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Neuer Doping-Skandal: Ungeahnte Dimensionen

BONN (hb). Ausgerechnet ein renommierter US-Leichtathletik-Trainer hatte der noch jungen amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA Anfang Juni 2003 den Hinweis gegeben, dass bestimmte Athleten ein bislang nicht nachweisbares Steroid verwendeten. Später sandte er der Agentur dann eine Spritze mit der Dopingsubstanz. Don Catlin, der Leiter des IOC-akkreditierten Labors in Los Angeles charakterisierte diese als Tetrahydrogestrinon (THG), ein so genanntes Designer-Steroid.

In der Folge wurde während Meisterschaften und in Trainingskontrollen eine Vielzahl von Dopingproben genommen, mit dem Ergebnis eines offensichtlichen, ungeahnten Massendopings. Mehr als 40 Athleten aus olympischen und verschiedenen anderen Profi-Sportarten wurden am 23. Oktober 2003 von einem Bundesgericht in San Francisco über das Laboratorium befragt, in dem das neue Steroid dem Vernehmen nach entwickelt worden war, das Bay Area Laboratory Co-Operative (BALCO) in Burlingame/Nordkalifornien, das vor allem Nahrungsergänzungsmittel produziert. Zu seinen illustren Kunden gehört unter anderem die amerikanische Sprinterin Kelli White, die bei der Leichtathletik-WM in Paris im August 2003 auf Modafinil positiv getestet worden war.

USA: Entwicklungsland in der Doping-Bekämpfung

In den USA steckt die Doping-Bekämpfung bekanntermaßen noch in den Kinderschuhen. Erlaubt war, was Erfolg brachte. Trainingskontrollen wurden immer wieder auf die lange Bank geschoben. Erst Anfang 2000 wurde mit der Gründung der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) eine Wende in der amerikanischen Antidoping-Politik eingeläutet. Ein wichtiger Meilenstein war die Gründung der unabhängigen nationalen Anti-Doping-Agentur (USADA) vor drei Jahren. Weiterhin katalysiert wurde dieser Prozess durch den Druck, den der neue IOC-Präsident Jacques Rogge und der Chef der WADA Richard Pound auf die USA ausübten. Noch im April 2003 hatte Pound den Amerikanern mit dem "Rauswurf" aus der "olympischen Familie" gedroht, falls das Land nicht konsequenter gegen das Doping vorgehe.

Schmerzliche Einsicht

Diese Haltung hat offenbar Früchte getragen. Ein Novum ist vor allem, dass amerikanische Sportfunktionäre eine Skandalmeldung über Manipulationen im Profisport nicht, wie bislang üblich, blockiert, sondern sogar selbst veröffentlicht haben. So hat der Fall für den Vize-Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Thomas Bach Presseberichten zufolge auch eine "positive" Seite. Dennoch ist ein Doping-Skandal dieses Ausmaßes für die erfolgsverwöhnte US-Leichtathletik zehn Monate vor den Olympischen Spielen eine regelrechte Katastrophe. Sollte sich das positive Ergebnis aus den A-Proben nach der Untersuchung der B-Proben im Dezember bestätigen, so müsste das für die "Sünder" eine zweijährige Sperre zur Folge haben, das heißt, einige Publikumsmagneten werden möglicherweise in Athen nicht dabei sein.

Auch in Deutschland wird nachuntersucht

Die Großfahndung nach den Doping-Sündern bleibt nicht auf die USA beschränkt. Einem Appell der WADA folgend, ist auch Deutschlands Anti-Doping-Agentur (NADA) in Nachuntersuchungen gelagerter Doping-Proben eingestiegen. Prof. Dr. Wilhelm Schänzer, Leiter eines der beiden deutschen IOC-akkreditierten Anti-Doping-Labors, des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln, bestätigte am 21. Oktober, dass er hierzu "grünes Licht" bekommen habe. Mindestens 400 Proben sollen nun in Köln erneut untersucht werden, möglicherweise sogar bis zu 1000, und zwar schwerpunktmäßig von Sportlern aus den Kraftsportarten. Eine Analyse kostet 100 bis 150 Euro, hochgerechnet auf die Gesamtzahl der Proben keine unwesentliche Summe. Technisch gibt es offenbar keine Probleme, denn laut Schänzer stehen sowohl die Methode als auch die Referenzsubstanz zur Verfügung.

