Kongress

W. CaesarArgumente für Phytopharmaka – Berich

Der 51. Jahreskongress der Gesellschaft für Arzneipflanzenforschung (GA), der vom 31. August bis 4. September 2003 in Kiel stattfand, stand unter dem Motto "Fascination Ų Facts Ų Future". Prof. Dr. Wolfgang Blaschek und Prof. Dr. Susanne Alban vom Pharmazeutischen Institut der Universität Kiel hatten ein umfangreiches und vielseitiges Programm über die verschiedensten Aspekte im Zusammenhang mit Arzneipflanzen und Phytopharmaka zusammengestellt. Geboten wurden sieben Plenarvorträge, etwa 50 Kurzvorträge, sieben Workshops und eine Ausstellung von etwa 300 Postern. Neben dem wissenschaftlichen Programm kamen aber auch die Probleme im Zusammenhang mit dem GKV-Modernisierungsgesetz und den regulatorischen Änderungen der Phytopharmaka auf europäischer Ebene zur Sprache. Insgesamt nahmen etwa 450 Personen aus über 40 Ländern am Kongress teil.

Pflanzenstoffe mit außergewöhnlicher Struktur

Prof. Dr. Rudolf Bauer, Graz, eröffnete den Kongress in seiner Eigenschaft als GA-Präsident und zeichnete Priv.-Doz. Dr. Jörg Heilmann, ETH Zürich, mit dem Egon Stahl-Preis in Silber aus. Der Preisträger gab darauf einen Einblick in seine Forschungsrichtung der "transdisziplinären molekularen Pharmakognosie", wobei er zwei Schwerpunkte setzte: neue bioaktive Inhaltsstoffe einiger außereuropäischer Pflanzen und moderne Testsysteme für das Screening nach bioaktiven Inhaltsstoffen in Pflanzen.

Heilmann isolierte und charakterisierte einige bislang unbekannte pflanzliche Substanzen mit außergewöhnlicher chemischer Struktur:

  • Aculeatine, das sind Dioxa-dispiro-ketale, die mehrere Asymmetriezentren aufweisen (und deshalb für die synthetische Herstellung problematisch wären; s. Formel). Heilmann isolierte sie aus Extrakten von Amomum aculeatum (Zingiberaceae).

    Er hat ihre Wirkung auf 60 Tumorzelltypen getestet; dabei erwiesen sie sich überwiegend als sehr toxisch, bei einigen Zelltypen allerdings nur als sehr schwach toxisch. Solche Unterschiede in der Toxizität sind eine wichtige Voraussetzung dafür, einen Wirkstoff weiter zu testen und gegebenenfalls partialsynthetisch abzuwandeln, um das Produkt für eine gezielte Therapie einsetzen zu können.

  • Chromansäure-Derivate mit einem Cyclobutanring, isoliert aus Calophyllum brasiliense (Clusiaceae syn. Guttiferae), einem Gehölz, dessen aus der verletzten Rinde austretender Milchsaft in Mexiko volksmedizinisch zur Behandlung von Wunden verwendet wird.

    Die Chromansäure-Derivate wirken antibakteriell und sind nicht zytotoxisch. Da sie nur in sehr geringen Konzentrationen in der Pflanze vorkommen, käme für die kommerzielle Nutzung allerdings nur eine synthetische oder halbsynthetische Herstellung in Frage. Derzeit scheinen sie vor allem als Leitstrukturen für die Entwicklung neuer Antibiotika interessant zu sein.

  • Ajugasalicioside, das sind Steroidglykoside aus Ajuga salicifolia (Lamiaceae), deren Cyclopentan- und Furanringe zusätzlich durch zwei Epoxidationen mit einander verbunden sind; sie wirken z. T. spezifisch gegen Leukämiezellen.

    Screening in real time

    In seiner Züricher Arbeitsgruppe etablierte Heilmann auch einen neuen Bioassay, mit dem z. B. die Aktivität von Substanzen auf die Biosynthese bestimmter Proteine in Zelllinien direkt verfolgt und quantifiziert werden kann.

    Während die Versuche laufen ("real time"), können die Wirkstoffkonzentrationen permanent variiert und die jeweiligen Auswirkungen auf die Genexpression direkt gemessen werden; zugleich kann dosis- oder zeitabhängig die Zytotoxizität definiert werden.

    Heilmann testete an Hand der mRNA-Menge die Transkriptionsrate von gut zwanzig Genen, insbesondere von solchen, deren Syntheseprodukte bei Entzündungsprozessen eine Rolle spielen; im Prinzip kann der Bioassay jedoch die Expression von beliebig vielen Genen testen.

