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Kein Versandhandel ist so schnell ... (Interview)

(hvj). Bereits 1997 richteten die Wiener Apotheker einen Arzneizustellservice für ihre Patienten ein. Am 30. April starteten sie einen neuen Zustellservice. Was es damit auf sich hat und über die Erfahrungen damit unterhielten wir uns mit dem Vizepräsidenten der Landesgeschäftsstelle Wien, Mag. pharm. Max Wellan.

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Herr Wellan, wie stark wurde der 1997 ins Leben gerufene Zustellservice der Apotheken für Notfälle im Raum Wien genutzt und welche Erfahrungen haben Sie dabei gesammelt?

Wellan:

1997 haben wir den ersten Zustellservice in Zusammenarbeit mit der Wiener Taxigenossenschaft aufgebaut. Prinzipiell hat dieser sehr gut funktioniert, war aber Kunden und Patienten zu wenig bekannt. Auch haben sich die Wiener Taxifahrer für die Zustellung von Arzneimitteln nicht als optimal erwiesen, ein Botendienst scheint uns so gesehen sinnvoll.

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Auf wessen Initiative und aus welchem Grund wurde dieser Service jetzt durch die Botendienst Veloce neu organisiert?

Wellan:

Der Initiator dieses neuen Zustellservices war und ist die Apothekerkammer Wien. Unsere Intension war einerseits, den zuvor eingeführten Zustellservice zu verbessern, andererseits wollten wir den Beweis antreten, dass nur die öffentlichen Apotheken eine sichere und rasche flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln gewährleisten können. Mit diesem neuen Zustellservice soll letztendlich auch der Beweis unserer Leistungsfähigkeit erbracht werden.

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Inwieweit glauben Sie, dass die von Ihnen geforderte Zustellgebühr zwischen 7 und 9 Euro von den Patienten akzeptiert wird?

Wellan:

Die bei diesem Zustellservice erhobene Gebühr wird von Kunden und Patienten akzeptiert. Mir sind keine Probleme oder Beschwerden in diesem Zusammenhang bekannt. Letztendlich ist diese Gebühr im Vergleich zu dem herausragenden Service – Lieferung innerhalb einer Stunde – eigentlich sehr gering.

Außerdem subventionieren wir jeden Botendienst während der Notdienstzeit mit einem Euro. Auch haben die Apotheken die Möglichkeit während der regulären Öffnungszeiten individuelle Zustellgebühren zu vereinbaren.

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Kooperieren Sie bei diesem Serviceangebot mit anderen Leistungserbringern im Gesundheitswesen, insbesondere mit einem ärztlichen Bereitschaftsdienst?

Wellan:

Unsere Erfahrungen mit dem Ärztefunknotdienst waren prinzipiell nicht negativ, doch haben sie sich in der Praxis als zu kompliziert erwiesen. Wir sind überzeugt, dass wir Apotheker uns in diesem Bereich eigenständig organisieren müssen und dass sich diese eigenen Serviceorganisationen in Zukunft bewähren werden.

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Inwieweit ist dieser Zustellservice in Ihren Augen eine Alternative gegen den europäischen Versandhandel, welcher das flächendeckende Netz der österreichischen Apotheken gefährden könnte?

Wellan:

Unseren Zustellservice sehen wir als keine direkte Konkurrenz zu einem möglichen Versandhandelmodell aus dem Ausland. Es steht doch fest, dass kein Versandhandel der Welt in Notfällen so kompetent und schnell reagieren kann wie die Wiener Apotheken mit diesem Zustellservice.

Wir sehen es als entscheidendes Kriterium einer Arzneimittelversorgung an, in Notfällen den Patienten schnell Medikamente zur Verfügung stellen zu können. Liegt kein Notfall vor, so ist es dem Patienten einerseits zumutbar in die nächstgelegene Apotheke zu gehen und andererseits ist es nicht einzusehen, dass Versandkosten bei der Zustellung von Arzneimitteln anfallen, wenn kein Notfall vorliegt.

In jedem Fall muss ein Apotheker vor Ort als Anlaufstelle für Patienten zur Verfügung stehen, da sonst die Arzneimittelsicherheit nicht garantiert werden kann.

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Seitens Ihrer Kammer wird dieser Zustellservice also nicht als Alternative zum Versandhandel gesehen. Können Sie sich nicht vorstellen, dass mit Ihrem "Zustelldienstsystem" ein einzelner Großanbieter sich die Möglichkeit schafft in anderen Gebieten Österreichs großräumige Zustelldienste zu organisieren und somit den Apotheken vor Ort evtl. eine unangenehme Konkurrenz entsteht?

Wellan:

Eine "Rosinenpickerei mit teuren Medikamenten" ist mit diesem Zustellsystem nicht möglich, da alle Wiener Apotheken mitmachen müssen und nur die nächstgelegene Apotheke durch unseren Zustellservice beauftragt wird. Unser Kooperationspartner – der Botendienst Veloce – kann auch nur so kostendeckend arbeiten.

An dieser Stelle möchte ich auch erwähnen, dass die Botendienst Veloce von unserer Kammer exklusiv beauftragt ist, die Mitarbeiter ausreichend geschult sind und dieser Service ständig von uns kontrolliert wird. Hier wird die Kammer auch stets darauf achten, dass niemand mit diesem Zustellservice Missbrauch betreibt.

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Inwieweit findet dieser Zustellservice Akzeptanz bei den Kollegen? Gibt es nicht dort jetzt Ängste, oder aber eine breite Zustimmung?

Wellan:

Es hat sich bis jetzt kein Kollege geweigert an diesem Service teilzunehmen. Wir haben dieses gesamte Serviceprojekt gut vorbereitet, indem wir innerhalb des Vorstandes, mit den Delegierten und Kollegen vor Ort ausgiebig diskutiert und somit in die Entscheidung eingebunden haben. Ich glaube aber auch, dass die Zeit zeigen wird, wie dieser Service angenommen wird. Wichtig ist, dass wir Apotheker nicht reagiert, sondern agiert haben und dass wir Apotheker gewillt sind, neue Serviceangebote und Vertriebswege selbst mitzugestalten.

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Herr Wellan, wir bedanken uns für das Gespräch!

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