Nur halbherzige Unterstützung für die WADA

Am 1. Januar 2004 wird im Übrigen die neue Doping-Verbotsliste der WADA in Kraft treten (siehe hierzu nebenstehenden Kasten). Insgesamt hat es die junge Vorzeige-Institution des internationalen Sports nicht leicht. Die schlechte Zahlungsmoral einiger Länder sorgt bereits in einem frühen Stadium ihrer Existenz für Finanznöte. Einer Mitteilung zufolge haben bisher erst 63 Prozent der Beitragzahler ihren Anteil am WADA-Etat überwiesen. So wird es der Agentur schwer gemacht, ihre Ziele für die nahe Zukunft zu verwirklichen, darunter die Entwicklung wirkungsvoller Tests zur Erkennung von Blutdoping sowie der unerlaubten Einnahme von anabolen Steroiden und Wachstumshormonen.

Ausgerechnet ein renommierter US-Leichtathletik-Trainer hatte der noch jungen amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA Anfang Juni 2003 den Hinweis gegeben, dass bestimmte Athleten ein bislang nicht nachweisbares Steroid verwendeten. Später sandte er der Agentur dann eine Spritze mit der Dopingsubstanz. Don Catlin, der Leiter des IOC- akkreditierten Labors in Los Angeles charakterisierte diese als Tetrahydrogestrinon (THG), ein so genanntes Designer-Steroid.

Was ist THG?

Tetrahydrogestrinon ist ein so genanntes "Designer"-Steroid, das offenbar eigens zum Zweck der Leistungssteigerung im Sport entwickelt wurde. So wähnten sich die Athleten sicher vor Entdeckung. Berichten zufolge träufelten die Sportler einige Tropfen des öligen Steroids unter ihre Zunge, von wo es sich schnell im Körper verbreiten sollte. Die Wirksamkeit soll sich über Monate erstrecken.

Tetrahydrogestrinon (THG) ähnelt in seiner chemischen Struktur den Anabolika Gestrinon und Trenbolon. Gestrinon steht auf der Doping-Verbotsliste. Da THG sich hiervon jedoch nur durch die Einführung von vier Wasserstoff-Atomen unterscheidet, bleibt die Grundstruktur erhalten, das heißt, es gehört zu den so genannten "verwandten Verbindungen" und ist damit ebenfalls verboten. Die anabole Wirkung von Trenbolon, das in den USA in der Tiermast eingesetzt wird, soll zehn- bis fünfzehnmal stärker sein als die von Testosteron.

Spektakulär und besorgniserregend ist die Einnahme von THG vor allem deswegen, weil die Athleten sich hiermit bewusst unabwägbaren Risiken für ihre Gesundheit aussetzen. Die Substanz ist nach dem derzeitigen Stand des Wissens weder toxikologisch noch klinisch untersucht.

Was der Apotheker über Doping wissen sollte

Findet er komprimiert dargestellt in dem Buch "Doping im Sport", die im vergangenen Jahr in der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart erschienen ist. Das Buch beschreibt die pharmakologischen Eigenschaften von Dopingmitteln, und deren Risiken. Auch auf zum Teil fragwürdige Nahrungsergänzungsmittel wird eingegangen. Neben den gesundheitlichen Aspekten des Dopings findet der Leser allerlei Wissenswertes zum Doping im Spitzen- und im Breitensport, zur Bekämpfung des Dopings auf nationaler und internationaler Ebene, zu Doping-Listen und last not least zu den Pflichten und Verantwortlichkeiten von Apothekern und Ärzten auf diesem Gebiet.

Neue WADA Verbotsliste 2004

Am 3. Oktober 2003 veröffentlichte die Welt Anti Doping Agentur die neue, ab dem kommenden Jahr geltende Doping-Verbotsliste. Hier finden sich folgende Änderungen gegenüber der Vorgänger-Liste:

Stimulanzien

  • Coffein, Phenylpropanolamin und Pseudoephedrin werden von der Liste genommen.
  • Namentlich werden folgende Substanzen neu aufgeführt: Adrafinil, Amphetaminil, Benzphetamin, Dimethylamphetamin, Furfenorex, Methylamphetamin und Modafinil.

    Narkotika

  • Folgende Substanzen werden namentlich auf die Liste gesetzt: Hydrocodon, Oxycodon und Oxymorphon. Der bisherige Zusatz "und verwandte Verbindungen" wurde gestrichen.

    Anabole Wirkstoffe

  • Anabole androgene Steroide: Die folgenden Steroide wurden namentlich neu aufgenommen: Boldion, 1-Androsten-3,17-dion, 4-Hydroxy-19-nortestosteron, 4-Hydroxytestosteron, Mestanolon, Oxabolon, Quinbolon, Stenbolon und 1-Testosteron.
  • Andere anabole Wirkstoffe: Zeranol wurde neu aufgenommen.

    Lokalanästhetika

  • Die Gruppe, die bisher unter der Gruppe "eingeschränkt zugelassene Wirkstoffe" aufgeführt war, wird vollständig von der Liste genommen.

    Der komplette Abdruck der neuen Doping-Verbotsliste erfolgt in einer der nächsten Ausgaben der DAZ.

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