    Einige von Heilmanns Ergebnissen waren:

    • Capsaicin, ein Wirkstoff der Früchte des Cayennepfeffers (Chilis), deren Extrakte in antiinflammatorischen Phytopharmaka enthalten sind, senkt spezifisch die Expression proinflammatorischer Zytokine; dabei wirkt es nicht zytotoxisch.
    • Hypericin, ein Wirkstoff im Johanniskraut, senkt unspezifisch die Expression aller untersuchten Gene und wirkt bei längerer Exposition zytotoxisch.
    • Die antiinflammatorischen Effekte der Arnikablüten beruhen auf den Helenalinen (Sesquiterpenlactone), nicht jedoch auf den strukturverwandten Chamissonoliden.

    Pflanzliche Phenole ohne antioxidativen Effekt?

    Nahrungsbestandteile, die ernährungsphysiologisch als besonders wertvoll gelten, waren ein in mehreren Referaten abgehandeltes Hauptthema der GA-Tagung.

    Eine aktuelle, allseits anerkannte Empfehlung der Ernährungsexperten lautet, dass man möglichst fünfmal täglich frisches Obst oder Gemüse essen sollte, hauptsächlich wegen der darin enthaltenen (poly-)phenolischen Substanzen; dazu zählen insbesondere Hydroxyzimtsäurederivate, Flavonoide, Tannine und Anthocyane.

    Sie fungieren als Radikalfänger, wie in zahlreichen In-vitro-Studien belegt worden ist. Da reaktive Sauerstoffspezies als Mitverursacher chronischer Erkrankungen von Krebs bis rheumatoide Arthritis gelten, sollen die Radikalfänger den Menschen auch vor diesen Erkrankungen schützen – soweit die Theorie.

    Prof. Dr. Mike Clifford, Universität Surrey in Guildford (England), zog die Relevanz der In-vitro-Studien in Frage, da sich im menschlichen Plasma selbst nach obst- und gemüsereicher Ernährung nur wenige pflanzliche Polyphenole nachweisen lassen, und dies auch nur in geringen Mengen.

    Es handelt sich um Flavanole und Isoflavone sowie um Anthocyane; dagegen fehlen im Plasma Flavonole und Flavonoidglykoside jedweder Struktur. Stattdessen dominieren im Plasma die "tierischen" Phenole Hydroxyphenyllactat und -pyruvat sowie Tyrosin, die teilweise aus tierischer Nahrung stammen, teilweise aus pflanzlichen (Poly-)Phenolen gebildet wurden.

    Von den ca. 500 mg Flavonoid-Aglyka, die ein gesundheitsbewusster Mensch täglich aufnimmt, werden nur 5 bis 10% im Dünndarm resorbiert, und von dieser geringen Menge wiederum über 90% zu "tierischen" Phenolen abgebaut. Wirkt sich das auf die antioxidative Kapazität des Plasmas aus?

    Laut Clifford wurden 33 kontrollierte In-vivo-Studien zur Veränderung des Plasma-Antioxidans-Status nach (poly-)phenolreicher Kost durchgeführt: Zwölf Studien zeigten keinen Unterschied zwischen Verum und Kontrolle, 21 zeigten unter Verum eine leichte Verbesserung des Status, die aber bei weitem nicht mit dem Effekt einer geringen Dosis Vitamin C vergleichbar ist. Clifford resümierte deshalb, dass pflanzliche (Poly-)Phenole keine Rolle als Antioxidanzien spielen.

    Schutz vor HKE und Diabetes

    Daraus folgt allerdings nicht, dass die aktuellen Empfehlungen der Ernährungsexperten unsinnig sind. Denn klinische Studien haben einwandfrei gezeigt, dass eine gemüse- und obstreiche Ernährung das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (HKE) und Diabetes Typ 2 senkt; diese Effekte beruhen jedoch nicht auf der Verringerung von oxidativem Stress durch Radikalfänger, sondern auf anderen Mechanismen, deren Erforschung teilweise erst begonnen hat.

    Im Fall von Diabetes ist entscheidend, dass Obst und Gemüse einen geringen glykämischen Index aufweisen, also den postprandialen Anstieg des Blutglucosespiegels abschwächen.

    Für das Dihydroxychalcon-glucosid Phloridzin, das in vielen Obst- und Gemüsesäften, in Kaffee und gebratenen Zwiebeln enthalten ist, kann der Effekt auf molekularer Ebene erklärt werden: Phloridzin bindet an den Na+-Glucose-Cotransporter SGLT-1 und behindert damit die Glucoseresorption.

