Aidsforschung

Gastkommentar: Zwischen Safer Sex und sicherer Medizin

Kennt noch jemand die Krankheit Aids? So eine Mischung aus Schwulen- und Junkie-Seuche, die in den Eighties für Schlagzeilen sorgte. Dem heilsamen Schock folgten gewitzte Safer-Sex-Kampagnen. Die Leute dachten über ihre Beischlaf-Gewohnheiten nach und kauften "Süssmuth-Tüten". (Er)Folge: Epidemiologen wunderten sich über sinkende Infektionszahlen. Und heute? Zeigen die Infektionsraten wieder nach oben. Seit den 90er-Jahren kommen auch Syphilis und andere Geschlechtskrankheiten zurück. Vorboten von Aids.

Die Wahrnehmung der Immunseuche hat sich komplett gewandelt. Von der tödlichen Infektion zu einer fast normalen Krankheit – chronisch, aber therapierbar. Moderne antiretrovirale Behandlung bewahrt HIV-Kranke wahrscheinlich 20 bis 25 Jahre vor Siechtum und Tod. Wo die "Überlebensfrage" verblasst, darf's ja von sex & drugs wieder ein bisserl mehr sein. Wenn's schief geht, gibt es sichere Medizin. Auch das haben wir vom medizinischen Fortschritt: Wer nimmt Aids hier und heute noch ernst?

Westeuropa, besonders Deutschland, droht Gefahr weniger aus dem fernen Afrika, sondern von den östlichen Nachbarn. HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten verbreiten sich auf dem Balkan und in Osteuropa teilweise wie ein Feuer in der Dürre. "Vektoren" sind Sextouristen und andere Handeltreibende. Zurück im Westen treffen und lieben sie ihre völlig sorg- und ahnungslosen Nächsten. In zwei, drei Jahren ist Aids wieder in den Schlagzeilen, sagen Experten heute.

Doch das Aids-Epizentrum ist und bleibt Afrika. Drei von vier Infizierten dieser Erde leben südlich der Sahara. Angesichts des wieder quicklebendigen kollektiven Leichtsinns hierzulande erscheinen westliche Mahnungen an südliche Länder sehr überdenkenswert.

In der Vorstellung nicht weniger Hinterköpfe spukt der Schwarzafrikaner als vom Männlichkeits- und Sexwahn besessenes, frauenverachtendes Wesen, zudem unfähig der Adaption westlicher Errungenschaften von Kondom bis Medizin.

Von Vorurteilen dieses Kalibers ist es nicht weit bis zum Trugschluss, dass "die da unten" an so viel Aids ja selber schuld sein müssen. Und von da nicht weit zu der Forderung, Aids zuerst, wenn nicht allein, mit verhaltensändernden Maßnahmen klein zukriegen. Ähnlich wie die Drogensucht.

Mehr Prävention, Aufklärung und Verhaltensänderung wird verlangt. Völlig richtig, unabdingbar — aber kurzfristig keine Lösung. Ohne einfachen und schnellen Zugang zu modernen Arzneien werden an Aids weiterhin tagtäglich Tausende sterben.

Das waren wichtige Botschaften vom IAS-Kongress: Die Mär, dass komplizierte westliche HIV-Therapie beim afrikanischen Bauern nicht funktionieren kann, weil er keine Uhr besitzt, nach der er die Tabletten einnimmt, und den Waschzettel sowieso nicht lesen kann, haben Studien der existierenden Behandlungsprogramme widerlegt.

Einen Dämpfer ernteten auch abgebrühte "Volkswirtschaftler", die Leben rettende Aidsmedikamente für die Armen nur dann gutheißen, wenn irgendeine Kennzahl aus Bruttosozialprodukt zu gewonnenen Lebensjahren stimmt. Wie zynisch dürfen Ökonomen sein? Wie lange werden bei uns noch die Heerscharen von Diabetikern oder Rauchern behandelt – wo sie doch aufgrund falscher Lebensweise erkranken und die Volkswirtschaft mit Milliardenkosten belasten?

Bezüglich Aids in Afrika stellte die IAS-Tagung Beispiele vor, die zeigen: Sogar bei völlig freier Medikamentenzuteilung übersteigt der volkswirtschaftliche Nutzen klar die Kosten.

