caesar

Gustav Freytag

Ab dem 1. Januar 1871 gab Salomon Hirzel die Zeitschrift "Im neuen Reich" heraus; sie war als Nachfolger des "Grenzboten", der bedeutendsten Literatur- und Kulturzeitschrift des 19. Jahrhunderts, gedacht. Hauptautor war Gustav Freytag. Der erfolgreichste Schriftsteller des 19. Jahrhunderts ließ auch seine "Gesammelte Werke" in 22 Bänden im S. Hirzel Verlag erscheinen.

Goethe-Bilbiothek Salomon Hirzel war ein großer Sammler. Nach seinem Tod 1877 fiel seine berühmte Goethe-Bibliothek als Vermächtnis und Geschenk der Leipziger Universitätsbibliothek zu.

Hirzel-Autoren

Die Physiknobelpreisträger Werner Heisenberg, Max Planck und Erwin Schrödinger waren Hirzel-Autoren.

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