Arzneimittel und Therapie

Antihistaminika: Den "allergischen Marsch" vermeiden

Zur Therapie allergischer Erkrankungen stehen dem Arzt heute eine breite Palette moderner Antihistaminika zur Verfügung, mit deren Hilfe es möglich sein dürfte, rechtzeitig eingesetzt, den "allergischen Marsch", d. h. die Chronifizierung der Beschwerden und die Ausdehnung auf andere Organsysteme, zu verhindern. Zu Beginn der aktuellen Heuschnupfensaison veranstaltete die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAI) eine Pressekonferenz, auf der Experten auf die große Bedeutung allergischer Erkrankungen und nicht zuletzt auf ihre Lebensbedrohlichkeit wie Asthma und Anaphylaxie aufmerksam machten.

In der Wirkstoffklasse der Antihistaminika wurden in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt. Wies die erste Generation der Antihistaminika noch eine geringe Selektivität für den H1-Rezeptor auf und zeigte anticholinerge Wirkungen und eine starke Sedierung, konnte mit der zweiten Generation (Antihistaminika seit 1972) eine gute Wirksamkeit und eine hohe H1-Selektivität erreicht werden bei geringerer Sedierung. Diskutiert werden bei diesen Substanzen allerdings kardiotoxische Effekte.

Nach Meinung von Experten dürfte die Einführung von Desloratadin und Levocetirizin sowie verschiedener Generika eine Neubewertung der Antiallergika erforderlich machen. Eine so genannte dritte Generation von Antihistaminika sollte allerdings deutliche Vorteile gegenüber der zweiten Generation aufweisen.

Was eine neue Antihistaminika-Generation leisten muss

Basierend auf der Empfehlung eines Expertenworkshops im November 2001 (Aria-Workshop) und der Leitlinienkonferenz "Allergische Rhinitis" der DGAI sollte eine neue Generation von Antihistaminika folgende Voraussetzungen erfüllen:

  • potenter H1-Rezeptor-Antagonismus,
  • Wirksamkeit über 24 Stunden,
  • einmal tägliche Gabe, keine Tachyphylaxie,
  • schneller Wirkeintritt,
  • keine Wechselwirkungen mit Nahrung oder anderen Arzneistoffen,
  • keine Sedierung, keine anticholinerge Wirkung, keine Gewichtszunahme,
  • keine kardiotoxischen Effekte oder Risiken,
  • additive antiallergische Eigenschaften

Selbstverständlich sollten sie alle allergischen Symptome unterdrücken einschließlich der nasalen Obstruktion, des Juckreizes und der bronchialen Begleitsymptome. Denkbar ist, dass die neuen Antihistaminika, die diesen Anforderungen gerecht werden, die topische Therapie in Zukunft zum Teil ersetzen. Der Wirkstoff Desloratadin kommt nicht zuletzt aufgrund seiner starken antiobstruktiven Wirkung diesen Forderungen der DGAI sehr nahe.

Möglichst bald antiallergisch behandeln

Die erste Manifestation allergischer Erkrankungen der Haut und der Atemwege erfolgt meist im frühen Kindesalter, etwa mit drei Jahren. Nicht selten chronifizieren die Beschwerden, der "allergische Marsch" beginnt, die Erkrankung kann sich auf andere Organsysteme ausdehnen. Dadurch wird nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen, sondern auch ihre schulische und berufliche Leistungsfähigkeit nachhaltig beeinflusst.

Eine möglichst frühzeitige und wirksame antiallergische Behandlung könnte nach Einschätzung von Experten eine Chronifizierung und Ausbreitung der Allergie verhindern. So müsse geprüft werden, ob durch die frühe Behandlung der Allergie mit H1-Antagonisten, Leukotrien-Antagonisten oder topischen Glucocorticosteroiden der allergische Marsch unterbrochen und die Inzidenz und Chronifizierung eines Asthma bronchiale bei Kindern und Jugendlichen eingedämmt werden könne.

Die ETAC-Studie (Early Treatment of the Atopic Child) ergab erste Hinweise auf die Nützlichkeit einer derartigen Frühintervention. Durchgeführt wurde die ETAC-Studie mit dem Wirkstoff Cetirizin. In Europa begann im Februar 2002 die PAAS-Studie (Protection Against Asthma and Sinusitis) mit dem Ziel, Kinder mit einer saisonalen allergischen Rhinitis ohne Asthma bronchiale präventiv mit Desloratadin zu behandeln und die Inzidenz eines Asthma bronchiale zu reduzieren. Begründet wird die Studie mit diesem Wirkstoff mit der hohen H1-Rezeptor-Bindungsaffinität und der damit verbundenen hohen antiinflammatorischen Wirkung bei gleichzeitig geringer Nebenwirkungsrate.

