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DAZ-Interview mit dem Stern-Redakteur: "Die ABDA ist der halsstarrigste Interess

(diz). Der zehnseitige Stern-Bericht "Viel Geld für wenig Leistung Ų Die Schubladenzieher", veröffentlicht in Stern Nr. 46, traf die wunden Seelen vieler Apothekerinnen und Apotheker. Zahlreiche Leserbriefe zeigen die Verletzungen. Sie fühlen sich von diesem Artikel gekränkt und herabgewürdigt. Wir sprachen mit dem Autor des Beitrags, dem Stern-Redakteur Jürgen Steinhoff, warum er die Apotheker und ihre Arbeit so schlecht dargestellt hat.

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Herr Steinhoff, in Ihrem Artikel klingt sehr viel Häme mit, bei den Lesern provozieren Sie Sozialneid – was haben Ihnen die deutschen Apothekerinnen und Apotheker getan, dass Sie sie als Schubladenzieher beschimpfen und ihre Tätigkeit aufs Schubladenziehen reduzieren?

Sicher haben Sie bei Ihrer Recherche auch erfahren, dass ein Apotheker wesentlich mehr macht, z. B. Nacht- und Notdienst, Rezepturen, Gesundheitsaufklärung, Prüfung der ärztlichen Verordnung auf Plausibilität, pharmazeutische Betreuung – und Trost spenden. Und es gibt auch Apotheken, die beraten tatsächlich und sogar hervorragend. Haben Sie keine von diesen Apotheken kennen gelernt?

Steinhoff:

Viele Themen in einer einzigen Frage. Stichwort Häme: Wenn Fakten in einem kritischen Bericht tatsächlich oder vermeintlich falsch sind, landet die Sache vor Gericht. Wenn sie unwiderlegbar stimmen, kommen seifige Begriffe wie "Häme" oder "Polemik", aber keine rechtlichen Konsequenzen. Das ist immer so.

Stichwort Schubladenzieher: Das Ziehen von Schubladen sieht und kennt jeder Kunde. Es ist in Zeiten industriell gefertigter Arzneimittel Apotheken-Alltag. Selbstverständlich ist das Wort "Schubladenzieher" ironisch gemeint.

Wenn ich es aber mit der Wortwahl in hunderten Apotheker-Zuschriften vergleiche, die hier zu meinem Artikel angekommen sind (Kostproben daraus auf den Leserbriefseiten des Stern der nächsten Woche), dann verwundert es schon, dass diese Schreiber und vor allem Schreiberinnen, allesamt Freunde deftig-derber Formulierungen, das stubenreine Wort" "Schubladenzieher" als Beschimpfung empfinden. Viele von ihnen haben in ihren Zuschriften betont, Akademiker mit Staatsexamen zu sein. Ob sie auch bedacht haben, welche Auswirkung ihre Briefe auf die Öffentlichkeit haben?

Stichwort Nacht- und Notdienst: Solchen Dienst machen, ebenfalls bei mieser Bezahlung, dafür aber viel öfter als alle zehn Tage, Millionen andere Menschen auch – Krankenschwestern, Ärzte, Polizisten, Feuerwehrleute, Fernfahrer, Piloten, sogar wir Journalisten. Dass die Apotheker und ihre ABDA eine solche Selbstverständlichkeit immer und immer wieder als herausragendes Merkmal ihrer Aufopferungsbereitschaft herausstellen, darüber können die Millionen anderen Nachtdienstler nur müde lächeln.

Stichwort Rezepturen: Die Bevölkerung lässt sich von diesem Argument beeindrucken, weil sie nicht weiß, welche Bedeutung Rezepturen im Apotheken-Alltag† haben. Erfährt sie es, geht der Stellenwert der Rezepturen dorthin, wo er in der Praxis schon lange ist: gegen Null.

Stichwörter Pharmazeutische Betreuung, Gesundheitsaufklärung in Verbindung mit der Frage, was mir die deutschen Apothekerinnen und Apotheker getan haben: Sie haben mir nichts getan.

Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, habe ich im Laufe meiner nunmehr 60-jährigen Karriere als Apothekenkunde in den Städten Dortmund, Wuppertal, Bonn, Frankfurt, Köln, Düsseldorf und seit über 20 Jahren in Hamburg die Apotheker so erlebt, wie im Stern geschildert: Schublade auf, Schublade zu, schönen Tach noch, fertig – egal, ob es sich um Arzneimittel gegen wirklich schwere Krankheiten gehandelt hat oder um solche gegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit.

Beim Kauf von Aspirin hat mich nie jemand davor gewarnt, der Wirkstoff ASS könne bei zu häufigem Gebrauch die Magenschleimhaut angreifen – ausgenommen ein kurdischer Apotheker während eines kriegsbedingten journalistischen "Notdienstes" im türkisch-irakischen Genzgebiet. Hier in Deutschland werde ich beim Kauf von Aspirin immer nur gefragt, ob es eine große Packung sein darf oder nur eine kleine.

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Sie sprechen in Ihrem Beitrag die in manchen Straßen deutscher Städte anzutreffende hohe Apothekendichte an – in Ihren Augen Grund für Konkurrenzkampf und mehr. In Deutschland gibt es die Niederlassungsfreiheit, die Bundesregierung fördert mit dem GMG den Wettbewerb der Apotheken – letztendlich profitiert doch der Kunde auch von der bequemen Erreichbarkeit der Apotheke. Warum wollen Sie weniger Apotheken?

Steinhoff:

Es ist schön, wenn der Kunde die Apotheke bequem erreichen kann. Nicht mehr schön ist es, wenn er, vertreten durch seine Krankenkasse, sie nicht mehr bezahlen kann. Das ist dann auch für die Apotheker nicht mehr schön.

