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Jahrbuch Sucht 2003: Legale Süchte ganz vorn

BERLIN (ks). Die Abhängigkeit und der Missbrauch von Suchtmitteln pendeln sich auf hohem Niveau ein. Vor allem legale Drogen prägen das Suchtgeschehen in Deutschland: Nach vorsichtigen Schätzungen sind hierzulande 6,8 Mio. Menschen abhängig von Tabak und 1,6 Mio. alkoholabhängig. Weitere 1,4 bis 1,5 Mio. Menschen sind abhängig von der Einnahme von Medikamenten. Allein der Missbrauch von Tabak und Alkohol führt in Deutschland jedes Jahr zu über 200 000 frühzeitigen Todesfällen. Die Zahl der "klassischen" Drogentoten ist 2001 hingegen auf ca. 1500 zurückgegangen. Diese und eine Vielzahl weiterer Zahlen, Daten und Fakten finden sich im neuen "Jahrbuch Sucht 2003", das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e. V. (DHS) am 17. Januar in Berlin vorgestellt hat.

Insgesamt 152,8 Liter alkoholische Getränke konsumierte – statistisch gesehen – jeder Deutsche im Jahr 2001: 123,1 Liter Bier, 23,9 Liter Wein und Sekt und 5,8 Liter Spirituosen. Die DHS geht davon aus, dass rund 9 Mio. Menschen in Deutschland Alkohol in riskanter Weise und Menge zu sich nehmen, erklärte der Vorsitzender der DHS, Prof. Dr. Jobst Böning.

Die Folgen sind bekannt: Der Missbrauch von Alkohol birgt ein erhöhtes Risiko für Unfälle, Verletzungen sowie einer Reihe von Erkrankungen. Dennoch ist in den letzten Jahren kein nennenswerter Rückgang im Konsum festzustellen.

Auch beim Zigarettenrauchen ist – aller Gefahrenwarnungen zum Trotz – ein leichter Aufwärtstrend erkennbar: 2000 lag die Anzahl (versteuert) verkaufter Zigaretten bei 139,6 Mrd., im Jahr 2001 bei 142,5 Mrd. und im vergangenen Jahr bei 145,1 Mrd. Stück.

Böning forderte, diesen Trends mit massiver Öffentlichkeitsarbeit und suchtmittelunabhängiger Prävention entgegenzuwirken. Ziel sei, einerseits den Einstieg in den Konsum zu verhindern oder herauszuschieben, andererseits den Konsum zu reduzieren, so der DHS-Vorsitzende.

Arzneimittelsucht: Glaeske fordert "Aufstand der Experten"

Dem Thema Arzneimittelabhängigkeit nahm sich der Pharmakologe Prof. Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik an der Universität Bremen an. Auch bei der zumeist verdeckten "Rezeptsucht" habe es 2001 wenig Veränderungen gegeben, erläuterte Glaeske.

Etwa 6 bis 8 Prozent der in Deutschland verkauften Arzneimittel haben ein bekanntes Sucht- oder Missbrauchspotenzial, allen voran jene mit Wirkstoffen aus der Familie der Benzodiazepine. Zweifellos seien Benzodiazepine in der Arzneimitteltherapie unverzichtbar – es müsse jedoch darauf geachtet werden, dass sie nicht über einen zu langen Zeitraum eingenommen werden.

Glaeske forderte Ärzte und Apotheker auf, das Missbrauchspotenzial immer wieder zu berücksichtigen, wenn derartige Mittel abgegeben werden. Derzeit seien allein von Benzodiazepinen rund 1,1 Mio. Menschen abhängig.

Auch bei codeinhaltigen Medikamenten sowie Analgetika mit Coffein und hochprozentigen Melissengeisten, Erkältungssäften oder Stärkungsmitteln sei eine Gewöhnung nicht auszuschließen. Anders als bei alkoholischen Getränken bekämen Patienten Arzneimittel in der Regel nur über Experten – Ärzte und Apotheker. Es sei daher besonders notwendig, dass sich diese Experten engagierten, das Problem der Arzneimittelabhängigkeit in Deutschland zu verringern.

Regierung setzt auf Prävention und frühe Intervention

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk (SPD), erklärte anlässlich der Vorstellung des Jahrbuchs, sie werde sich weiterhin für "Prävention auf höchstem Niveau" einsetzen. Abhängigkeiten dürften gar nicht erst entstehen. Zudem müssten beginnende Abhängigkeiten frühzeitig erkannt werden, um sie nachhaltig und wirksam zu behandeln, so die Drogenbeauftragte. So werde z. B. in diesem Jahr ein Modellprojekt zum exzessiven Trinken bei Jugendlichen starten, welches Hilfsprogramme für Betroffene entwickeln soll.

Kastentext Jahrbruch Sucht

Das "Jahrbuch Sucht 2003" ist im Neuland-Verlag erschienen und kann über die Buchhandlung des Deutschen Apotheker Verlags, Postfach 10 10 61, 70009 Stuttgart, E-Mail: Service@Deutscher-Apotheker-Verlag.de, freecall-Nummer: 08 00 29 90 000, bezogen werden.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie im Internet unter www.dhs.de oder www.ausweg.de.

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