Die bisherigen Erfahrungen sprechen dafür, dass bei einer effektiven Behandlung der allergischen Rhinitis mit modernen Antihistaminika nicht nur die nasalen, sondern auch die bronchialen Symptome sowie der Verbrauch von Beta-Sympathomimetika bei Patienten mit gleichzeitig bestehendem Asthma signifikant gesenkt werden können. Antihistaminika werden daher von Fachleuten als Zusatztherapie bei Asthma und allergischer Rhinitis empfohlen.

Oft ausreichend: Lokale nasale Therapie

Da bei der allergischen Rhinitis ein Großteil der Symptome lokal auftritt, ist auch eine lokale Therapie sinnvoll. Lokal applizierbare Alfa-Sympathomimetika (in abschwellenden Nasensprays) eignen sich bei einer völligen nasalen Obstruktion. Zu bedenken ist hier allerdings die potenzielle Gefahr der Abhängigkeit und die Irritation entzündlich vorgeschädigter Schleimhäute. Nasensprays sollten daher nur kurzfristig eingesetzt werden.

Ist die Obstruktion beseitigt, stehen zur weiteren Therapie Chromone, lokale Antihistaminika und Glucocorticosteroide zur Verfügung. Die Anwendung von Chromonen (z. B. Dinatrium-Cromoglicinsäure und Nedocromil) bei Heuschnupfen ist eingeschränkt aufgrund der schwachen Wirkung und der viermal täglichen Anwendung (schlechte Compliance).

Lokale Antihistaminika wie Azelastin und Levocabastin eignen sich, so eine Expertenmeinung, nur bei leichten Beschwerden, insbesondere bei Augensymptomen. Als Arzneimittel der ersten Wahl bei der lokalen Behandlung allergischer Entzündungen sind topische Glucocorticosteroide anzusehen, bei denen die systemische Bioverfügbarkeit immer weiter gesenkt wurde (z. B. Triamcinolon, Budesonid, Fluticason und Mometason). Unter einer nasalen Steroidtherapie nehmen nasale Obstruktion, aber auch Sekretion und Irritabilität der Nasenschleimhaut deutlich ab.

Kastentext: Sorge wegen aut idem

Bedenken wegen der bevorstehenden Aut-idem-Regelung äußerte Prof. Dr. Dr. Johannes Ring, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAI). Gerade bei Allergikern müsse die individuelle Spezifität der verordneten Substanz besonders berücksichtigt werden. Eine Rolle spielten dabei auch Arzneimittel-bedingte Unverträglichkeitsreaktionen nicht nur durch den Wirkstoff, sondern auch durch die in den verschiedenen Zubereitungen enthaltenen Zusatzstoffe. Ring zitierte zwei Fälle, bei denen sich lebensbedrohliche anaphylaktoide Reaktionen und Todesfälle wegen bestimmter Zusatzstoffe ereigneten.

Nach seiner Auffassung kommt daher der spezifischen Verordnung bestimmter Präparate bei der Behandlung allergiekranker Patienten eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Die DGAI setzt sich daher dafür ein, dass Arzneimittel für die Behandlung von Allergien von der Aut-idem-Regelung ausgenommen werden sollten.

In einer Fragebogenaktion hat sie die Meinung von 3800 niedergelassenen Ärzten unterschiedlicher Fachdisziplinen eingeholt. Über 3000 Ärzte berichten dabei über Allergiker, die auf verschiedene Präparate gleichen Wirkstoffs unterschiedlich hinsichtlich Wirkung bzw. Nebenwirkung ansprachen.

Quelle: Nach Vorträgen von Prof. Dr. Claus Bachert, Gent, Prof. Dr. Ulrich Wahn, Berlin, Priv.-Doz. Dr. Gerd Rasp, München, Prof. Dr. Gerhard Schultze-Werninghaus, Bochum, und Prof. Dr. Dr. Johannes Ring, München, auf einem Pressesymposium der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie am 19. Februar 2002 in München.

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