    Ungesättigte Fettsäuren: breites Wirkungsspektrum

    Prof. Dr. Werner Richter, Institut für Fettstoffwechsel und Hämorheologie in Windach, referierte den aktuellen Wissensstand zum gesundheitsprotektiven Nutzen langkettiger, mehrfach ungesättigter Fettsäuren (PUFA), insbesondere der Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA), Docosahexaensäure (DHA) und α-Linolensäure sowie der Omega-6-Fettsäuren Linolsäure und di-homo-γ-Linolensäure.

    Die Thematik wird intensiv erforscht, seitdem die Zutphen-Studie (1985) gezeigt hatte, dass mit zunehmendem Fischkonsum das Risiko, an den Folgen einer Koronaren Herzkrankheit (KHK) zu sterben, sinkt; für den Effekt wurden die im Fischöl besonders reichlich vorhandenen PUFA verantwortlich gemacht, die bald darauf auch in Arznei- und Nahrungsergänzungsmitteln angeboten wurden.

    Mehrere nachfolgende Studien bestätigten einerseits das Ergebnis der Zutphen-Studie, zeigten aber andererseits, dass eine PUFA-reiche Kost das Risiko nicht-tödlicher KHK-Ereignisse nicht beeinflusst. Eine PUFA-reiche Kost bewahrt einen Patienten also nicht vor einem Herzinfarkt, mildert aber dessen Ausmaß.

    Was den Wirkmechanismus der PUFA betrifft, so dürften zwei Effekte entscheidend sein, die differenziert auftreten:

    • ω-3-Fettsäuren senken den Triglyceridspiegel,
    • Linolsäure senkt den LDL-Cholesterolspiegel.

    Erst vor wenigen Jahren wurden positive klinische Effekte von PUFA auch bei anderen Erkrankungen offenbar: So verringerte in zwei Vergleichsstudien eine gesteigerte Aufnahme von PUFA oder speziell Linolsäure das Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, um 48 bzw. 37%.

    Dafür sind nach gegenwärtigem Wissensstand zwei Wirkmechanismen verantwortlich:

    • Linolsäure bindet an spezifische Rezeptoren an der Zunge und im Dünndarm, die darauf ein Sättigungssignal ans Hirn senden. Wer schneller satt ist und deshalb weniger isst, verringert sein Risiko für das metabolische Syndrom und Diabetes Typ 2.
    • Linolsäure bindet im Zellkern an den Transkriptionsfaktor PPAR-g und erhöht über dessen Stimulierung die Insulinsensitivität (dies ist übrigens auch das Wirkprinzip der Glitazone).

    Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Fettsäurenzusammensetzung der Nahrung und der Inzidenz von Tumorerkrankungen konnte in mehreren klinischen Studien nicht festgestellt werden, obwohl tierpharmakologische Studien entsprechende Anhaltspunkte gaben. Andererseits konnte der Verdacht, dass eine erhöhte Aufnahme von Linolsäure das Risiko für Asthma bronchiale erhöht, nicht bestätigt werden.

    Die Lipidforschung konzentriert sich derzeit auf die Fähigkeit verschiedener PUFA, die Genregulation zu modulieren – die Stimulation des PPAR-g durch Linolsäure ist nur ein Beispiel von vielen. Aus diesbezüglichen Erkenntnissen dürften sich in Zukunft konkrete Empfehlungen zur gesunden Ernährung ableiten lassen.

    Auch Polysaccharide sind bioaktiv

    Nach den pflanzlichen Phenolen und den Fettsäuren thematisierte Prof. Dr. Antony Bacic, Zentrum für Pflanzenzellbiologie der Universität Melbourne, mit den Arabinogalaktanen (AG) eine weitere im Pflanzenreich weit verbreitete Stoffgruppe mit therapeutischem Potenzial.

    Es handelt sich um Polysaccharide, die insbesondere in der Zellwand und der Plasmamembran vorkommen und hier als Bausteine dienen. Verbindungen von Arabinogalaktanen mit Proteinen (AGP), die zu den Proteoglykanen zählen, spielen in der interzellulären Kommunikation der Pflanze sowie bei Wachstums- und Differenzierungsprozessen eine große Rolle.

    In der Pharmazie und Lebensmittelchemie wurden AG und AGP schon früh wegen ihrer adhäsiven und wasserbindenden Eigenschaften geschätzt; ein altbekanntes Proteoglykan ist Gummi arabicum, das Exsudat verschiedener Akazienarten. Seit einiger Zeit werden auch ihre bioaktiven Effekte wie Immunmodulation, Antikanzerogenität und Ulzeroprotektion erforscht.

    Dabei fiel zuerst auf, dass AG aus vielen Pflanzenarten – z. B. aus Angelica – überhaupt nicht bioaktiv sind. Der nächste logische Schritt, die Eigenschaften der AG nicht über ihren Produzenten (die Pflanze), sondern über ihre chemische Struktur zu definieren, ist noch nicht vollendet.