Moderate Medikamentenpreise vorausgesetzt! Und da liegt nach wie vor der Hase im Pfeffer. Auf den Inseln der Seligen, im Westen, zerstört Aids Einzelschicksale. Das ist tragisch genug. In Afrika zerstört die Pandemie Familien und Gesellschaften. Das ist jenseits unserer Vorstellung.

In den Industrieländern kann man sich kollektiven Leichtsinn und Aidstherapien von 15 000 Euro pro Jahr irgendwie "leisten". Ein Bruchteil der Kosten bricht südlichen Ländern wirtschaftlich und gesellschaftlich das Genick.

Volkswirtschaftler rechneten auf dem Aidskongress vor, wie Aids Bruttosozialprodukte halbiert und Fortschritte aus Entschuldung und westlichen Investitionen zunichte macht.

Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela geißelte diese Zustände als "Zerrbild der Menschenrechte in globalem Maßstab". Für freien Zugang zu Aids-Medikamenten und mehr Gelder für den globalen Hilfsfond, der weltweit Prävention und Medikation unterstützt, warf der charismatische Mandela seine internationale Reputation in die Waagschale – und erntete Ovationen.

Aber seine Zuhörer waren Ärzte, nicht Politiker. Letztere werden sich an Aids erst erinnern, wenn die Seuche wie ein Untoter wieder vor der eigenen Haustür steht.

Stichwort: TRIPS-Abkommen Im TRIPS-Abkommen (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights) der Welthandelsorganisation (WTO) wurden weltweite Mindeststandards zum Patenrecht – auch für pharmazeutische Produkte und Prozesse – festgelegt. Umstrittenes Kernstück des TRIPS-Abkommens ist das 20 Jahre währende Patentrecht auf jede Neuerfindung, vom Computerchip bis zum lebensnotwendigen Medikament.

Um zu verhindern, dass der Zugang zu Medikamenten in ärmeren Ländern an Patentrechten scheitert, wurden im TRIPS-Abkommen Schutzmechanismen aufgenommen. Die beiden wichtigsten sind das Recht zu Parallelimporten und die Nutzung von Zwangslizenzen.

Stichwort: Global Fund to fight AIDS, Tuberculosis & Malaria Der 2001 gegründete Fond soll nationale Gesundheitssysteme in Entwicklungsländern bei der Bekämpfung der drei großen Infektionskrankheiten unterstützen. Auf Basis unabhängiger Recherche vor Ort finanziert er die Anschaffung von Medikamenten und Gesundheitsprodukten wie Kondomen, aber auch präventive Maßnahmen und Edukation.

Hilfen werden anfangs auf zwei Jahre gewährt und erst bei nachweislichen Erfolgen der Programme verlängert. Der Fond trägt derzeit rund 160 Programme in 92 Ländern. Unter anderem konnten 500 000 HIV-infizierte oder Aids-kranke Menschen mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden. Ebenso vielen durch Aids verwaisten Kindern wurde medizinische Versorgung und Ausbildung gewährt. 20 Millionen Kombinationsbehandlungen bei therapieresistenter Malaria wurden ermöglicht.

Auszüge aus der Rede von Nelson Mandela Die Wissenschaft hat uns die Mittel gegeben um die Krankheit zu stoppen. Das Problem ist, dass sie nicht dort eingesetzt werden, wo sie am notwendigsten sind – in den Entwicklungsländern, den ärmsten Regionen der Welt…

Wir haben es nicht geschafft, den wissenschaftlichen Fortschritt in Handeln zu übersetzen. Dies ist eine globale Ungerechtigkeit, die nicht toleriert werden darf. Sie ist ein Zerrbild der Menschenrechte in globalem Maßstab…

Die Welt muss mehr tun, viel mehr, an jeder Front im Kampf gegen Aids. Natürlich bedeutet dies, unsere Anstrengungen zur Prävention dramatisch zu erhöhen. Aber die schlagendste Ungerechtigkeit ist unser Versagen, lebensrettende Behandlung den Millionen von Menschen, die darauf angewiesen sind, zur Verfügung zu stellen.

Wir glauben, der allerwichtigste Schritt, den wir jetzt tun müssen, ist, den Entwicklungsländern Zugang zu Medikamenten zu geben. Dies zu verzögern, gibt es keine Entschuldigung.

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