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Jetzt haben wir es quasi amtlich: Die neue Reform hat alle parlamentarischen Hürden genommen, nachdem nun auch der Bundesrat am 17. Oktober dem Gesetz von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt zugestimmt hat. Wie wird die Entwicklung mit dem "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" (GMG) ablaufen? Am ersten Januar 2004 tritt das Gesetz in Kraft, und am zweiten Januar schießen Miniketten aus dem Boden, weil Apothekenleiter künftig bis zu vier Offizinen besitzen dürfen?

Dass es so schnell geht, ist wohl unwahrscheinlich. Aber es scheint ein Stein ins Rollen gebracht zu sein, was unter anderem die vielen Gespräche, die Apothekeninhaber mit ihren Steuerberatern führen, belegen. Für den einen oder die andere könnte strategisch der Erwerb von weiteren Offizinen interessant sein, falls das finanziell zu stemmen ist, etwa bei unterschiedlichen Strukturen der Apotheken (hoher oder niedriger Anteil am Umsatz mit Rezepten der gesetzlichen Krankenversicherung beispielsweise).

Und es tut sich landauf, landab vieles in Sachen Kooperation, Sie werden derzeit ja fast überschüttet mit Angeboten etwa von pharmazeutischen Großhändlern. Ob schon zu Beginn des nächsten Jahres ein Leiter als Einzelkämpfer zur Minderheit gehört, wage ich zu bezweifeln. Aber es ist einiges in Bewegung, denn die Grundidee, professionelle Partner – mehr als bisher – für die betriebswirtschaftliche Säule hinzuzuziehen, um Zeit und Raum für die pharmazeutische Tätigkeit zu haben, hat Charme. Großhändler betonen zum Teil, dass ihr jeweiliges Modell auch auf den Versandhandel übertragen werden könnte, der nächste brisante Punkt im GMG. Auch hier ist noch völlig unklar, wohin die Reise geht – ebenso wie mit den neuen Versorgungsformen und der integrierten Versorgung. Wir halten Sie wie gewohnt auf dem Laufenden.

Von der Fülle an Maßnahmen, die uns das GMG bringt, wird Sie am HV-Tisch neben den genannten Strukturveränderungen die Ausgliederung rezeptfreier Arzneimittel aus der Kassenerstattung (bei definierten Ausnahmen) schwer beschäftigen. Patienten sollen sich künftig alle OTC-Präparate selbst kaufen. Das ist verbunden mit einer Freigabe der Preise. Hier ist größte Vorsicht angebracht. Es kann betriebswirtschaftlich eigentlich nur eine Entwicklung geben, Preise nach oben oder zumindest stabil halten. OTC wird ein noch wichtigeres Standbein in Ihrer Offizin, im Übrigen eine Folge des neuen Kombimodells zur künftigen Honorierung. Preiskämpfe in diesem Segment werden Apotheken nicht aushalten, sie wären ein Ruin für viele. Dass Apotheken in umkämpften (Innenstadt)-Einkaufszeilen mit großer Konkurrenz es hier womöglich schwerer haben als diejenigen in Wohngebieten mit viel Stammkundschaft – und etwas weniger direktem Wettbewerb – liegt auf der Hand. Ganz abgesehen von der reinen wirtschaftlichen Sichtweise, sollten Sie als Pharmazeut Preissenkungen grundsätzlich überdenken – und ablehnen, letztlich beschädigen alle Rabattaktionen das Bild des Medikaments als besondere Ware, das Arzneimittel wird dadurch über kurz oder lang zum gewöhnlichen Konsumartikel wie Brot oder Brötchen herabgestuft. Das kann es nicht sein. Patienten und Verbraucher, die ja empfänglich dafür sind, ihrem Körper etwas Gutes zu tun, dürfte ein Präparat den entsprechenden Preis wert sein.

Da passt es natürlich nicht, dass einige gesetzliche Krankenkassen laut die freie Preisbildung bei OTC feiern. So machen zum Beispiel die Betriebskrankenkassen verstärkt den Verbraucher auf den Wettbewerb hier aufmerksam und ermuntern zum Run auf kleine Preise. Auch die Bundesgesundheitsministerin haut in diese Kerbe! Patienten sollen etwa die Preise von Kopfschmerztabletten oder Hustensäften vergleichen. Das ist kaum zu glauben. Was sollen Kranke noch? Auf Schnäppchen und Ramschaktionen schielen, Hamsterkäufe tätigen und Arzneimittel schlucken nach dem Motto "Viel hilft viel"?

Es ist schlimm, wenn noch nicht einmal die Bundesgesundheitsministerin die Bürger für den sorgfältigen Umgang mit Arzneimitteln sensibilisiert. Sie sollte es tun. Auch die Kassen müssen hier mehr Verantwortungsbewusstsein zeigen. Im Interesse ihrer Versicherten. Noch ist Zeit, bis zum Januar die öffentlichen Reden und Informationen zu nicht-verschreibungspflichtigen Arzneimitteln und ihren Preisen umzuschreiben.

Susanne Imhoff-Hasse

OTC-Preise halten!

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