    Einstweilen zeigte sich, dass die Bioaktivität des jeweiligen Moleküls – wie bei vielen anderen Polysacchariden auch – hauptsächlich von seiner dreidimensionalen Struktur und weniger von seinen Zuckerbausteinen abhängt.

    AG und AGP stimulieren in vitro die Zellen die angeboren Immunsystems, allerdings ist zweifelhaft, ob sie nach peroraler Aufnahme resorbiert werden, um wirksam werden zu können. Entsprechende Arzneimittel, die sich in der Entwicklung befinden, sind demnach nur zur parenteralen Applikation bestimmt. Derzeit befinden sich mehrere Substanzen für unterschiedliche Indikationen in der klinischen Prüfung, so z. B. Bimosiamose gegen allergisches Asthma.

    Monoklonale Antikörper durch Molecular Farming

    Der gentechnologischen Herstellung von Arzneimitteln waren zwei Plenarvorträge gewidmet. Dr. Stefan Schillberg, Institut für Mikrobiologie der RWTH Aachen, befasste sich mit dem "Molecular Farming" (auch: "Pharming"), der Produktion von rekombinanten monoklonalen Antikörpern in gentechnisch veränderten Pflanzen oder Pflanzenzellen.

    Die Geschichte der monoklonalen Antikörper, die 1995 auf den Markt kamen und aufgrund ihrer Eigenschaft, bestimmte Antigene spezifisch zu binden, ein großes Einsatzgebiet in Diagnostik und Therapie haben, ist eine außergewöhnliche Erfolgsstory. Nach der Startphase gab es jährliche durchschnittliche Wachstumsraten von etwa 40%.

    Für dieses Jahr wird der Umsatz auf 4,7 Mrd. US $ geschätzt, für 2010 werden 24 Mrd. US $ erwartet. Allerdings sind die Produktionskosten immer noch sehr hoch. Als Alternative für die bislang übliche Produktion in transgenen Tieren bzw. Säugetier-Zelllinien bieten sich transgene Pflanzen wegen folgender Vorteile an:

    • Die Investitionskosten sind gering.
    • Die Pflanzenzelle "arbeit" (exprimiert) schneller als die Tierzelle.
    • Die Produktionskosten liegen unterhalb von 5 US $ pro Gramm.
    • Es besteht keine Gefahr, dass das Produkt mit Krankheitserregern kontaminiert ist.

    Bei der Auswahl der Pflanzen – es kommen nur alte Kulturpflanzen in Frage – spielen die Produktivität und die Lagerfähigkeit eine große Rolle. Beispielsweise bringt die Tomate sehr viel Biomasse pro Hektar, muss aber bei –20 °C gelagert werden. Hingegen bringt Reis nur etwa ein Zehntel der Ernte, ist aber bei Raumtemperatur lagerfähig, wobei die rekombinanten Antikörper in den Reiskörnern mindestens zwei Jahre lang stabil sind.

    Neben transgenen Pflanzen, die landwirtschaftlich angebaut werden, kommen auch pflanzliche Zellkulturen in Frage. Egal, ob auf dem Acker oder im Fermenter produziert – die monoklonalen Antikörper, die sich innerhalb der Pflanzenzelle vor allem im endoplasmatischen Retikulum, aber auch in der Plasmamembran anreichern, müssen aus dem Pflanzenmaterial isoliert werden, was eine recht aufwändige Prozedur ist.

    Bei den gegenwärtig angewendeten Verfahren machen die Reinigungskosten etwa 80 bis 90% der gesamten Produktionskosten aus. Zurzeit werden mehrere monoklonale Antikörper, die aus gentechnisch veränderten Pflanzen (-zellen) gewonnen werden, klinisch geprüft.

    In Phase II befinden sich z. B.

    • anti-EpCAM, ein Antikörper des "epithelial cell adhesion molecule", bei Patienten mit Kolonkarzinom,
    • Guy's 13, ein Antikörper gegen das Bakterium Streptococcus mutans, dem wichtigsten Erreger der Zahnkaries.

    Essbare Impfstoffe

    Neben monoklonalen Antikörpern können in gentechnisch veränderten Pflanzen(-zellen) u. a. auch Enzyme, Hormone, Interleukine und Impfstoffe produziert werden. Über den Stand der Entwicklung von Impfstoffen, also von rekombinanten Antigenen, berichtete Dr. Dieter Glebe, Institut für medizinische Virologie der Universität Gießen. Dabei konzentrierte er sich auf die durch Viren verursachte Hepatitis B.