Eine Arzneimittelversorgung, in der für den Vertrieb der Verordnungen von nur zwei Hausärzten eine komplette Apotheke mit allem vorgeschriebenen Drum und Dran erforderlich sein soll, wird ökonomisch immer untragbarer. Rings um die Apotheken machen seit Jahren Fachgeschäfte reihenweise dicht, weil die Leute die Preise nicht mehr bezahlen können, die Bäcker, Fleischer, Gemüse- oder Fischhändler verlangen müssen, um zu überleben.

Nur die Apotheken stehen wie Felsen in der Brandung. Je länger sie das tun, desto heftiger krachen sie zusammen. Die ABDA ist der halsstarrigste Interessenverband, den ich kenne. Niemand sonst klammert sich derart verbissen an Dinge, die sich – auch für Laien erkennbar – überlebt haben.

Die fünf Säulen, auf denen die Glaubenslehre der ABDA seit Jahrzehnten ruht, knicken nach und nach weg. Die Säule Mehrbesitzverbot ist eingeknickt. Die Säule Versandhandelsverbot ist eingeknickt. Die Säule Fixpreise ist durch die Freigabe der OTC-Preise angeknackst. Die Säule Fremdbesitzverbot steht zwar noch, die Frage ist nur, wie lange. Einzig die Säule Abgabemonopol scheint sicher.

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Kennen Sie die richtigen Zahlen? Das Betriebsergebnis der typischen Apotheke in 2002 beträgt nicht 103 500 Euro, sondern 78 000 Euro vor Steuern. Was ist so schlimm daran, dass auch ein Apotheker Geld verdient, verdienen muss? Warum stehen Ihrer Meinung nach Rabatte nur den Kassen und Endverbrauchern zu? Der Apotheker ist Heilberuf und Kaufmann. Als Kaufmann muss er darauf achten, günstig einzukaufen, Rabatte für Rationalisierungsleistungen zu erhalten. Ist Kaufmann zu sein schon ehrenrührig?

Steinhoff:

Ich kenne die Zahlen. Sie stammen von der ABDA. Auch deren zutreffender Hinweis, dass Apotheken unter einer Million Euro Umsatz am Rande oder, durch Selbstausbeutung, sogar jenseits des Randes der Wirtschaftlichkeit arbeiten. Bei jeder Apotheke, die in Zukunft schließen muss, bleibt für die Überlebenden mehr.

Je rationeller der Vertrieb, desto niedriger die Einkaufspreise – genau wie bei den Brötchen, die im Supermarkt oft halb so teuer sind wie beim Bäcker. Kaufmann zu sein ist nicht ehrenrührig. Kaufmann zu sein und zugleich Heilberufler wird aber um so anrüchiger, je stärker die Interessen des Heilberuflers und die des Kaufmannes im Apotheken-Alltag auseinander driften.

Für mich ist es anrüchig, wenn Apotheker Kinder mit der Auslieferung von Arzneimitteln beauftragen. Für mich ist es anrüchig, wenn sie trotz ihrer pharmazeutischen Ausbildung Schlankheitsmittel nicht nur verkaufen, sondern im Schaufenster bewerben (die in meinem Artikel erwähnte Apothekerin Jutta Rechel hat deshalb solche Mittel gar nicht erst im Sortiment und versucht ihr Glück, meist vergeblich, mit kostenloser Ernährungsberatung).

Für mich ist es anrüchig, wenn ein Apotheker wie Dr. Gregor Huesmann aus Marburg mit seiner Aktion "Scheiß des Monats" bis ins Fernsehen vordringen muss, um seine Berufskollegen vom Verkauf von "Haifischknorpel-Pulver gegen Rhema" oder eines Inhalierstiftes mit dem Werbeversprechen "1 x schnüffeln, 200 Kalorien weg" abzubringen.

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Viele gut und hervorragend arbeitende Apotheker fühlen sich durch den Beitrag in Verruf gebracht. Abgesehen von der Erwähnung von Superapotheken mit First-Class-Beratung zitieren und beschreiben Sie in Ihrem Beitrag nur die "Schwarze-Schafe-Apotheken" (die es zweifelsohne auch gibt) – wäre es da nicht fair gewesen, den Beitrag auch als solchen zu kennzeichnen? Gibt es nicht in jedem Berufsstand Missstände?

Steinhoff:

Zwei dieser gut arbeitenden Apotheker habe ich erwähnt. Weitere gute und achtbare Apotheker habe ich während meiner Recherchen kennengelernt. Es gibt zweifelsohne noch viel mehr davon. Darauf habe ich in dem Artikel hingewiesen. Von diesen Apothekern haben sich einige wenige telefonisch oder schriftlich beschwert.

Trotz ihrer Verbitterung haben sich diese Proteste durch Ernsthaftigkeit und Sachlichkeit von der Masse pöbelnder Schubladenzieher deutlich abgehoben. Diejenigen von ihnen, mit denen ich bereits telefoniert habe, haben eingeräumt, der Artikel sei zutreffend, kranke aber daran, dass die Guten sich behandelt fühlen wie "mitgefangen, mitgehangen".

Mein Beitrag galt zwar den Schubladenziehern. Gleichwohl hätte der Hinweis auf die Guten, auch bei den Kleinapotheken, ausführlicher ausfallen müssen. Dass er zu kurz war, bedaure ich. Den Schubladenziehern aber sage ich: Ein Staatsexamen ist keine Garantie für lebenslange wirtschaftliche Sicherheit. Es gibt längst Akademiker, die ihren Lebensunterhalt mit Taxifahren bestreiten müssen. Ich nehme an, in Zukunft werden auch Schubladenzieher dort anzutreffen sein.

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