Kommentar

Keckes Ablenkungsmanöver

Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) hat sich in einem offiziellen Papier, das bei der Anhörung zum Gesundheitssystem-Modernisierungsgesetz (GMG) am 25. Juni präsentiert wurde, für die Zulassung von Arneimittelversandhandel und Apothekenketten ausgesprochen (DAZ 26 [2003], S. 27). Einige der Firmen - vor allem solche mit eigenen OTC-Sparten oder -Töchtern - haben intern daraufhin einigen Gegenwirbel verursacht. Sie haben sich wahrscheinlich daran erinnert, dass unfaire Attacken auf die Apotheken dort manchmal zu harschen Reaktionen führen - Lichtwer und Merck Darmstadt können ein Lied davon singen. Der Verband sah sich deshalb wohl v. a. durch eigene Mitglieder zu einer "Klarstellung" genötigt, die allerdings windelweicher und halbherziger kaum hätte ausfallen können (DAZ 28 [2003], S. 26).

Bei seiner Attacke auf die Apotheken sitzt der VFA im Glashaus und wirft mit Steinen. Und trotzdem hören wenige Politiker bislang, wie die Scheiben scheppern. Es ist dem VFA gelungen, den Eindruck zu erwecken und zu verfestigen, als könne und müsse man in Deutschland an den Distributionskosten Geld sparen. Das ist ein durchaus geschicktes Ablenkungsmanöver, fast schon eine Meisterleistung an Irreführung. Denn wenn man genau hinschaut, ist bei den Distributionskosten kaum noch etwas zu holen. Die Umsatzrenditen von Großhandel und Apotheken sind geradezu erbärmlich im Vergleich zu dem, was in der Pharmaindustrie (zumal bei den supranationalen Unternehmen) hängen bleibt.

Die FAZ hat dazu gerade aktuelle Zahlen für 2002 veröffentlicht (FAZ 8. 7. 2003, S. U9). Die höchsten Umsatzrenditen überhaupt - betrachtet man alle Branchen - würden trotz aller Probleme der Gesundheitssysteme "eindeutig in der Pharmaindustrie erwirtschaftet". Pfizer z. B. kommt demnach nach allen Kosten (auch nach den Forschungsaufwendungen) und nach Steuern auf 28,2 %. Viele andere Pharmahersteller stehen dem wenig nach: Novartis 22,6 %, GlaxoSmithKline 18,5 %, Johnson & Johnson 18,2 %, Merk & Co. 13,8 %, Aventis 10,1 %. Selbst deutsche Firmen, denen es derzeit nicht besonders gut geht, stehen im Vergleich zu Großhandel und Apotheken immer noch fürstlich da (Bayer z. B. mit 6,7 % nach Steuern ist inzwischen fast auf das Niveau der Autoindustrie [!] abgesunken).

Der pharmazeutische Großhandel - zum Vergleich - brachte es bis 2002 auf Umsatzrenditen von einer schwarzen Null bis zu 2 % (vor Steuern). Bei den Apotheken blieben 2001 immerhin 1,4 %, 2002 noch 0,5 % als Betriebsgewinn vor Steuern hängen, für 2003 sind tiefrote Zahlen sicher. Dabei sind gleiche Kriterien wie bei Großhandel und Industrie zugrunde gelegt, ein angemessenes Honorar für die Arbeitsleistung des als Freiberufler tätigen Apothekenleiters ist also (analog zur Bezahlung der Geschäftführer bzw. Vorstände bei Großhandel und Industrie) den Betriebskosten zugerechnet. Wann versteht die Politik, wo welche Renditen anfallen und welche Fragen sich da stellen?

Klaus G. Brauer

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