    Mehr als 350 Mio. Menschen, mehr als 5% der Weltbevölkerung, sind Träger des Hepatitis-B-Virus (HBV), das außer dem Menschen nur noch einige andere Primaten befällt. An Hepatitis B sterben jährlich etwa 1 Mio. Menschen. Außerdem ist diese Art der Leberentzündung die Ursache von 80% der Fälle von Leberkarzinom.

    Seit 1982 steht das kleine HBV-Oberflächenantigen (HBsAg) als Impfstoff zur Verfügung, das in gentechnisch veränderten Hefezellen hergestellt wird, aber immer noch recht teuer ist (50 7 pro Dosis, drei Injektionen erforderlich). Auch hier bietet sich die Produktion in Pflanzen als preiswerte Alternative an.

    Vorteile sind:

    • Das HBsAg braucht – anders als die monoklonalen Antikörper – nicht aus der Pflanze isoliert zu werden, denn es wird mitsamt dem Pflanzenteil verzehrt und auf diese Weise appliziert. Denn das Antigen ist so stabil, dass es den Angriff der meisten Proteasen im Magen unbeschadet übersteht; danach wird es aus dem Dünndarm resorbiert.
    • Neben den reinen Produktionskosten verringert die Applikation mit der Nahrung anstelle der bisher üblichen intramuskulären Injektion die Therapiekosten nochmals erheblich (bei Hefe-produziertem HBsAg führt die orale Applikation nicht zum Erfolg).
    • Im Gegensatz zu konventionellen Impfstoffen entfällt bei essbaren Impfstoffen die Notwendigkeit, sie kühl zu lagern.

    Als Vektor zum Transport des HBsAg-Gens in die Pflanzenzelle dient das Ti-Plasmid von Agrobacterium tumefaciens; diese Technik ist preiswert und sicher. Während andere Forscher die Banane als idealen Impfstoffproduzenten und -träger ansehen, bevorzugt Glebe die Karotte, weil sie ebenfalls roh verzehrt werden kann (Erhitzen würde das Antigen zerstören) und weil sie außerdem noch ohne besondere Umstände transportierbar und gut lagerfähig ist.

    Misteltherapie – mehr als ein Mythos

    Mit der Absicht, die Misteltherapie aus ihrer magisch-mythischen Ecke zu holen, berichtete Priv.-Doz. Dr. Arndt Büssing, Universität Witten/Herdecke, über aktuelle pharmakologische und klinische Studien zur Wirkung und Wirksamkeit von Extrakten aus Viscum album.

    Bereits seit den 1920erjahren werden Mistelextrakte aufgrund einer Empfehlung des Anthroposophen Rudolf Steiner in der Krebstherapie eingesetzt. Neuere Versuche zeigten, dass Mistelextrakte

    • Apoptose induzieren,
    • Zellen des unspezifischen Immunsystems stimulieren,
    • DNA stabilisieren.

    Die Wirkungen, die die einzelnen Bestandteile im Mistelextrakt ausüben, widersprechen sich zum Teil, ergänzen sich aber auch. So induzieren Mistellektine, die am besten erforschte Inhaltsstoffgruppe der Mistel, einerseits die Apoptose immunkompetenter Zellen, andererseits veranlassen sie die Produktion von Antikörpern zum Schutz derselben Zellen und steigern deren Leistungsfähigkeit (z. B. Vermehrung von Monozyten und Makrophagen, mehr proinflammatorische Zytokine, vermehrte Phagozytose).

    Im Tierversuch hemmen Mistelextrakte – wie wiederholt gezeigt wurde – das Wachstum und die Metastasierung von Tumoren. Eine Anreicherung einzelner Bestandteile des Extraktes oder deren isolierte Applikation brachte dabei gegenüber dem genuinen Extrakt keine Vorteile.

    Auch die unterschiedlichen Wirtspflanzen der Mistel, die deren Inhaltsstoffmuster (z. B. Mistellektine) durchaus beeinflussen, sind nach Meinung von Büssing in etwa gleichwertig (während die Anthroposophie hier bekanntlich differenziert).

    Dagegen meint Büssing, dass die Therapie mit Mistelextrakten durch eine andere Applikation optimiert werden könnte. In der Klinik zeigte sich, dass durch die intrapleurale Instillation bei malignen Pleuraergüssen zwei Drittel der Tumorzellen eliminiert wurden.

    Derzeit sind die Extrakte nur zur subkutanen Injektion zugelassen, und Forschungsgelder für klinische Studien, die einer Änderung der Zulassung vorausgehen müssten, stehen zurzeit nicht zur Verfügung.

    Abschließend betonte der Referent seine Auffassung, dass Mistelextrakte nicht ausschließliches Mittel einer alternativen Krebstherapie, sondern Bestandteil einer integrativen Krebstherapie sein sollten.

    Drogen aus Übersee

    Neben der rationalen Phytotherapie stehen komplementäre und alternative Behandlungskonzepte, die zum Teil aus Übersee stammen. Hier können bei der Bewertung der Arzneidrogen oder ihrer Zubereitungen besondere Probleme entstehen.

    Dr. Lothar Kabelitz, Vestenbersgreuth, zeigte dies am Beispiel von Drogen der traditionellen chinesischen Medizin auf. In den meisten Fällen ist schon die Identitätsprüfung schwierig, weil es an Referenzdrogen mangelt. Hinzu kommt die potenzielle Belastung mit Pestiziden, Schwermetallen und Mikroben.

    Die Doktorandin Simla Basar, Hamburg, befasste sich mit dem Weihrauch, der bei der Verbrennung des Weihrauchharzes (Olibanum) entsteht.

    Sie fand, dass die Diterpene des Harzes die Pyrolyse überraschenderweise nahezu unverändert überstehen, während die Triterpene, zu denen auch die als Wirkprinzip geltenden Boswelliasäuren gehören, decarboxyliert und dehydriert und folglich abgebaut werden. Ein therapeutischer Effekt von Weih-"Rauch" dürfte damit ausgeschlossen sein.

    Übrigens fand sie keine Anhaltspunkte für die Behauptung, dass Weihrauch kanzerogen sei, die im Jahr 2001 durch die Tagespresse ging.

    Workshops

    Auf dem GA-Kongress fanden mehrere Workshops mit Vertretern aus Hochschule, Industrie und Behörden statt, in denen praktische Aspekte der Herstellung, Qualitätssicherung, Zulassung und Anwendung von Phytopharmaka diskutiert wurden.

    NIR-Spektroskopie

    Prof. Dr. Beat Meier, Romanshorn, Vorsitzender der GA-Arbeitsgruppe "Quality Control and Manufacturing of HMPs", leitete einen Workshop über den Einsatz der Nah-Infrarot(NIR)-Spektroskopie bei der Identitäts- und Qualitätskontrolle pflanzlicher Arzneidrogen mit den Experten Diller, Roos, Schulz und Schulzki (s. Foto). Anlass war die im Februar 2003 publizierte Leitlinie CPMP/QWP/3309/01 der europäischen Zulassungsbehörde EMEA.

    Größter Vorteil der NIR-Spektroskopie, die einst entwickelt wurde, um den Coffein-Gehalt von entcoffeiniertem Kaffee zu prüfen und die von Phytopharmakaherstellern bereits seit längerem zur In-Prozess-Kontrolle angewendet wird, ist ihre Schnelligkeit; größter Nachteil ist ihre langwierige Etablierung, die aufgrund der erforderlichen Datensammlung von Proben verschiedener Herkünfte und Ernten der zu prüfenden Drogen etwa ein Jahr in Anspruch nimmt. Dieser Aufwand macht sich allerdings dann bezahlt, wenn große Materialmengen zu begutachten sind.

    Derzeit kann die NIR-Spektroskopie von Fall zu Fall nur als Alternative zur jeweiligen Arzneibuchmethode verwendet werden, wenn sie sich auf diese bezieht. Die zitierte Leitlinie gibt den Herstellern Hinweise, wie die Methode zu etablieren ist.

    Harmonisierung von DC-Methoden

    Ein weiterer von Meier organisierter und geleiteter Workshop mit den Experten Wagner, Reich, Brem und Franz (s. Foto) erörterte die internationale Harmonisierung der Dünnschichtchromatographie (DC) zur Prüfung von Arzneidrogen und ihren Zubereitungen.

    Seit der Etablierung der HPLC gilt die DC in weiten Kreisen als überholt, weil sie angeblich nicht so zuverlässige Ergebnisse liefert. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass die DC (bzw. die aus ihr entwickelte Hochleistungs-DC) eine Renaissance erleben wird, zumal sie im Europäischen Arzneibuch immer noch die Methode der Wahl ist.

    Voraussetzung dafür ist, dass die Methoden vereinheitlicht werden, angefangen beim Plattenmaterial bis hin zu den Hilfsmitteln der Visualisierung. Exakte Vorschriften, an deren Erstellung die zuständigen Behörden arbeiten, werden die Reproduzierbarkeit erhöhen und den individuellen Spielraum bei der Bewertung der Ergebnisse einschränken, so das Fazit der Teilnehmer.

    Rechtlicher Status von Pflanzenzubereitungen

    Prof. Dr. Arnold Vlietinck, Antwerpen, Vorsitzender GA-Arbeitsgruppe "Regulatory Affairs on Herbal Medicinal Products", leitete einen Workshop über die zulassungsrechtliche Einstufung nicht nur von Phytopharmaka, sondern auch von anderen Pflanzenzubereitungen mit mehr oder weniger großem therapeutischem oder gesundheitsprotektivem Anspruch, wie er in dem Begriff "Nutraceuticals" zum Ausdruck kommt.

    Er erinnerte daran, dass der Begriff "Functional Food" in Japan kreiert worden sei, dann von den USA Besitz ergriff und von dort nach Europa hinüberschwappte. Diese Wortschöpfungen sind reichlich unpräzise, letztlich handelt es sich um Nahrungsergänzungsmittel, was die Sache nicht einfacher macht, denn mit der Definition dieses Begriffs müht man sich in Europa schon lange.

    Einen Anfang zur EU-weiten Harmonisierung der Rechtslage hat hier die im Juni 2002 erlassene Richtlinie 2002/46/EG gemacht, die sich allerdings nur auf Vitamin- und Mineralstoffpräparate erstreckt.

    Bei den Phytopharmaka wird sich EU-weit die Trennung in Arzneimittel

    • des "well-established medicinal use (allgemein medizinisch verwendet), bei denen die pharmazeutische und therapeutische Qualität durch wissenschaftliches Erkenntnismaterial gesichert ist, und
    • des "traditional use" (traditionelle Anwendung), deren therapeutischer Nutzen sich aus der Erfahrung mit ihrer langjährigen Anwendung ergibt,

    durchsetzen. Dabei dienen die in Deutschland etablierten Verfahren der regulären Arzneimittelzulassung und der vereinfachten Zulassung nach § 109 a AMG weitgehend als Vorbild.

    Die Harmonisierung wird sich in manchen Ländern möglicherweise gravierend auf die Distributionswege auswirken. So verwies Maurice Hanssen, Präsident des europäischen Verbandes der Hersteller von "Health Products" darauf, dass es in Belgien etwa 600 Gesundheitsläden gibt, deren weitere Existenz gefährdet, wenn Gesundheitsprodukte mit "subtherapeutischem Niveau" den Status von Arzneimitteln erhalten und apothekenpflichtig werden sollten.

    Er plädierte dafür, dass die einzelnen EU-Mitgliedstaaten die Vermarktung der EU-weit einheitlich eingestuften Produkte intern regeln sollten.

    Dr. Konstantin Keller, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Phytopharmaka der EMEA, gab einige Beispiele dafür , welche Aussagen bei der Deklaration und Bewerbung von Lebensmitteln nicht mehr möglich sein werden. Dazu zählen z. B. die Stärkung des Immunsystems und die Gewichtsabnahme.

    Ansonsten erläuterte er, wie auch Priv.-Doz. Dr. Orlando Petrini vom europäischen Arzneimittelherstellerverband AESGP, die Abstufungen beim Status von Arzneimitteln, die sich aus der Evidenz des vom Hersteller vorgelegten Materials ableiten lassen.

    Ein gesundheitspolitisch höchst aktueller Workshop erörterte die beabsichtigten Änderungen der Erstattungsfähigkeit von Phytopharmaka zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland und endete mit der Verabschiedung einer Resolution, die unter anderem allen Bundestagsabgeordneten zugesandt wurde (s. Bericht in DAZ 37, S. 19).

    Mitgliederversammlung der GA

    Die GA hat Anfang April ihr 50-jähriges Bestehen mit einem Symposium in ihrem Gründungsort Bad Camberg gefeiert und befindet sich weiterhin auf Erfolgskurs, wie Präsident Rudolf Bauer, Graz, konstatierte. Die Mitgliederzahl beläuft sich auf 1061, was einen neuen Rekord darstellt. Dabei wächst der Anteil außereuropäischer Mitglieder überproportional.

    Diesem Trend Rechnung tragend, wird der nächste Jahreskongress als Joint Venture mit anderen internationalen und nationalen Fachgesellschaften in Phoenix, Arizona, USA stattfinden.

    Die Internationalität der GA spiegelt sich auch in ihrem wissenschaftlichen Periodikum Planta Medica wider, das seit dem Jahr 2002 mit 12 Heften jährlich (vorher: 9) erscheint. Gut die Hälfte der publizierten Aufsätze stammt von Autoren aus Asien (China, Korea, Japan u.a.), nurmehr ein knappes Drittel aus Europa, wie der Herausgeber Prof. Dr. Adolf Nahrstedt, Münster, darlegte.

    Der Impact Factor, ein Maß für das wissenschaftliche Niveau einer Fachzeitschrift, beträgt 2,289 und wird in diesem Bereich von keinem konkurrierenden Medium übertroffen. Nahrstedt kündigte an, nach Ablauf eines Jahres als Herausgeber zurückzutreten und dieses Amt an Prof. Dr. Matthias Hamburger, Jena, zu übergeben.

    Turnusgemäß mussten alle Mitglieder des fünfköpfigen Vorstandes für die nächsten beiden Jahre neu gewählt werden. Alle amtierenden Funktionäre stellten sich wieder zur Wahl und wurden mit großen Mehrheiten in ihren Ämtern bestätigt:

    Präsident: Prof. Dr. Rudolf Bauer, Graz Vizepräsidentin: Prof. Dr. Brigitte Kopp, Wien, Vizepräsident: Prof. Dr. Wolfgang Kreis, Erlangen, Schatzmeisterin: Priv.-Doz. Dr. Gudrun Abel, Neumarkt, Schriftführerin: Dr. Renate Seitz, Emmering.

    Dem zehnköpfigen Beirat gehören nunmehr folgende Personen an: Prof. Dr. Susanne Alban, Kiel Prof. Dr. Wolfgang Blaschek, Kiel Prof. Dr. Salvador Cañigueral, Barcelona Prof. Dr. Chlodwig Franz, Wien Prof. Dr. Matthias Hamburger, Jena Prof. Dr. Peter Houghton, London Prof. Dr. Beat Meier, Romanshorn Prof. Dr. Adolf Nahrstedt, Münster Prof. Dr. Hans Scheffer, Leiden Prof. Dr. Arnold Vlietinck, Antwerpen

    Weitere Informationen zum GA-Kongress und zu sonstigen Aktivitäten der GA findet man auf der Website www.ga-online.org.

  • Verschiedenste Aspekte im Zusammenhang mit Phytopharmaka präsentierten Wissenschaftler aus aller Welt auf dem 51. Jahreskongress der Gesellschaft für Arzneipflanzenforschung (GA) Anfang September in Kiel. Neue Screeningmethoden, neue Wirkstoffe, Medikamente in der Pipeline und nicht zuletzt rechtliche Rahmenbedingungen bei der Einstufung und Vermarktung von Phytopharmaka waren die Hauptthemen der Veranstaltungen.

    "Fascination – Facts – Future" Das Motto des 51. GA-Kongresses in Kiel drückt in knappster Form etwas von dem Wesen aus, das wohl jeder Wissenschaft inne wohnt: Am Anfang steht die Begeisterung oder auch die Verwunderung über eine Beobachtung, dann folgt die oft mühselige Herausarbeitung der dem Phänomen zugrunde liegenden Fakten, und schließlich stellt sich die Frage nach den Konsequenzen, die sich aus den neuen Erkenntnissen ergeben.

    Dies ist allerdings nur eine der möglichen Interpretationen. Natürlich sind auch die Suche nach den Fakten und die Mitgestaltung der Zukunft faszinierend, und natürlich hat auch die Faszination an der Wissenschaft eine Zukunft, trotz mancher Klagen über abnehmende Forschungsmöglichkeiten.

    Der Kongress zeigte jedenfalls, wie aktiv die Arzneipflanzenforscher in aller Welt sind und dass sie an die Zukunft ihres Faches glauben. cae

    Ehrenmitglied Präsident Bauer ernannte Prof. Dr. Rudolf Hänsel zum Ehrenmitglied der GA. Hänsel wurde 1920 in Zinnwald (Tschechien) geboren, studierte in München Pharmazie, habilitierte sich dort für das Fach Pharmakognosie und wirkte von 1956 bis zu seiner Emeritierung 1987 an der Freien Universität Berlin.

    Er ist vor allem durch das von ihm zusammen mit Ernst Steinegger (seit der 6. Auflage 1999 auch mit Otto Sticher) herausgegebene "Lehrbuch der allgemeinen Pharmakognosie" (1. Auflage 1963) bekannt geworden.

    Weitere von Hänsel herausgegebene Standwerke sind "Therapie mit Phytopharmaka" (1. Aufl. 1983 mit Hans Haas, ab 3. Auflage 1996 unter dem Titel "Rationale Phytotherapie" mit Volker Schulz), "Lehrbuch der pharmazeutischen Biologie (mit Wolfgang Ax, 1996) und "Pharmazeutische Biologie" (mit Theodor Dingermann und Ilse Zündorf, 2002). Zudem ist Hänsel Mitherausgeber der 5. Auflage von "Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis" (ab 1992).

    Hänsel zählt zu denen wenigen heute noch lebenden Gründungsmitgliedern der GA. Er nahm im April 1953 in Bad Camberg am ersten Kongress der GA teil und war von 1964 bis 1967 deren Vizepräsident.

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